Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

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Tasria-Mezora

Die Macht des Wortes

Was wir sagen, kann verletzen oder heilen. Die Tora fordert, Schaden zu vermeiden und Gutes zu stiften

von Avi Frenkel  17.04.2026 11:12 Uhr

Leben und Tod liegen in der Macht der Zunge», schrieb König Schlomo (Sprüche, Mischlei 18,21) vor gut 3000 Jahren. Dieser Satz bleibt zeitlos. Er benennt eine Fähigkeit, die den Menschen von allen anderen Geschöpfen unterscheidet: die bewusste, kreative, schöpferische Sprache.

Schon am Anfang der Tora wird die Macht des Wortes sichtbar. Die Welt entsteht durch das g’ttliche Wort: «Und G’tt sprach …» Der Mensch, geschaffen im Ebenbild G’ttes, erhält ebenfalls die Gabe zu sprechen. Worte sind im Judentum nie bloße Laute. Sie gestalten Wirklichkeit. Sie bauen auf oder reißen nieder.

Ein kurzes Innehalten verhindert oft Schaden.

Im Alltag vergisst man leicht, wie mächtig Worte sein können. Ein spöttischer Satz, ein Gerücht, eine verletzende Bemerkung können eine Beziehung zugrunde richten. Vertrauen wird oft nicht durch Taten, sondern durch Worte zerstört. Andererseits kann ein einziges ehrliches Wort der Ermutigung einen Menschen aus tiefer Verzweiflung aufrichten. Aufrichtiges Lob schenkt Selbstwert, ein gutes Wort stiftet Versöhnung.

Gespräche sind für Beziehungen unverzichtbar. Ein zentraler Ratschlag für Ehepaare lautet: Nehmt euch Zeit zu reden. Selbst banale Unterhaltungen schaffen Nähe und Verständnis. Deshalb spielt das Gebet in der jüdischen Praxis eine so wichtige Rolle. Durch das Gebet, durch Worte zu G’tt, pflegen wir unsere Beziehung zu Ihm. Vieles hängt an der Kraft unserer Zunge.

Die Tora lehrt, dass bestimmte Formen der Hautkrankheit Zara’at einst als Folge von böser Rede auftreten konnten. Wir werden mehrfach vor übler Nachrede und verletzenden Worten gewarnt.

In diesem Wochenabschnitt heißt es, dass der Betroffene außerhalb des Lagers wohnen musste: «Allein soll er wohnen, außerhalb des Lagers sei sein Aufenthaltsort» (3. Buch Mose 13,46).

Die Lehre ist deutlich: Wer andere durch Worte trennt, erfährt selbst Trennung. Wer die Gemeinschaft mit seiner Zunge beschädigt, spürt Isolation am eigenen Leib. Die Strafe wirkt als pädagogische Zurechtweisung und als Spiegel des eigenen Handelns.

Jüdische Schriften vergleichen verletzende Sprache mehrfach mit Pfeil und Bogen

Jüdische Schriften vergleichen verletzende Sprache mehrfach mit Pfeil und Bogen. Im Buch der Psalmen (Tehillim 64,4) heißt es: «Sie schärfen ihre Zunge wie ein Schwert, sie spannen ihren Pfeil, ein bitteres Wort.» Auch der Prophet Jirmijahu spricht von der Zunge als «abgeschossenem Pfeil». Der Bildvergleich ist eindrücklich. Ein Schwert verletzt aus der Nähe, ein Pfeil trifft aus der Ferne. Worte können Schaden anrichten, auch wenn die Betroffenen nicht anwesend sind. Ein einmal gesagtes Wort lässt sich nicht zurückholen. Es verbreitet sich, erreicht Menschen, die wir nie im Blick hatten, und entfaltet Wirkung.

Vor etwa 100 Jahren lebte der große Rabbiner Jisrael Meir Kagan, bekannt als Chafetz Chaim. Er widmete sein Leben dem verantwortungsvollen Umgang mit Sprache. Ein Mann kam einst zu ihm, bereute, schlecht über andere geredet zu haben, und fragte, wie er es wiedergutmachen könne.

Der Rabbiner gab ihm eine ungewöhnliche Aufgabe: Er solle ein Kopfkissen aufschlitzen und die Bettfedern im Wind verstreuen. Am nächsten Tag solle er alle Federn wieder einsammeln. Der Mann erkannte die Unmöglichkeit der Aufgabe. Die Federn waren in alle Richtungen davongeweht.

