Tradition

»Frauen waren schon immer weise«

Yemima Mizrachi ist Rabbanit, heute ein Ehrentitel für Frauen, die über umfassende Torakenntnisse verfügen. Sie arbeitete als Vertreterin vor rabbinischen Gerichten und zählt in Israel zu den bekanntesten religiösen Stimmen. Foto: robert gongoll

Rabbanit Mizrachi, Sie kommen gerade von einem Ihrer Seminare in München zurück. Was muss eine moderne Rebbetzin heute können?
Rabbiner können in ihrer Ausbildung auf eine reiche Tradition zurückgreifen. Für den Weg zur Rebbetzin hingegen hat es nie ein Handbuch gegeben. Jede Generation musste diese Rolle für sich selbst neu entdecken. Ich habe den Frauen in München gesagt, dass sie dieses Handbuch gerade jetzt selbst schreiben – und in vielen Fragen müssen sie erst einmal improvisieren. Sie schaffen etwas, das künftige Generationen übernehmen werden. Auch in Israel habe ich das in den vergangenen Jahren beobachtet: Besonders nach dem 7. Oktober 2023 gab es viele Rebbetzins, die sich ganz intuitiv eingebracht haben. Niemand hatte sie auf solche Situationen vorbereitet. Sie wussten einfach, was zu tun war.

Worin unterscheidet sich die Aufgabe einer Rebbetzin von der eines Rabbiners?
Der Rabbiner lehrt und beantwortet in erster Linie halachische Fragen. Aber gerade bei persönlichen Themen fühlen sich viele Frauen sicherer, sich einer anderen Frau anzuvertrauen, die ihre Erfahrungen nachvollziehen kann. Im traditionellen Judentum bleibt das Religionsgesetz in der Verantwortung des Rabbiners. Doch nach der Halacha kommt das Leben selbst: Wie gestaltet man Beziehungen? Wie baut man ein Zuhause auf? Wie geht man mit Enttäuschungen um? In diesen Fragen bietet die Rebbetzin Rat, zeigt Lösungen auf, vermittelt. Das ist eine große emotionale Aufgabe, die die Frauen oft ganz allein stemmen. Rebbetzins teilen mit ihren Ehemännern aber nicht nur die spirituelle Verantwortung. In vielen kleinen europäischen Gemeinden übernehmen sie auch ganz praktische Aufgaben. Sie kochen jeden Schabbat für Dutzende von Menschen. Sie empfangen Gäste, organisieren, unterrichten. Es ist körperliche und geistige Arbeit zugleich. Aber ich möchte nicht nur über die Anstrengungen sprechen. Nach allem, was ich beobachte, sind diese Frauen sehr glücklich. Sie spüren, dass sie eine heilige Aufgabe erfüllen. Als ich sie alle zusammen in München sah, erfüllte mich das mit großer Freude. Sie lachen miteinander, stärken einander, sie schenken dem jüdischen Volk Widerstandskraft.

»Ich bin mir nicht sicher, ob die Gemeinden wirklich begreifen, wie viel die Rebbetzins leisten.«

Im Gegensatz zum sehr sichtbaren Rabbiner arbeitet die Rebbetzin zum Großteil im Verborgenen. Haben Sie den Eindruck, dass sie ausreichend wertgeschätzt wird?
Ich wünschte, das wäre so. Anerkennung ist wichtig, weil jeder Mensch das Bedürfnis hat zu wissen, dass jemand sieht, was er trägt. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gemeinden wirklich begreifen, wie viel die Rebbetzins leisten. Vielleicht noch nicht. Ich bin sehr froh, dass wir durch unser Programm auch einen Teil dieser Anerkennung schaffen können. Die Rebbetzins sind füreinander zu einer Gemeinschaft geworden. Sie wissen, dass es andere Frauen gibt, die dieselbe Verantwortung tragen und sich mit denselben Fragen auseinandersetzen.

