Talmudisches

Schlaf

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Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026 10:02 Uhr

Von dem Psychologen Allan Rechtschaffen (1924–2021), einem Pionier der modernen Schlafforschung, stammt das Bonmot, der Schlaf spiele entweder eine extrem wichtige Rolle für unsere Vitalfunktionen oder er sei der größte Fehler, den die Evolution jemals gemacht habe.

Den Weisen des Talmuds war klar, dass Schlaf wichtig für das Leben ist, aber sie sahen ihn zugleich als Teil des Todes. In Berachot (57b) heißt es: »Fünf Dinge sind ein Sechzigstel. Und zwar: das Feuer, der Honig, der Schabbat, der Schlaf und der Traum. Das Feuer ist ein Sechzigstel des Fegefeuers, der Honig ist ein Sechzigstel des Manna, der Schabbat ist ein Sechzigstel der zukünftigen Welt, der Schlaf ist ein Sechzigstel des Todes, der Traum ist ein Sechzigstel der Prophetie.«

Ebenso offensichtlich war den talmudischen Weisen, dass man den Schlaf dringend braucht. So sagte Rabbi Jochanan im Traktat Nedarim (15a), dass jemand, der drei Tage nicht zu schlafen schwöre, gegeißelt werden solle. Der Schwur hätte einfach nicht eingehalten werden können.

Auf der anderen Seite scheint auch bekannt gewesen zu sein, dass Schlaf durch Vorgänge im Körper ausgelöst wird. Im Traktat Berachot (61ab) heißt es: »Die Rabbanan lehrten: Die Nieren geben Rat, das Herz prüft, die Zunge schneidet zurecht, der Mund vollendet, die Speiseröhre nimmt alle Arten von Speisen auf und gibt sie weiter, die Luftröhre bringt die Stimme hervor, die Lunge saugt alle Arten von Flüssigkeiten auf, die Leber erregt Zorn, die Galle wirft in ihn einen Tropfen und beruhigt ihn, die Milz erregt Lachen, der Kropf zermalmt, der Magen erregt Schlaf, die Nase bewirkt das Erwachen. Wenn das, was Schlaf bewirkt, Erwachen bewirkte, oder das, was Erwachen bewirkt, Schlaf bewirkte, so würde man dahinsiechen. Es wird gelehrt: Sollten beide Schlaf oder beide Erwachen bewirken, so würde man sofort sterben.«

Schon in der Antike wurde der Schlaf nicht als metaphysisches Geschehen betrachtet.

Natürlich haben wir heute mehr Erkenntnisse über die Abläufe im Körper, aber es wird deutlich, dass der Schlaf bereits in der Antike nicht als metaphysisches Geschehen betrachtet wurde.

Der mit dem Schlaf einhergehende Kontrollverlust über den Körper war (und ist) eine Quelle halachischer Fragen. So konnte es während des Schlafs zu einem nächtlichen Samenerguss kommen. Dem suchten die Weisen mit dem Rat vorzubeugen: »Ein Mann soll tagsüber keine Gedanken hegen, die dazu führen, dass er nachts unrein wird« (Avoda Zara 20b). Das wiederum erklärt, warum im Traktat Sukka (26b) diskutiert wird, ob eine Person mit angelegten Tefillin schlafen dürfe. Die Rabbinen erlauben nur einen sehr kurzen Schlaf. Heute würde man ihn »Nap« nennen. Wie lange darf ein talmudischer Powernap dauern? Solange, wie es dauern würde, 100 Ellen zu gehen. So bestimmen es die Weisen.

An dieser Stelle nennt der Talmud Raw, der tatsächlich lehrte, man dürfe während des Tages nicht lange schlafen. Wie lange? »Ein Mensch darf am Tag nicht länger schlafen, als ein Pferd schläft. Wie lange dauert der Schlaf eines Pferdes? 60 Atemzüge.« Ein Pferd macht übrigens acht bis 16 Atemzüge pro Minute. Ein kurzer Schlaf war angezeigt – wegen der Gefahr eines nächtlichen Samenergusses und der daraus folgenden rituellen Unreinheit, aber auch, weil die Nacht als die eigentliche Zeit des Schlafens galt.

So sagte Raw Jehuda (Eruwin 65a): »Die Nacht ist nur zum Schlafen erschaffen worden. Rabbi Schimon ben Lakisch sagte: Der Mond ist nur zum Studium erschaffen worden. Man sagte zu Rabbi Zeira: Deine Lehren sind scharfsinnig. Dieser erwiderte: Sie sind ja auch vom Tage.«

Nur einer schläft nicht! So heißt es in den Tehillim: »Siehe, der Hüter Israels schlummert (janum) und schläft (jischan) nicht« (121,4). Der Hüter Israels ist natürlich der Ewige. Die Begriffe »janum« und »jischan« sind hier nicht synonym. Im Talmud wird janum als ein Dösen beschrieben. Wenn man den eigenen Namen hört, antwortet man. Wer hingegen schläft (jischan), antwortet überhaupt nicht.

Der Mensch schläft. G’tt nicht. Alles andere ist Kommentar.

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