Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Wenn ein Mann aktiv daran mitwirkt, die Schechina ins Haus G’ttes zu bringen, dann wird seine eigene Frau zu ihm gebracht, so die Idee. Foto: Getty Images

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026 08:12 Uhr

Es gibt eine chassidische Tradition, laut der das Lesen der »Korbanot haNesi’im«, also der Opfergabe der Fürsten, im Wochenabschnitt Nasso (4. Buch Mose 7,1 – 8,4) als besonders hilfreich für das Finden einer Ehepartnerin gilt. Dabei richtet sich diese Praxis traditionell an Männer. Frauen wird empfohlen, täglich vor dem Sonnenuntergang die Psalmen 31 und 71 zu lesen.

Zunächst stellt sich die grundlegende Frage: Was sind die Korbanot haNesi’im überhaupt?

Nachdem die Israeliten aus Ägypten ausgezogen waren und am Sinai die Tora empfangen hatten, wurde der Mischkan, das Stiftszelt, als Ort errichtet, an dem die g’ttliche Gegenwart in besonderer Weise wohnen sollte. Genau hier setzen die Korbanot haNesi’im ein: Zur Einweihung bringen die führenden Vertreter der zwölf Stämme jeweils eine offizielle Opfergabe dar.

Bemerkenswert ist, dass jeder dieser Fürsten an einem eigenen Tag opfert, insgesamt über einen Zeitraum von zwölf Tagen. Noch auffälliger ist jedoch, dass jede einzelne Opfergabe exakt gleich beschrieben wird, bis ins kleinste Detail. Jede Gabe umfasst kostbare Gefäße aus Silber und Gold, gefüllt mit Mehl und Öl (also Speiseopfer), dazu Räucherwerk sowie verschiedene Tieropfer: Brand-, Sünd- und Friedensopfer.

Obwohl sich die Inhalte nicht unterscheiden, wiederholt die Tora die vollständige Beschreibung zwölfmal

Obwohl sich die Inhalte nicht unterscheiden, wiederholt die Tora die vollständige Beschreibung zwölfmal, anstatt sie einmal zusammenzufassen. Für einen unvoreingenommenen Leser wirkt dies zunächst redundant. In der jüdischen Auslegungstradition wird diese Wiederholung jedoch als bewusst und bedeutungsvoll verstanden. Sie unterstreicht, dass jeder Stamm und jeder Fürst eine eigene Rolle und eine individuelle Bedeutung besitzen, selbst wenn die äußere Handlung identisch ist.

Die Frage, weshalb gerade die Korbanot haNesi’im als Segula (eine spirituelle Praxis oder Handlung, der eine besondere Wirkung zugeschrieben wird) für das Finden eines Ehepartners gelten, lässt sich aus einer tieferen, insbesondere kabbalistischen Perspektive verstehen.

Durch gute Taten wird die g’ttliche Präsenz gestärkt, durch Fehlverhalten hingegen abgeschwächt

Der zentrale Ausgangspunkt ist der Mischkan selbst. Er war der Ort, an dem die Schechina, die g’ttliche Gegenwart, in dieser Welt ruhte. Die Schechina ist gewissermaßen die Art und Weise, wie der Mensch G’tt in der Welt wahrnimmt. Wenn sie präsent ist, wird G’ttlichkeit erfahrbar, sei es durch spirituelle Klarheit, Nähe oder sogar Wunder. Gleichzeitig ist ihre Offenbarungskraft nicht unabhängig, sondern hängt vom Verhalten der Menschen ab. Durch gute Taten wird diese Präsenz gestärkt, durch Fehlverhalten hingegen abgeschwächt.

In diesem Sinne ist sie empfangend, da sie ihre Wirkkraft aus dem Zusammenspiel zwischen g’ttlichem Einfluss und menschlichem Handeln bezieht.

In der jüdischen Mystik wird die Schechina mit einem empfangenden Prinzip identifiziert und daher symbolisch als weiblich beschrieben. Ihm gegenüber steht das gebende Prinzip, das mit dem männlichen Aspekt assoziiert wird. Diese Unterscheidung ist nicht biologisch zu verstehen, sondern sie beschreibt eine spirituelle Dynamik von Geben und Empfangen.

Vor diesem Hintergrund erhält auch der Begriff »Mischkan« eine tiefere Bedeutung. Rabbi Nachman von Bratzlaw erklärt in Likutej Moharan (I, 70), dass das Wort »Mischkan« mit »moschech« – anziehen – verwandt ist. Der Mischkan ist also ein Ort, der die Schechina anzieht und in die Welt bringt.

Das Studium und das Aussprechen der Opfertexte können eine gewisse spirituelle Funktion des ursprünglichen Opferdienstes übernehmen

Hier kommt die Idee ins Spiel, dass das Studium und das Aussprechen der Opfertexte eine gewisse spirituelle Funktion des ursprünglichen Opferdienstes übernehmen können. Wenn jemand die Korbanot haNesi’im mit Bewusstsein und Intention liest, wird dies so verstanden, als würde er im übertragenen Sinn an der Einweihung des Mischkan teilnehmen. Er erbaut gewissermaßen durch seine Worte einen Raum für die Schechina und zieht die g’ttliche Präsenz in die Welt hinein.

An dieser Stelle entsteht die Verbindung zur Partnerfindung: Wenn ein Mann aktiv daran mitwirkt, die Schechina, die weibliche Dimension, in das Haus G’ttes, also den Mischkan, zu bringen, dann wirkt nach dem Prinzip von »Maß für Maß« (Midda keneged Midda) eine entsprechende g’ttliche Antwort. Seine eigene Frau wird zu ihm gebracht, so wie er die Schechina zum Haus G’ttes brachte.

Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

inhalt
Der Wochenabschnitt Nasso setzt die Aufgabenverteilung beim Transport des Stiftszeltes fort. Es folgen verschiedene Verordnungen zum Zelt und ein Abschnitt über Enthaltsamkeitsgelübde. Dann wird der priesterliche Segen übermittelt. Den Abschluss bildet eine Schilderung der Gaben der Stammesfürsten zur Einweihung des Stiftszeltes.
4. Buch Mose 4,21 – 7,89

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