Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Zusammen ist man weniger allein. Foto: Getty Images

Talmudisches

Kraft der Gemeinschaft

Was unsere Weisen über Zusammenhalt lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  24.04.2026 11:27 Uhr

Wenn das jüdische Volk in Not ist und sich jemand von der Gemeinschaft absondert und das Leid nicht teilt, kommen zwei ihn begleitende Engel, legen ihm die Hände auf den Kopf und sprechen: Möge dieser Mensch, der sich von der Gemeinschaft abgesondert hat, den Trost der Gemeinschaft nicht sehen.

So ist es im Talmud (Taanit 11a) zu lesen. Und weiterhin heißt es dort: »Wenn die Gemeinschaft in Not ist, sondert euch nicht von ihr ab (…), denn wer das Leid der Gemeinschaft mit ihr teilt, wird den Trost der Gemeinschaft sehen.«

Die Vollkommenheit eines jeden Einzelnen findet sich nur in der Einheit der Gemeinschaft

Der südafrikanische Rabbiner Akiva Tatz kommentiert diesen Abschnitt in seinem Werk Shabbat and the Festivals: Journey and Destination folgendermaßen: Die Vollkommenheit eines jeden Einzelnen findet sich nur in der Einheit der Gemeinschaft. Am Ende der Tage werden alle Tröstungen nur jene erfahren, die zur Gemeinschaft gehören.

Und umgekehrt: Wenn sich jemand von der Gemeinschaft absondert, entfernt er sich von der Möglichkeit der Heilung (Tikkun).

Die Quelle dafür sind die Verse im 5. Buch Mose (29, 17–20). Dort heißt es, dass ein Mensch die Worte dieses Fluches hört und sich innerlich beruhigt, indem er sagt: »Schalom jihje li – ich werde in Frieden sein, weil ich meinen eigenen Weg gehe, daher werde ich sicher sein.« Doch wird Gott diesem Menschen nicht vergeben, heißt es weiter. Vielmehr wird Gottes Zorn gegen ihn entbrennen, »und der ganze Fluch, der in diesem Buch geschrieben steht, wird ihn treffen«.

Der Mensch kann nicht in Sicherheit leben, wenn er seinen Weg gegen Gottes Willen geht

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein Mensch auf die Idee kommen kann, dass er sicher sein wird, wenn er seinen Weg gegen Gottes Willen geht. Was lässt ihn glauben, dass ihm der Zorn des Ewigen nichts anhaben kann?

Offensichtlich meint er, dass der Fluch dem Volk gilt. Wenn er aber »seinen eigenen Weg geht«, dann wird ihn der Zorn nicht treffen. Schließlich gehört er nicht mehr zu der Gemeinschaft, mit der der Bund geschlossen wurde, so seine Annahme. Der nächste Vers greift genau diesen Gedankengang auf: Dem Einzelnen wird verdeutlicht, dass es unmöglich ist, sich vom jüdischen Volk zu trennen. Er kann seiner Identität als Teil der Gemeinschaft und ihrer Bestimmung nicht entfliehen.

Maimonides: »Ein solcher Mensch hat auch keinen Anteil an der zukünftigen Welt.«

Maimonides, der Rambam (1138–1204), erklärt in den Gesetzen der Teschuwa (3,11) die Folgen für den, der sich dennoch von der Gemeinschaft trennt: »Ein solcher Mensch hat auch keinen Anteil an der zukünftigen Welt.« Dies gelte selbst dann, wenn er keine Sünden begangen hat, sondern sich einfach von der Gemeinschaft Israels (Adat Israel) abgrenzt, die Gebote (Mizwot) nicht erfüllt, nicht an ihren Sorgen teilhat und nicht an ihren Fastentagen fastet, sondern seinen eigenen Weg geht, als gehöre er nicht zu ihnen.

Im nächsten Kapitel listet der Rambam »24 Verbrechen« auf, die die Teschuwa (Umkehr) verhindern. Darunter wird auch (4,2) derjenige erwähnt, »der sich von der Gemeinschaft absondert«. Und als eine der fünf Sünden, die dem Täter »die Tore der Teschuwa« verschließen, wird genannt: »Wenn sich jemand von der Gemeinde absondert, weil er dadurch weder an der allgemeinen Teschuwa teilnehmen noch sich an den guten Werken beteiligen kann.« Nachmanides, der Ramban (1194–1270), schreibt im Kommentar zum 3. Buch Mose (23,2), dass die Bedeutung von »Mikraei Kodesch« (Heilige Versammlungen, Schabbat und Feste) darin besteht, dass die Menschen zusammenkommen und Gott als Gemeinschaft heiligen sollen. Am Feiertag, dem Jom Tov, geschieht dies mit dem Hallel-Gebet. Der Gottesdienst zum Kabbalat Schabbat entspricht dem Hallel und beinhaltet, wie dieses Gebet, Psalmen, die in der Gemeinschaft mit einem Vorbeter gesprochen werden.

Der Schabbat ist »b’raza d’echad« (im Geheimnis der Einheit), eine besondere Zeit, um die Einheit der Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen. Diese Einheit ist, wie der Schabbat selbst, ein Vorspiel zur kommenden Welt. Wenn ein Mensch den Schabbat in Gemeinschaft empfängt und dann nach Hause geht, in ein Heim, das für die Ehre des Schabbats vorbereitet ist, verdient er einen Engelssegen, der die Sühne einschließt.

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