Dewarim

Sinn für Gerechtigkeit

»Ihr sollt beim Richten nicht die Person ansehen« (5. Buch Mose 1,17). Foto: Getty Images / istock

Dewarim

Sinn für Gerechtigkeit

Die Tora lehrt, dass Richter ohne Ansehen der Person entscheiden sollen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  09.08.2019 08:54 Uhr

Das 5. Buch Mose gibt Mosches letzte Rede an das Volk Israel wieder, ehe er stirbt. Zu Beginn seiner Ausführungen erhalten wir einen Hinweis darauf, warum es viele jüdische Richter und Anwälte gibt. Mosche erinnert an seine Weisung, die er dem Volk schon in der Wüste einschärfte: »Hört eure Brüder an und richtet recht zwischen jedermann und seinem Bruder und dem Fremdling bei ihm. Ihr sollt beim Richten nicht die Person ansehen, sondern sollt den Kleinen hören wie den Großen und vor niemand euch scheuen; denn das Gericht ist Gottes« (1, 16–17).

Mit Leidenschaft und geradezu als Schlachtruf legt Mosche seinem Volk ans Herz: »Der Gerechtigkeit und nur der Gerechtigkeit sollst du nachjagen« (16,20).

Diese Aussagen können als ein verfassungsgebender Rahmen verstanden werden. Er umreißt Israels Vergangenheit und sein immer wieder anzustrebendes Ziel, in Gegenwart und Zukunft als Gottes heiliges Volk zu existieren.

herzstück Das Wort »Zedek« (Gerechtigkeit) kommt im 5. Buch Mose 18-mal vor, das Wort »Mischpat« (Recht) 48-mal.

Wir haben es hier mit dem Herzstück des israelitischen Glaubens zu tun, wie es von Generation zu Generation überliefert wird. Diese Verankerung des Judentums im Streben nach Recht und Gerechtigkeit ließ Albert Einstein von sich sagen, er sei froh, als Jude geboren zu sein.

Die Jüdin Heisel Kosgerow war die erste Richterin Schottlands. Als sie gefragt wurde, warum sie eine juristische Karriere eingeschlagen habe, antwortete sie: Das Judentum lehrt Zedek, Zedek ...

Der amerikanisch-jüdische Strafverteidiger Alan Dershowitz schrieb 2015 ein Buch mit dem Titel Abraham. Darin stellt er heraus, dass Abraham als Prototyp eines Anwalts in der Menschheitsgeschichte auftritt und damit als Pionier und Begründer der jüdischen Anwaltstradition gelten kann.

Seine Anwaltskarriere beginnt vor einem hohen Gerichtsforum: Er verteidigt seine Mandanten vor Gott, so wie im Fall von Sodom und Gomorrha. Für dessen – vielleicht noch nicht alle verdorbenen – Bewohner tritt er in die Bresche und erinnert Gott an sein eigenes Gerechtsein: »Das sei ferne von dir, dass du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, sodass der Gerechte wäre gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?« (1. Buch Mose 18,25).

gericht Awrahams Gebet könnte man als Startschuss für alles Rechten und Richten mit Gott bewerten, von dem wir später im Tanach hören. Es kommt zu dramatischen Gerichtsprozessen. Mosche, Richter, Propheten und Könige wandeln in den Fußspuren Awrahams, wenn sie gegen Gott aufbegehren und seine Gerechtigkeit einklagen.

Das von Gott gegebene Gesetz, die Tora, bedarf der Auslegung durch seine Empfänger.

Die Bibel betont dabei, dass diese Auseinandersetzungen zwischen Himmel und Erde, Gott und Menschheit ihren Ursprung und Ort im Bundesverhältnis Gottes mit seinem Volk haben. Der von Gott in Kraft gesetzte Bund beinhaltet gegenseitige Verpflichtungen. Der Mensch ist aufgerufen, Gottes Geboten entsprechend zu leben. Tut er das, dann wird Gott ihn führen und ein Licht auf seinem Weg sein. Verletzt einer der beiden Vertragsparteien den Bund, kann die jeweils andere Seite Anklage erheben. Und so meldet sich Gott häufig durch seine Propheten als Kläger gegen sein Volk zu Wort.