Welche Fragen beschäftigen die Frauen derzeit besonders?
Im Grunde dieselben Fragen wie jüdische Frauen überall auf der Welt: Wo liegen meine Grenzen? Wie viel kann ich geben, bevor mir die Kraft ausgeht? Wie schütze ich meine Ehe und meine Familie, während ich gleichzeitig für meine Gemeinde da bin? Wo endet die öffentliche Verantwortung und wo beginnt das Privatleben? In unserem Seminar zeigte eine Rebbetzin eine Lösung auf, die mich sehr beeindruckt hat. Als ihr die Belastung durch die Gemeindearbeit zu groß wurde, reduzierte sie ihre Aufgaben nicht. Stattdessen entschied sie sich, zusätzlich einen eigenen beruflichen Weg einzuschlagen. Plötzlich bestimmte die Rolle als Rebbetzin nicht mehr ihre gesamte Identität. Dadurch gewann sie wieder ein gesundes Gleichgewicht, und auch ihre Familie erhielt mehr Raum. Ich halte das für eine sehr kluge Strategie. Bemerkenswert ist, dass diese Frauen solche Lösungen oft selbst entwickeln.

»Wenn ich in die Generationen vor mir schaue, sehe ich kluge, eigenständige Frauen, die ihr Wissen weitergaben.«

In der Gesellschaft wird die traditionelle Rolle der Frau infrage gestellt. Sehen Sie in dieser Hinsicht auch eine Veränderung bei den Rebbetzins?
Wissen Sie, wenn ich in die Generationen vor mir schaue, sehe ich kluge, eigenständige Frauen, die ihr Wissen weitergaben. Meine Großmutter hat Frauen auf die Konversion vorbereitet, sie hat Bücher über die Tora geschrieben. Wir Frauen waren schon immer weise. Was sich verändert hat, ist vielleicht vielmehr der Blick der Männer auf uns. Sie erkennen jetzt an, was wir ohnehin schon seit Generationen leisten.

Die Frau des Rabbiners wird oft als Vorbild gesehen, zum Beispiel, wie sie ihre Kinder erzieht. Führt das auch zu Stress?
Natürlich, und manchmal kommen die schwierigsten Fragen aus den eigenen Familien. Ein Kind fragt zum Beispiel: »Warum empfängst du diese Familie so herzlich, obwohl sie nicht so lebt wie wir? Warum gelten für uns andere Maßstäbe?« Ich antworte den Rebbetzins dann, dass dieselbe Tora, die uns lehrt, den Schabbat zu halten, uns auch dazu verpflichtet, jedem Juden mit Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Das sind keine gegensätzlichen Werte. Sie entspringen derselben Quelle. Wenn Kinder verstehen, dass sowohl Güte als auch religiöse Verpflichtung Ausdruck der Tora sind, erkennen sie, dass zwischen beidem kein Widerspruch besteht.

Sie leiten das Rebbetzin-Programm seit vier Jahren. Wie hat sich das Leben der Rebbetzins seither verändert?
In jeder Hinsicht so, wie sich auch Europa nach dem 7. Oktober verändert hat. Plötzlich stellen sich diese Frauen Fragen, mit denen sie nie gerechnet hätten. Viele von ihnen schicken ihre Kinder auf nichtjüdische Schulen, weil es in ihrer Umgebung keine jüdischen Schulen gibt. Wie reagieren sie, wenn ihre Kinder antisemitische Beschimpfungen hören? Wie geben sie ihnen Selbstvertrauen, ohne die Realität zu beschönigen? Einige der Rebbetzins sind Israelinnen. Eine von ihnen sprach nach Kriegsbeginn mehrfach mit mir, weil sie innerlich zerrissen war. Sie fühlte sich schuldig, nicht bei ihrer Familie in Israel zu sein. Ich sagte ihr, wie wichtig gerade jetzt ihre Aufgabe hier in Europa ist.

Was gibt Ihnen Hoffnung für die Zukunft jüdischen Lebens in Europa?
Diese Frauen. Ich sehe so viel Weisheit, Verantwortungsbewusstsein, Humor und außergewöhnliche Stärke in ihnen. Die jüdische Identität wird bekanntermaßen über die Mutter weitergegeben. Wenn ich diese Frauen sehe, verstehe ich, warum. Lord Jonathan Sacks pflegte zu sagen, dass das englische Wort »responsibility« auch als »response-ability« verstanden werden kann – als die Fähigkeit zu antworten. Auch auf Deutsch funktioniert dieses Wortspiel: Verantwortung bedeutet, antworten zu können. Genau diese Fähigkeit besitzen diese Frauen. Und wenn sie noch keine Antwort haben, dann werden sie gemeinsam eine finden.

Yemima Mizrahi ist Präsidentin der Konferenz der Rabbiner-Frauen der europäischen Rabbinerkonferenz. Mit ihr sprach Mascha Malburg.

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