Acharej Mot – Kedoschim

Feuer aus Menschenhand

Das Judentum lehrt, dass die Herrschaft des Menschen über die Natur Gottes Willen entspricht. Foto: Getty Images

Die Texte der Wochenabschnitte Acharej Mot und Kedoschim thematisieren die Heiligung des Menschen in Raum und Zeit. Sie beginnen mit den Ausführungen zum Tag der Sühne. Er ist der wichtigste und in seinem rituellen Ablauf auch der am ausführlichsten beschriebene Feiertag der Tora.

Zu Jom Kippur vollzieht sich die kultische Reinigung des Heiligtums und des Altars von den Sünden Israels. Dazu muss der Hohepriester das Allerheiligste betreten. Es wird betont, dass der Zugang Aharons auf diesen einen Tag beschränkt bleiben soll: »Da sprach der Ewige zu Mosche: ›Sprich zu deinem Bruder Aharon, auf dass er nicht zu jeder Zeit hineingehe in das Heiligtum innerhalb des Vorhangs vor die Kapporet, die auf der Lade ist, damit er nicht sterbe‹« (3. Buch Mose 16,2).

Man könnte sagen: Damit nicht auch er noch sterbe, nachdem er bereits den Tod seiner beiden Söhne zu betrauern hatte. Sie starben kurz nach der Salbung ihres Vaters zum Hohepriester und nach dessen ersten Amtshandlungen. »Und die Söhne Aharons, Nadav und Avihu, nahmen ein jeder seine Rauchpfanne und taten Feuer hinein und legten Räucherwerk darauf und brachten vor den Ewigen unheiliges Feuer, das Er ihnen nicht geboten. Da fuhr eine Feuerflamme vom Ewigen aus und verzehrte sie, und sie starben vor dem Ewigen« (3. Buch Mose 10, 1–2).

Nadav und Avihu suchen ungerufen die Nähe Gottes

Nadav und Avihu nähern sich auf eigenen Entschluss hin dem Heiligtum. Sie suchen ungerufen die Nähe Gottes und sehen dort ihren Platz. Das aber endet tödlich für sie. Sie praktizieren eine falsch verstandene Frömmigkeit und Heiligung ihres Lebens. Sie wollen sich auf Dauer in Gottes Nähe niederlassen und sich von den Ansprüchen des Alltags und der Welt verabschieden. Sie scheuen die Mühen der Ebene. Doch gerade darin vollzieht sich die wahre Heiligung des Menschen. Es geht darum, die Tora auf sich zu nehmen, inmitten der Ansprüche einer Ehe, eines Familienlebens mit Kindern, im Beruf und in der Gesellschaft mit ihren vielfältigen Herausforderungen.

Ein Rückzug aus menschlichen Lebensbezügen in eine noch so fromme Innerlichkeit oder in ein Klosterleben gleicht schon dem Sterben. So lesen wir im Buch Sohar: Die Söhne Aharons starben, weil sie nicht geheiratet und keine Familie gegründet hatten. Sie setzten dem Fortbestand und der Kontinuität ihrer Familie ein Ende.

Demgegenüber vollzieht sich der Höhepunkt bei der Heirat unter der Chuppa während der Übergabe des Eherings mit den Worten: »Du bist mir mit diesem Ring geheiligt.« Mann und Frau werden sich in der Ehe zu einem gegenseitigen Arbeits- und Bewährungsfeld in der Heiligung ihres gemeinsamen Lebens vor Gott. Daher warnt die Tora vor Blutschande und Seitensprüngen, die die Heiligung von Mann und Frau entweihen.

Die Heiligung ist an keinen bestimmten oder exklusiven Ort gebunden

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich, dass die Heiligung an keinen bestimmten oder exklusiven Ort gebunden ist. Sie wird immer durch den Menschen vollzogen in den Lebensbezügen, in denen er sich jeweils konkret befindet. Er ist ihr Subjekt und Träger. Und so beginnt der Abschnitt Kedoschim mit den Worten: »Heilig sollt ihr sein« (3. Buch Mose 19,1). Dementsprechend folgt eine Auflistung von Geboten, die das Ziel haben, dass sich der Mensch in einem von Gottes Willen bestimmten Zusammenleben heiligen kann. Sie regeln den alltäglichen Umgang mit dem Nächsten: Man darf ihm nichts vorenthalten oder rauben. Man soll ihn lieben wie sich selbst. Es gilt das Verbot von Hass und Rache. Die Alten sollen geehrt werden. Im Handel soll es fair zugehen. In Erinnerung an das eigene Fremdsein in Ägypten wird den Schutzbedürftigen wie den Armen und Fremden ein besonderes Recht in Eretz Israel eingeräumt.