Es ist also kein Zufall, wenn wir bis in unsere Zeit hinein von vielen jüdischen Anwälten in der Welt hören, wie zum Beispiel von Louis Brandeis, einem amerikanischen Juristen, der von 1916 bis 1939 der erste jüdische Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten war, und Felix Frankfurter, der ihm in diesem Amt von 1939 bis 1962 folgte. Auch Ruth Bader Ginsburg, seit 1993 Beisitzende Richterin am Supreme Court, ist eine jüdische Juristin.

Anfang der 30er-Jahre belief sich der Prozentsatz der Juden in der deutschen Bevölkerung auf 0,7 Prozent – doch waren 16,6 Prozent davon Anwälte und Richter.

offenbarung Drei Charakteristika zeichnen das Judentum als besonderen Glauben aus. Als Erstes wäre darauf hinzuweisen, dass Gottes Offenbarung sich als eine Offenbarung von Recht und Gesetz vollzieht. Demgegenüber verstand man in der heidnischen Antike die Götter als Mächte und Kräfte, die sich an kein Recht und Gesetz gebunden wussten. Aus der Offenbarung des göttlichen Willens leitet die Tora zu ethischen Geboten an, die den freien Willen des Menschen an Gott zurückbinden.

Des Weiteren gilt als besonderes Kennzeichen des jüdischen Glaubens: Das von Gott gegebene Gesetz, die Tora, bedarf der Auslegung durch seine Empfänger.

Bei der Offenbarung der Tora auf dem Berg Sinai hörte das Volk Israel eine »große Stimme« (5. Buch Mose 5,22). Diese Stimme ist bis heute nicht verstummt. Es ist die Stimme der schriftlichen Tora, die mit der Stimme der mündlichen Tora bis heute zusammenklingt in der Art einer Konversation zwischen dem Gesetzgeber (Gott) und denen, die es jeweils aktuell auslegen.

Die Erziehung in der Tora, sie als lebensdienliche Grundlage zu lernen, bildet das dritte Charakteristikum des Judentums, wie es schon der Prophet Jeschajahu zum Ausdruck bringt: »Hört mir zu, die ihr die Gerechtigkeit kennt, du Volk, in dessen Herzen mein Gesetz ist!« (51,7).

Und bei Jirmejahu lesen wir von Gottes Willen: »Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Ewige: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein« (31, 33).

flavius JOSEPHUS Auch der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Fla­vius Josephus ist der Meinung, dass das Volk Israel die Tora so zu lernen habe, bis sie in ihren Herzen eingraviert ist (Contra Apionem, Kadmut hayemudim, Abt. 2,74).

Es mag hinreichend deutlich geworden sein: Das Judentum erschöpft sich nicht in Spiritualität, um der Seele durch das Gebet Erleichterung zu schaffen, wenn man in Not ist. Es trägt auch alle Anlagen in sich, der Gesellschaft durch den Sinn für Recht und Gerechtigkeit Schönheit angedeihen zu lassen.

Dazu gehört die Ehre, die auf der Gleichberechtigung aller Menschen basiert. So wie Gott ohne Ansehen der Person richtet, so soll jedem Menschen seine Ehre zuteilwerden, unabhängig von seiner gesellschaftlichen Position und Hautfarbe, ob er arm oder reich, stark oder schwach ist. Denn wir sind alle Gottes Ebenbild.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Im Wochenabschnitt Dewarim blickt Mosche kurz vor der Überquerung des Jordans auf die Wanderung durch die Wüste zurück. Er erinnert an die schlechten Nachrichten der Spione und sagt, dass Jehoschua an seine Stelle treten wird. Dann erinnert Mosche an die 40-jährige Wanderung und die Befreiung der ersten Generation aus Ägypten. Seiner Meinung nach gehört das, was die Eltern erlebt haben, zum Schicksal ihrer Kinder. Wozu sich die Vorfahren am Sinai verpflichtet haben, ist auch für die Nachkommen bindend. Es wird bestimmt, mit welchen Völkern sich die Israeliten auseinandersetzen dürfen und mit welchen nicht. Mosches Bitte, das Land Israel doch noch betreten zu dürfen, lehnt Gott ab.
5. Buch Mose 1,1 – 3,22

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