Eine Niederlage einzugestehen, fällt wohl kaum jemandem leicht. Diese jedoch historisch für die Nachwelt explizit festzuhalten, ohne ersichtlichen Grund, und dazu noch in der Tora, wo doch jedes Wort eine Bedeutung für die Ewigkeit trägt, lässt noch mehr verwundern.
Doch genau das geschieht im Wochenabschnitt Chukat: Mosche sandte dem König von Edom eine sehr höflich formulierte und geschichtlich begründete Bitte, er möge die Israeliten durch sein Land Richtung Kenaan, das verheißene Land Israel, ziehen lassen. Doch dieser weigerte sich vehement: Die wiederholte, ebenfalls sehr respektvoll angebrachte Anfrage beantwortete er mit der Mobilisierung seiner schwer bewaffneten Armee und verdeutlichte: Hier vorbei führt nur der Weg in den Krieg! Worauf sich Israel zurückzog und einen anderen Weg einschlug (4. Buch Mose 20, 14–21).
Warum erzählt die Tora von diesem beschämenden Kapitel? Liegt darin doch nichts als Hohn für das jüdische Volk, und offenbart es nicht seine Schwäche?
Noch erstaunlicher wird das Bild Jahrhunderte später ergänzt durch die Offenbarung des Richters Jiftach, die in manchen Jahren als Haftara zu Chukat gelesen wird: »Und der König von Edom hörte nicht, und auch zum König von Moaw schickte er, aber dieser wollte ebenfalls nicht, so saß Israel in Kadesch. Und es ging in der Wüste und umrundete das Land Edom und das Land Moaw« (Richter 11, 17–18).
Nicht nur vor Edom, auch vor Moaw duckten sich die Israeliten
Nicht nur vor Edom, auch vor Moaw duckten sich die Israeliten und nahmen mit einem Millionenvolk einen großen Umweg von Hunderten Kilometern in der Wüste in Kauf, nur um diese Anrainer Kenaans nicht mit dem Wunsch, durch ihr Land zu ziehen, weiter zu »provozieren«.
Kann man seine Schwäche noch klarer entblößen? Und dies so kurz vor dem Einzug ins Land Israel und den damit einhergehenden bevorstehenden Kämpfen? Wollte Gʼtt das Volk etwa auf diesem Wege demoralisieren (was tatsächlich geschah; siehe Raschis Kommentar zu 4. Buch Mose 21,4)? »Meine Gedanken sind nicht wie eure Gedanken, und eure Wege nicht die Meinen, spricht der Ewige« (Jeschajahu 55,8). Gʼttes Pläne sind manchmal kurzfristig nicht zu erkennen und schon gar nicht zu durchschauen, doch werden sie auf längere Sicht offenbar, so auch hier. Rabbi Josef Albo (1380–1444) erklärt in seinem Werk Sefer Haʼikarim (4,25), dass diese ganze Entwicklung zu einem Ziel führen sollte: zu Sichon, dem König der Emoriter, und seinem Verbündeten Og, dem König Baschans.
Sie zählten zu den stärksten Königen ihrer Zeit und hatten die Aufgabe, die Völker des Landes Kenaan vor Eindringlingen zu schützen. Durch das Verhalten der Israeliten fühlten sie sich zusätzlich bestärkt, sich ihnen im Krieg entgegenzustellen – und wurden vernichtend geschlagen. Das ebnete mit einem Schlag den Weg nach Israel (4. Buch Mose 21, 21–22,1, Raschi 21,23) und ließ die Völker Kenaans vor Furcht erzittern (Jehoschua 2, 10–11). Die vorgetäuschte Schwäche verwandelte sich mit einem Mal in unbezwingbare Stärke.
Diesen g’ttlichen Schachzug, der sich aus den verschiedenen Schilderungen unterschiedlicher Passagen im Tanach zusammensetzen lässt, spiegelt ein Satz der Tora wider: »Und Sichon, der König von Cheschbon, wollte uns nicht vorbeiziehen lassen, denn der Ewige, dein G’tt, verhärtete seinen Geist und festigte sein Herz, um ihn wie an diesem Tag in deine Hand zu geben« (5. Buch Mose 2,30).
In beiden Wochenabschnitten steht der Kontakt zu den umliegenden Völkern im Vordergrund
Auch in Balak, dem zweiten des doppelten Wochenabschnittes, steht der Kontakt zu den umliegenden Völkern im Vordergrund. Diesmal mit dem midjanitischen Zauberer Bileam, der die Aufgabe annahm, das israelitische Volk zu verfluchen. Doch ließ G’tt dies nicht zu, und die Flüche verwandelten sich in Lob und Segen, wie etwa der bekannte Satz: »Wie gut sind deine Zelte, Jakow, deine Wohnstätten, Israel!« (4. Buch Mose 24, 5).
Diese wunderbare Beschreibung Israels findet sich als Inschrift an zahlreichen Synagogen weltweit (der Interpretation der Weisen folgend, dass mit den Wohnstätten die Synagogen und Lehrhäuser gemeint sind), mit ihr eröffnen viele Gebetbücher das Morgengebet. Auch weitere berührende Worte über das jüdische Volk sind zu finden.
