Tischa beAw

Nach der Zerstörung

Angesichts von grausamen Ereignissen wie hier im Kibbuz Be’eri nach den Massakern der Hamas stellt sich wieder die Frage nach dem Vertrauen in Gott. Foto: Flash 90

Tischa beAw ist zwar nicht der einzige Trauertag mit Fasten, doch wurde er zum zentralen und wichtigsten Gedenktag im hebräischen Kalender, an dem wir zur Reflexion über Trauer, Zerstörung und die Härten in der jüdischen Geschichte aufgerufen werden. Ursprünglich stand die Erinnerung an die Zerstörung des Ersten Tempels im Mittelpunkt; bereits in der Entstehungszeit der Fastenordnungen und ihrer halachischen Form wurde an dem Tag jedoch auch der Zerstörung des Zweiten Tempels gedacht.

Von hier war es nur ein kurzer Weg zu der Sichtweise, die sich über die Jahrhunderte bis heute hält: Tischa beAw fasst das Gedenken an Pogrome, Verfolgungen, Vernichtung und Leid jeder Generation zusammen. Neben dem Anker von Freude und Segen, den die jüdischen Feste setzen, steht Tischa beAw für die psychische, spirituelle und religiöse Reflexion über das, was als Zerstörung und Exil erlebt wird.

Wie willst du dein Leben als Angehöriger eines überlebenden Volkes gestalten?

Ein Blick in die Midrasch-Literatur, die in den Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels entstand, offenbart eine interessante Tatsache. Weil der Midrasch seiner Natur nach die Schrift auslegt, beziehen sich die Midraschim oberflächlich meist auf die Zerstörung der biblischen Zeit – also auf den Ersten Tempel. Eine sorgfältige Lektüre zeigt jedoch, dass der Schmerz, die Ratlosigkeit und das Exil­erleben, mit dem sie ringen, tatsächlich aus der Erfahrung der Zerstörung des Zweiten Tempels herrühren – aus der Wirklichkeit, in der ihre Verfasser lebten.

Bewusstsein des Exils

Das Bewusstsein des Exils, das diese Werke durchzieht, hängt nicht entscheidend davon ab, ob sie in Israel oder in Babylonien verfasst wurden. Selbst in Eretz Israel konnte man die Erfahrung haben, dass die Welt – ja sogar Gott – im Exil sei und dass zur Wiederherstellung eines würdigen menschlichen Daseins Erlösung erforderlich ist. So schildert der Babylonische Talmud im Traktat Rosch Haschana, wie die Schechina sich im Verlauf der Kriege und der Zerstörung vom Innersten des Heiligtums entfernte, gen Himmel zurückkehrte und das Land leer von der Gegenwart Gottes ließ.

Auch beschreiben die Weisen die Zeit nach der Tempelzerstörung als eine, in der entscheidende Dimensionen gestört sind: Gott hat in seiner Welt nicht mehr als »vier Ellen Halacha«, und »die Tore des Gebets sind verschlossen« (Berachot). Selbst die Natur ändert sich, und der Regen – so lebensnotwendig in Eretz Israel – wird rarer (Taanit). Die Essenz des Gefühls von Exil und Bruch fasst die Vorstellung zusammen, dass seit der Zerstörung des Tempels eine »Eisenmauer« zwischen Israel und seinem Vater im Himmel steht (Berachot).

Natürlich war die Realität der Gemeinden, die die talmudische Literatur hervorgebracht haben, und die prächtige jüdische Kultur, die daraus wuchs, nicht nur von Elend geprägt. Es gab auch blühende, fruchtbare Aspekte, Wohlstand und Freude. Doch stets begleitete diese Gemeinschaft das Bewusstsein des Exils, dessen Kulminationspunkt sich einmal im Jahr an Tischa beAw entlud. Deshalb füllte sich dieser Tag mit neuen Inhalten, je mehr jüdische Gemeinden Pogrome, Vertreibungen, Erlasse und Leid erfuhren.

Der furchtbarste Bruch in der Geschichte des Judentums

Im 20. Jahrhundert war die Schoa der furchtbarste Bruch in der Geschichte des Judentums und der Menschheit; sie ereignete sich im Verlauf eines entsetzlichen Weltkriegs, der ebenfalls von großer Härte und Grausamkeit geprägt war. Zwar beanspruchte dieses Erlebnis einen eigenen Gedenktag (Jom Haschoa), doch prägte und veränderte es das spirituelle und religiöse Bewusstsein, das Tischa beAw umgibt. Viele moderne Juden, die die Zerstörung der Tempel nicht mehr als die prägenden Traumata ihres Lebens empfinden – ja vielleicht nicht einmal das mittelalterliche Leid als solches –, begehen dennoch Tischa beAw als einen Tag, dem Leid, dem Exilbewusstsein und den bitteren Fragen nach menschlicher Existenz und göttlicher Fürsorge eine Stimme verleiht.

Und dann kam der 7. Oktober 2023: Das entsetzliche Massaker an Simchat Tora – und all diese Schichten stiegen mit voller Wucht wieder ins kollektive Bewusstsein auf. Selbst jene, die die Täter des 7. Oktober nicht unbedingt mit den Nazis gleichsetzen wollten, konnten nicht leugnen, dass sich etwas tief Verwurzeltes in der jüdischen Geschichte wieder als Unglück ereignete.

Wenn wir heute Tischa beAw begehen und seinem Gedenken eine Bedeutung verleihen wollen, die unser Leben und unser Bewusstsein mitformt, dann müssen wir zuallererst fragen: Was gebietet uns das Erinnern an die Schoa, uns, die wir im 21. Jahrhundert jüdische Gemeinden in Deutschland, Europa, Eretz Israel, Nordamerika und weltweit aufbauen?

