Beten will gelernt sein. Mit Recht hat Rabbiner Chaim Halevy Donin in seinem Buch Jüdisches Gebet heute erklärt: »Aus dem Gebetbuch lesen, heißt noch lange nicht, dass man betet … Um Lesen in Beten zu verwandeln, muss wenigstens ein Gefühl der G’ttesanwesenheit vorhanden sein und die Absicht, eines seiner Gebote zu erfüllen.«
Der Talmud (Berachot 31a) lehrt: »Der Betende muss sein Herz zum Himmel richten.« In der Mischna (Berachot 30b) heißt es: »Man stelle sich zum Beten nicht anders als mit großer Ernsthaftigkeit.«
Eine bestimmte geistige Haltung ist also Vorbedingung für das Beten. Die erwünschte seelische Verfassung bezeichnet man als Andacht (hebräisch: Kawana). Was verlangt Kawana in der Praxis? Man sollte die Bedeutung der gesprochenen Worte verstehen und beim Sprechen der Gebetstexte nicht an andere Dinge denken. Maimonides, der Rambam (1138–1204), schreibt in seinem berühmten halachischen Werk Mischne Tora (Hilchot Tefilla 4,15): »Ein Gebet ohne Kawana ist kein Gebet. Hat jemand ohne Kawana gebetet, so wiederhole er sein Gebet mit Kawana.«
Ein Gebet ohne Kawana? Das muss wiederholt werden.
Rabbiner Joseph Karo (1488–1575) verweist in seinem Kommentar zur angegebenen Stelle auf folgende Talmudpassage: »Rabbi Jochanan erzählte: ›Ich sah Rabbi Jannaj beten und wieder beten.‹ Da sprach Rabbi Jirmija zu Rabbi Zera: ›Vielleicht hatte er erst seine Gedanken nicht andächtig gestimmt, später stimmte er seine Gedanken andächtig‹« (Berachot 30b).
Aus Rabbi Jirmijas Erklärung habe Maimonides gelernt, ein Gebet ohne Kawana sei zu wiederholen. Freilich bemerkte Rabbiner Joseph Karo in seinem Werk Schulchan Aruch (Orach Chaim 98,2), dass wir »in unserer Zeit« nicht mehr so andächtig beim Gebet sind.
Eine Mischna lehrt uns, dass sich Kawana nicht sofort beim Betreten der Synagoge einstellt: »Die früheren Frommen pflegten eine Stunde zu verweilen und dann erst zu beten, um zuvor ihr Herz auf ihren Vater im Himmel zu richten« (Berachot 30b).
Im Talmud finden wir auch Hinweise auf verschiedene Umstände, die für die Kawana störend sind: »Die Rabbanan lehrten: Man stelle sich nicht zum Beten hin nach einer Gerichtssitzung noch nach einer halachischen Diskussion, sondern nur nach dem Vortrag einer eindeutigen Halacha« (Berachot 31a).
Die Theorie der Gestaltpsychologen kann uns helfen, den Unterschied zwischen den genannten Fällen zu verstehen. Nach einer abgeschlossenen Gestalt, also einem sinnvollen Ganzen, wie einer klaren und unumstrittenen Halacha, kann sich eine neue Gestalt problemlos entwickeln. Ist eine bestimmte Gestalt jedoch noch nicht abgeschlossen, wie bei nicht ganz geklärten Fragen, dann ist das Seelische noch nicht für eine neue Gestalt offen – es käme zu einer Behinderung der erwünschten Kawana.
Warum soll man gerade »Worte der Halacha« zum Abschied sagen?
Gedanken der Gestalttheorie helfen uns auch zu verstehen, was der Talmud auf derselben Seite über Abschiedsworte sagt: »Man verabschiede sich von seinem Nächsten weder im Geplauder noch im Scherzen noch in leichtfertigem Treiben, sondern mit Worten der Halacha … Ebenso lehrte Mari: Man verabschiede sich von seinem Nächsten nicht anders als mit Worten der Halacha« (Berachot 31a).
Warum soll man gerade »Worte der Halacha« zum Abschied sagen? Gemeint ist hier eine noch ungeklärte religionsgesetzliche Frage. Im Zitat ist von einer unabgeschlossenen Gestalt die Rede; eine solche vergessen wir nicht so schnell wie eine bereits abgeschlossene Gestalt.
Kehren wir zurück zu den Ausführungen des Talmuds über erwünschte beziehungsweise nicht erwünschte Zustände vor dem Gebet: »Die Rabbanan lehrten: Man stelle sich zum Beten weder in Traurigkeit hin noch in Trägheit noch im Scherzen noch im Geplauder noch in leichtfertigem Treiben noch in eitlem Geschwätz, sondern in Fröhlichkeit wegen einer g’ttgefälligen Handlung« (Berachot 31a).
Aus den angeführten Quellen können wir den Schluss ziehen: Zum Gebet sollten wir uns aus einer ernsten und zugleich heiter-gehobenen Stimmung stellen. Der Psalmist weist uns die Richtung: »Dienet dem Ewigen mit Freude« (100,2).