All diese Zitate entspringen dem »berufenen« Mund Bileams. Ausgerechnet? Fand die Tora, fand G’tt, keinen würdigeren Überbringer für derart erhabene Worte als diesen niederträchtigen Zauberer, der in Wirklichkeit nur den Untergang Israels wünschte?
Nie zuvor gab es einen Propheten wie Mosche im jüdischen Volk
Mehrere Gründe können hierfür angeführt werden. Einer hängt mit dem Vergleich zusammen, den die Weisen zwischen ihm und Mosche ziehen. So sagen sie, dass es nie zuvor einen Propheten wie Mosche im jüdischen Volk gab (5. Buch Mose 34,10), jedoch unter den anderen Völkern schon, nämlich Bileam. Beide konnten beispielsweise vorher ankündigen, dass sie sich mit G’tt beraten würden, was anderen Propheten vorenthalten war. Da es sich aber bei diesen beiden Persönlichkeiten um moralische Extrempole handelte, deren Charaktere unterschiedlicher kaum sein konnten, fragt sich, wie der Midrasch zu diesem Vergleich kommt.
Mosches Prophetie zeichnete sich unter anderem dadurch aus, dass seine Worte eine besondere Glaubwürdigkeit und Authentizität in sich trugen. Das heißt, die Empfänger konnten sich völlig darauf verlassen, dass er ohne jegliche Abänderung die Worte Gʼttes direkt übermittelte, als reines Sprachrohr. Warum? Weil Mosche der bescheidenste aller Menschen war (4. Buch Mose 12,3), ein ergebener Diener Gʼttes (12,7), und entsprechend keinerlei eigene Gedanken und Worte in diejenigen Gʼttes einfließen ließ.
Bileam setzte alles daran, das jüdische Volk zu verfluchen
Absurderweise darf auch bei Bileam dasselbe angenommen werden, aber aus entgegengesetztem Grund: Da Bileam offenkundig das jüdische Volk derart hasste, dass er alles daransetzte, es zu verfluchen, kann gleichzeitig verlässlich davon ausgegangen werden, dass jedes gute Wort und jeder Segen für Israel nicht seinem eigenen Herzen und seinen eigenen Gedanken entsprangen. Sie waren reinen himmlischen Ursprungs und erreichten die Menschen unmittelbar von dort – vielleicht sogar unmittelbarer als bei Mosche, der die guten Worte mit seinem eigenen Herzen mittrug.
Ein weiterer Grund lässt sich anhand eines Überblicks über das 4. Buch der Tora feststellen: Seitdem das Volk Israel den Berg Sinai verließ, folgt Katastrophe auf Katastrophe. Die Wochenabschnitte sind durchwirkt von negativen Geschichten über das Verhalten des gesamten Volkes oder einzelner Gruppen, von himmlischen Strafen, die daraufhin folgten, und von einer fortschreitenden Zuspitzung der Ereignisse. Mit unserem Wochenabschnitt neigt sich das Buch dem Ende entgegen, und das Gefühl könnte entstehen, dass es um die Israeliten wirklich schlimm bestellt ist.
Doch dann taucht Bileam auf und zeichnet ein ganz anderes Bild: das Bild eines moralisch hochstehenden, edlen und beneidenswerten Volkes – sogar um den Tod dieser Gerechten beneidet er es und würde diesen am liebsten mit ihnen teilen (23,10)! Wie kommt Bileam zu diesem grundlegend verschiedenen Bild?
Er sieht das Volk von außen, erhält einen weiten Gesamtblick über dessen Errungenschaften und Vorzüge, die dem inneren Blick mitunter entgehen. Manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht, und manchmal entgeht einem die Schönheit dieses Volkes im Makro, wenn man zu sehr mit einzelnen Negativbeispielen im Mikro befasst ist. Denn auch mit allen Makeln, Ecken und Kanten ist es ein Volk, zu dem man mit Stolz dazugehören darf. Es ist ein Volk, das den Bund mit Gʼtt nie verlassen hat und dem der Bund mit Gʼtt niemals gekündigt wurde – »der Ewige, sein Gʼtt ist mit ihm, die Gesellschaft des Königs weilt in ihm« (23,21).
Der Autor ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.
inhalt
Der Wochenabschnitt Chukat berichtet von der Asche der Roten Kuh. Sie beseitigt die Unreinheit bei Menschen, die mit Toten in Berührung gekommen sind. In der »Wildnis von Zin« stirbt Mirjam und wird begraben. Im Volk herrscht Unzufriedenheit, man wünscht sich Wasser. Mosche öffnet daraufhin eine Quelle aus einem Stein – aber nicht auf die Art und Weise, wie der Ewige es geboten hat. Mosche und Aharon erfahren, dass sie deshalb das verheißene Land nicht betreten dürfen. Erneut ist das Volk unzufrieden: Es ist des Mannas überdrüssig, und es fehlt wieder an Wasser. Doch nach der Bestrafung bereut das Volk, und es zieht gegen die Amoriter und die Bewohner Baschans in den Krieg und erobert das Land.
4. Buch Mose 19,1 – 22,1
Der Wochenabschnitt Balak hat seinen Namen von einem moabitischen König. Dieser fürchtet die Israeliten und beauftragt den Propheten Bileam, das Volk Israel zu verfluchen. Doch Bileam segnet es und prophezeit, dass dessen Feinde fallen werden.
4. Buch Mose 22,2 – 25,9