Laubhüttenfest

Sieben Tage Gemeinschaft

Die vier Arten (Hadassim, Arawot, Lulaw und Etrog) stehen dem Midrasch zufolge für die Kinder Israels. Foto: Marco Limberg

Nur wenige Tage trennen Sukkot, das Fest der Laubhütten, von Jom Kippur, vom Versöhnungstag. Dennoch zeichnet es ein anderer Geist aus und es wird von ganz anderen Inhalten charakterisiert. Umkehr, Buße, Reue und Fasten bildeten die Themen des langen Versöhnungstages. Sukkot, das Fest der Laubhütten, verkündet hingegen die Freude über das Land
G’ttes und seiner Ernte.

Obwohl beide Feste umfangreicher Vorbereitungen bedürfen, sind diese von sehr unterschiedlicher Art. Vor dem Anbruch des neuen jüdischen Jahres sollte sich ein jeder von uns einer aufrechten Selbstprüfung unterziehen. Als Vorbereitung auf den Jom-Kippur-Tag sollen die eigenen Taten des vergangenen Jahres überdacht werden und womöglich neue Maßstäbe im eigenen Verhalten gesetzt werden.

Auf Sukkot bereiten wir uns ganz anders vor. Man baut im Hof, im Garten oder sogar auf dem Balkon eine Hütte mit mindestens drei festen Wänden und bedeckt sie mit Schilf, oder grünen Zweigen. Man besorgt – gemäß den Vorschriften der Tora – die Pflanzen des Feststraußes: Myrten- und Palmzweige, Zweige der Bachweiden und einen Etrog, den »Paradiesapfel«, wie diese Zitrusfrucht hierzulande genannt wird. Dieser Strauß wird beim Umzug des Festes in der Synagoge umhergetragen.

Die Bautätigkeit, das Zusammenbinden des Straußes, wie auch die Zubereitung des reichhaltigen Festtagsmenüs weisen in eine völlig andere Richtung als die Einkehr vor Jom Kippur. Diese irdischen Freuden am Fest führen aber nicht zu Ausschweifung oder gar Völlerei.

Gäste Auch das Begehen des Sukkotfestes verdeutlicht uns aufs Neue, dass Feiertage im Judentum engstens mit der intensiven Beschäftigung mit den Geboten, Lehren, Traditionen, Festlektüren und volkstümlichen Sitten verbunden sind.

Die Traditionen dieses Festes lassen niemanden von uns »in seiner Hütte« allein. Man lädt ständig Gäste ein oder man wird selbst eingeladen. Die bekannte jüdische Gastfreundschaft bleibt nicht auf die natürlichen und üblichen Formen und Grenzen dieser Tugend beschränkt. Für die Abende dieses Festes pflegt der traditionsbewusste Jude »Uschpisin« in seine Hütte einzuladen. Der Begriff »Uschpisa« stammt aus dem klassisch Griechischen und bedeutet sowohl Herberge als auch Gasthaus oder Wirt.

Volkstümlich versteht man jedoch unter diesem »einverleibten« Begriff ganz besondere Gäste, nämlich die Ahnen unseres Volkes. So nehmen nach dieser Vorstellung Abraham, Isaak, Jakob, Moses und Aharon in unserer festlich geschmückten Hütte am Tisch ihren Ehrenplatz ein. Und wenn solche hochgestellten Gäste »anwesend« sind, so ist es selbstredend, dass das Schriftwort, die Tora und ihre Kommentare, wie auch die Aggada, die erbauliche Legende, ebenfalls die Themen der Unterhaltung in der Hütte bilden.

Talmud Der Talmud, die Lehre der Rabbinen, setzt die Grenzen und Qualitäten der festlichen Pflichten. Unsere Weisen lehrten: »Keiner von uns kann seine, ihn verpflichtende Mizwa (Verpflichtung) am Fest beim Umzug mit einem geliehenen Strauß erfüllen, wenn er sich aus Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit keinen eigenen Strauß gebunden hatte.« Jedoch, fügten die Weisen hinzu, kann er sehr wohl seine Pflichten am Feste erfüllen, wenn er nur in der Hütte seines Freundes und nicht in seiner eigenen den Segen spricht. Die Festgebote besitzen eine Komponente für das Individuum (den Strauß) und wiederum eine andere für die Gemeinschaft (die Hütte).

Durch das Sukkotfest hindurch strahlen Freude und Dankbarkeit. Für den jüdischen Landwirt im Heiligen Land ist es, einst wie auch heute, Vollendung und Krönung seiner harten Arbeit: Die reiche Ernte wird in guten Jahren eingefahren, der Most wird in die Fässer gefüllt. In dieser Jahreszeit nimmt man die Sukka, die Hütte, eher als Gnade G’ttes wahr. Die Tora begründet die Verpflichtung zum Hüttenbau damit, »dass der Herr selbst Sein Volk« nach der Befreiung aus Ägypten »in Hütten« in der Wüste hausen ließ.

Wüste Wir feiern an Sukkot auch ein Fest aus der Urgeschichte Israels: 40 Jahre verbrachten die Ahnen in der öden Sandwüste. Jedoch ein Motiv beherrscht dieses Fest der Erinnerung: die Fürsorge G’ttes um das Schicksal Seines Volkes. Wie die Hütten der Wüste die Ahnen vor den Widrigkeiten der Umgebung behütet hatten, so meinten wir, uns stets auf die gnadenvolle Fürsorge unseres G’ttes verlassen zu können. Wie oft war es vergeblich. Und dennoch keimte immer wieder erneut die Hoffnung.

Der Talmud drückt das Gebot des Festes, wie folgt aus: Wir betrachten sieben Tage lang (wenn hierzulande auch die Witterung mitspielt) die Sukka als unseren festen Wohnsitz. Aus unserer ständigen Behausung machen wir eine »Zweitwohnung« – und das für eine Woche! Während einer Woche des Jahres soll es uns wieder bewusst werden, dass unsere Vorfahren Nomaden waren, bereit, den festen, sicheren Wohnort zu verlassen. Sie nahmen das entbehrungsreiche Dasein in der Wüste auf sich. Wären wir auch dazu gewillt, wenn uns der Ruf ereilt?

Dieses fröhliche Fest für jeden von uns eine Herausforderung werden zu lassen. Eine Woche lang kosten wir aufs Neue wiederum den Geschmack der jahrtausendealten Ereignisse: wie die Befreiung aus der Sklaverei, die zaghaften Schritte in das selbstständige Leben unseres Volkes. Es fällt heute nicht leicht, unsere perfekte Welt von Hightech, Internet und Medien zu verlassen und in einer windigen, womöglich feuchten Hütte zu sitzen. Und dennoch bietet Sukkot, das Fest der Hütten, Erlebnisse und Erkenntnisse, die die virtuelle Welt nicht bieten kann.

Der Eruv kann auch teilweise aus ergänzten bei der Sigi-Feigel-Terrasse

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