Eine weitere Gruppe von Mizwot befasst sich mit dem »Vermengen« verschiedener Arten. Diese Gebote verbieten, beim Vieh, bei der Saat und bei der Kleidung unterschiedliche Arten oder Gattungen zu vermischen. Dabei ist der Grundgedanke, dass nach dem Schöpfungsbericht Gott die Tiere und Pflanzen je nach ihrer Gattung erschaffen hat und der Mensch daher nicht die Erlaubnis hat, diese Schöpfungsordnung nachträglich zu durchkreuzen.

Im Talmud steht allerdings geschrieben, dass Rabbi Josi sagt: Nach Schabbatausgang hat Gott dem Menschen das Wissen gegeben, wie er mithilfe von zwei Steinen Funken schlagen und ein Feuer entfachen kann (Pessachim 54,1). Diese Erfindung gehört zu den wichtigsten in der Menschheitsgeschichte. Und ferner brachte der Mensch die zwei Urahnen des Pferdes zusammen und gewann ein einzigartiges Arbeits-, Fortbewegungs- und Transportmittel.

Blicken wir von hier aus noch einmal auf Nadav und Avihu. Sie werden von Kommentatoren häufig dafür kritisiert, dass sie auf dem Altar fremdes Feuer entzündeten und nicht gewartet hatten, bis eine Flamme aus dem Himmel fiel und das Opfer entzündete.

Doch führt der Talmud unter Bezugnahme auf das 3. Buch Mose (1,7) noch zu einer anderen Sicht: »Die Söhne Aharons, des Priesters, sollen Feuer auf den Altar tun; obgleich ein Feuer vom Himmel herabstieg, so ist es dennoch Gebot, auch profanes zu holen« (Joma 21,2).

Die Mitarbeit des Menschen ist vom Schöpfer gewollt

Demnach ist die Mitarbeit des Menschen vom Schöpfer gewollt. Wir sollen uns nicht nur auf die Gaben des Himmels verlassen. Und so war es auch nicht die Sünde der Söhne Aharons, ein eigenes Feuer entfacht zu haben. Gott wünscht sich Menschentaten.

Die Erfindungen in allen wissenschaftlichen und technischen Bereichen werden möglich, weil der Ewige dem Menschen das Wissen dazu gibt, verbunden mit dem Auftrag, die Menschheitsgeschichte durch seinen Verstand positiv voranzubringen.

Das Judentum lehrt, dass die Herrschaft des Menschen über die Natur Gottes Willen entspricht. Dabei soll immer im Bewusstsein bleiben: So gut und hilfreich die Entdeckungen und Erfindungen des Menschen auch sind, zeichnen sie sich in den meisten Fällen durch einen Doppelcharakter aus. Das ist schon an der elementaren Wirkung des Feuers zu erkennen: Sie bewegt sich zwischen seiner praktischen Nützlichkeit und einer gefährlichen Kraft, die wie eine Naturgewalt zerstörerische Ausmaße annehmen kann.

Es kommt also darauf an, die menschlichen Möglichkeiten des Fortschritts jeweils an den ethischen Weisungen der Tora zu prüfen und sich zu fragen, ob und inwieweit sie der Heiligung des Lebens dienen oder schaden.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Mit Anordnungen zu Jom Kippur beginnt der Wochenabschnitt Acharej Mot. Er beschreibt, dass es für den Hohepriester gefährlich war, das Allerheiligste zu betreten. Denn eine zu große Nähe zum Göttlichen barg Gefahren in sich. Im 3. Buch Mose 17 beginnt das Heiligkeitsgesetz. Darin werden weitere Opfergesetze und Speisevorschriften übergeben, wie etwa das Verbot des Blutgenusses und das Verbot, Aas zu verzehren. Den Abschluss bilden das Thema verbotener Ehen wegen zu naher Verwandtschaft sowie Regelungen zu verbotenen sexuellen Beziehungen.
3. Buch Mose 16,1 – 18,30

Der Wochenabschnitt Kedoschim ist der zentrale Teil des Buches Wajikra. Er enthält Anweisungen für das gesamte Volk Israel, heilig zu sein in Gedanken, Worten und Taten. Der Höhepunkt dieses Abschnitts ist der Satz »Liebe deinen Nächsten so, wie du dich selbst liebst«. Unter anderem werden gefordert: Respekt vor den Eltern, die Einhaltung des Schabbats, Ecken der Felder für Arme übrig zu lassen, nicht zu stehlen, Gerechtigkeit walten zu lassen, keine verbotenen sexuellen Beziehungen einzugehen und mit Maßen und Gewichten ehrlich umzugehen.
3. Buch Mose 19,1 – 20,27

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