Unsere Welt in ihrer ganzen Grausamkeit und ihrem Potenzial zu Mord und Vernichtung

Die Schoa, Gipfel menschlichen Leids und zugleich einzigartiger Zerstörung in der jüdischen und allgemeinen Geschichte, zwingt uns, unsere Welt in ihrer ganzen Grausamkeit und ihrem Potenzial zu Mord und Vernichtung zu betrachten. Sie lässt uns nicht bei einem bloßen Gefühl des Exils verharren. Eine Welt, in der Auschwitz existierte – und in der »Auschwitz« wieder entstehen könnte –, ist eine Welt, in der der Mensch nicht mehr vollkommen sicher auf seinem Boden sitzen kann.

Viele werden fragen, ob eine solche Welt noch das Vertrauen zulässt, dass Gott in ihr wohnt. Doch dies ist nur eine Facette unserer Realität. Zugleich sind wir aufgerufen, die Entscheidung zu treffen, an die Möglichkeit des Guten zu glauben, an die Fähigkeit und Pflicht, Erlösung zu bringen, und an die religiöse und spirituelle Bedeutung der menschlichen Geschichte. Nach der Schoa sind wir dazu aufgefordert zu verstehen, dass Erlösung nicht nur göttliches Werk, sondern vorrangig menschliche Aufgabe ist: Die Einlösung der Erlösung ist die Essenz unseres Daseins in der Welt Gottes.

Die Pflicht, dem Exil nach der Schoa entgegenzutreten, ist doppelt. Jeder Jude muss sich fragen, wie er sein Leben als Angehöriger eines überlebenden Volkes gestalten will. Das ist, in der Formulierung des Überlebensphilosophen Emil Fackenheim, das »614. Gebot«: das zusätzliche Gebot, das die Schoa hinterlässt – die Pflicht, jüdisches Dasein zu stärken und zu festigen, das jüdische Leben zu bewahren und seinen moralischen und kulturellen Bestand zu sichern, niemals den Nazis einen nachträglichen Sieg in Gestalt des Untergangs des Judentums zu gewähren.

Erlösung ist nicht nur göttliches Werk, sondern vorrangig menschliche Aufgabe.

Gleichzeitig müssen wir uns ernst und furchtlos fragen, woran wir angesichts der entsetzlichen Erkenntnis festhalten sollen, dass Menschen zu tiefstem Bösen fähig sind. Die Schoa hat uns die Gewissheit gebracht, dass Menschen so handeln können; als Juden müssen wir erkennen, dass auch wir Menschen sind. Auch über uns liegt die Versuchung des Bösen; auch uns obliegt die Pflicht, das Gute zu wählen. Wir sind aufgerufen, dem im Menschen und in der Gesellschaft schlummernden Potenzial des Bösen entgegenzuwirken und dem Abgleiten in Abgründe von Mord und Vernichtung, Zerstörung und Hass einen Riegel vorzuschieben.

Unser Erbe mit größter Aufrichtigkeit prüfen

Diese doppelte Perspektive darf keinen Bereich unseres Lebens unberührt lassen, auch nicht die Bereiche, die klar jüdisch sind. Wir müssen unser Erbe mit größter Aufrichtigkeit prüfen, um jene Grund­lagen zu identifizieren, die an anderen Orten und in anderem Kontext als Basis für die Verbreitung von Hass und Ausgrenzung, Rassismus und Entmenschlichung dienten. Uns ist geboten, pluralistische, menschenwürdige jüdische Positionen zu fördern und als Partnerinnen und Partner am Aufbau einer Gesellschaft mitzuwirken.

Dabei müssen wir Gottes Willen im Herzen ernst nehmen und vielfältig verwirklichen. Nur so wird Gott wieder mehr als »vier Ellen« in der Welt haben, aus der wir Ihn vertrieben haben. Diese Haltung ist hart und schonungslos. Doch dürfen uns die Schwierigkeiten nicht von dem religiösen, erzieherischen und kulturellen Weg abbringen, zu dem wir berufen sind. Nur so können wir Gutes in unserer Welt bewirken, unseren Glauben wiederaufbauen und unser jüdisches Leben auf Grundlage der Hoffnung auf Erlösung gestalten. Nur so kann die Erinnerung an die Schoa fruchtbar zu einem Baustein unseres Glaubens, unserer Identität und unseres Kulturaufbaus werden.

Wir sind gehalten, der schrecklichen Gefahr entgegenzutreten, die im Potenzial zur Zerstörung und Auslöschung in uns liegt. Aber zugleich sind wir berufen zu glauben. Wir sind berufen, in unserer Seele und unserem Geist den Glauben zu suchen, dass der Bund des Regenbogens Gott verpflichtet, ihn nicht zu brechen; dass der Kampf für das Gute und die Anstrengungen von Aufbau und Heilung nicht vergeblich sind; dass die Partnerschaft zwischen Gott und Mensch das Böse des Menschen und seine Neigung zur Zerstörung überwinden kann.

Durch diese menschliche Anstrengung mag es möglich werden, selbst angesichts der Schoa und im Ringen mit ihrem Gedenken, wieder an Gott und an den Menschen zu glauben. Vorsichtig, tastend im Nebel, wagen wir erneut und mit erhobener Stimme zu rufen – trotz allem und mit allem: »Wende uns, Ewiger, zu Dir, und wir werden zurückkehren; erneuere unsere Tage wie einst« (Klagelieder 5,21).

Der Autor ist rabbinischer Leiter des Regina Jonas Seminars für liberale Rabbinerausbildung und emeritierter Professor für jüdische Philosophie am Hebrew Union College in Jerusalem.

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