Da erklärte der Rabbiner: Es verhält sich mit Worten ebenso. Einmal ausgesprochen, verbreiten sie sich. Man weiß nie, wen sie erreichen, welche Gedanken sie auslösen oder welche Wunden sie schlagen. Man kann Worte nicht einfach zurückholen.

Ist es wahr? Ist es notwendig? Ist es wohlwollend?

Heute, in einer Zeit, in der Nachrichten in Sekunden um die Welt gehen, ist diese Lehre aktueller denn je. Ein einziger Satz kann Hunderte oder Tausende erreichen. Die Verantwortung ist entsprechend groß.

Wie können wir bewusster sprechen? Dabei könnte es helfen, wenn wir uns diese drei Fragen stellen: Ist es wahr? Ist es notwendig? Ist es wohlwollend?

Ein kurzes Innehalten verhindert oft Schaden. Dennoch bleibt das vorsichtige Verwenden von Worten eine große Herausforderung. Man kann sich noch so sehr bemühen, sich zu beherrschen; ein Wort ist heutzutage schnell ausgesprochen, und einmal ausgesprochen, lässt es sich nicht mehr zurücknehmen.

Die Tora verpflichtet uns, unsere Mitmenschen in einem positiven Licht zu betrachten

Die Tora gibt uns noch eine weitere Hilfe, um diese negative Eigenschaft, schlecht über andere Menschen zu sprechen, aus unserem Charakter zu entfernen: Sie verpflichtet uns, unsere Mitmenschen in einem positiven Licht zu betrachten. Viele halten das lediglich für eine schöne Charaktereigenschaft. Doch das ist es nicht. Es ist ein grundlegendes Gebot. Die Tora gibt uns die Aufgabe, uns daran zu gewöhnen, mit einem wohlwollenden, gutmütigen Herzen durch die Welt zu gehen.

Wenn wir uns beispielsweise mit jemandem verabreden und die Person kommt zu spät, können wir denken: «Offenbar ist ihr meine Zeit nicht wichtig. Sie hätte sich mehr bemühen können.» Solche Gedanken führen schnell zu negativen Worten. Oder wir entscheiden uns bewusst, die Person im besten Licht zu sehen. Vielleicht hat sie sich ehrlich bemüht und wurde durch Umstände aufgehalten, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Vielleicht hatte der Zug Verspätung. Oft gibt es zu einer objektiven Realität mindestens zwei mögliche Erzählweisen. In der einen sprechen wir schlecht über jemanden, in der anderen erinnern wir uns daran, wie viel Gutes in einem Menschen steckt.

Wer sich daran gewöhnt, positiv zu urteilen, dem fällt es mit der Zeit immer schwerer, sich negativ zu äußern, und irgendwann gibt es nichts mehr, was man schlecht­reden möchte.

Heutzutage stehen wir vor einer zusätzlichen Herausforderung. In der digitalen Welt verbreiten sich Worte fast unkontrolliert. Eine einzige Nachricht kann unzählige Male weitergeleitet werden, und ein Screenshot konserviert selbst einen unbedachten Moment.

Die jüdische Lehre fordert uns auf, durch Rede aktiv Gutes zu stiften

Sprache kann verletzen und heilen. Versöhnung beginnt oft mit einem ehrlichen Wort. Die jüdische Lehre fordert uns auf, nicht nur Schaden zu vermeiden, sondern aktiv Gutes durch Rede zu stiften. Jedes Wort bleibt bedeutsam.

König Schlomos Worte sind keine poetische Übertreibung, sondern eine nüchterne Feststellung: Leben und Tod liegen in der Zunge. Tagtäglich tragen wir die Wahl in uns, mit unserer Sprache zu zerstören oder aufzubauen. Mögen wir uns dieser Macht bewusst sein und sie zum Guten nutzen.

Der Autor studiert am Rabbiner­seminar zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Tasria lehrt die Gesetze für die Wöchnerin und die Dauer der Unreinheit. Bei einem männlichen Kind wird zudem festgelegt, dass es am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden soll.
3. Buch Mose 12,1 – 13,59

Im Wochenabschnitt Mezora wird die Reinigung von Menschen beschrieben, die von Aussatz befallen sind.
3. Buch Mose 14,1 – 15,33

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