Es muss ein riesiges Gedränge gewesen sein, damals, vor rund 2000 Jahren zu Schawuot in Jerusalem: Jüdische Pilger aus der gesamten Umgebung strömten in die Stadt. Hunderttausende sollen es gewesen sein, die zum Wochenfest ihre Körbe packten. Jeder jüdische Landbesitzer war angehalten, die ersten reifen Früchte seiner Felder und Bäume nach Jerusalem zu bringen: Weizen und Gerste, Trauben, Feigen, Granatäpfel, Oliven und Datteln.
Auf dem Tempelberg bereiteten derweil Priester die Tieropfer für den Feiertag vor, außerdem zwei gesäuerte Brote, die man aus dem Weizen buk, der in der Omerzeit herangereift war.
Die Pilger folgten der Anweisung der Tora
Die Pilger folgten der Anweisung der Tora (5. Buch Mose 16,16): »Dreimal im Jahr sollen erscheinen all deine Männlichen vor dem Angesichte des Ewigen, deines G’ttes, an einem Orte, den er erwählen wird: am Feste der ungesäuerten Brote, und am Feste der Wochen, und am Feste der Hütten.« An Pessach, Schawuot und Sukkot boten die Pilgerfeste eine Gelegenheit, in der Gemeinschaft den Bund mit G’tt zu bekräftigen und sich der Heiligkeit Jerusalems und des Tempels bewusst zu werden.
Über die römische Zeit, als Cestius Gallus Statthalter der Provinz Syrien war, berichtet der jüdische Historiker Flavius Josephus: »Als aber Cestius einst kurz vor dem Feste der ungesäuerten Brote nach Jerusalem kam, sammelte sich das Volk in einer Anzahl von nicht weniger als drei Millionen um sein Tribunal« (Geschichte des jüdischen Krieges 2,14). An anderer Stelle schreibt Flavius Josephus, dass die Hohepriester die geschlachteten Opfer gezählt und eine Zahl von 255.600 ermittelt hätten. Das macht, um nur zehn Teilnehmer für jedes Opfer anzusetzen, 2,6 Millionen Menschen.
Auch wenn der Andrang riesig war, sei die Stadt wie durch ein Wunder nicht überfüllt gewesen.
Auch wenn diese Zahlen als übertrieben gelten, muss der Andrang der Pilger riesig gewesen sein. Dennoch sei die Stadt nicht überfüllt gewesen: Die Mischna (Awot 5,5) nennt zehn Wunder im Kontext des Tempels und erwähnt, dass jeder »genügend Platz« hatte, auch wenn die Menschen dicht gedrängt standen. Und keiner habe gesagt: »Der Ort ist zu überfüllt, als dass ich in Jerusalem übernachten könnte.«
Bevor die Pilger zum Tempel gingen, mussten sie in einem Ritualbad untertauchen. Eine riesige Mikwe befand sich südlich des Tempelberges. Über eine rund 600 Meter lange Straße stiegen die Menschen dann gereinigt zum Heiligtum auf.
Die Tradition der Pilgerfeste endete mit der Zerstörung des Tempels
Die Tradition der Pilgerfeste endete mit der Zerstörung des Tempels. Etwa zwei Jahrtausende lang war jene Straße in der Jerusalemer Davidstadt unter Erdschichten begraben. 2004 wurde sie von Archäologen eher durch Zufall entdeckt.
Danach begannen die Ausgrabungen unter sehr schwierigen technischen Bedingungen. Dabei wurde entlang der unterirdischen Route vom Schiloach-Teich bis zum Tempelberg nicht nur die Straße freigelegt, die sich in einem außergewöhnlich guten Zustand befand. Es wurden auch zahlreiche Münzen, Gewichte und sogar ein spezieller Wiegetisch entdeckt. Es ist gut vorstellbar, dass auf dieser frequentierten Straße zum Tempel ein Markt florierte, auf dem Pilger Opfergaben und Reisebedarf kauften.
Heute ist die »Pilgerstraße« eines der aufwendigsten archäologischen Projekte und zugleich die neueste Touristenattraktion Jerusalems. Wer diesen erst in diesem Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich gemachten, steingepflasterten Weg hinaufgeht, befindet sich auf den Spuren der jüdischen Pilger und erlebt eine beeindruckende Begegnung mit der Vergangenheit.
Zum Beispiel auch mit der Geschichte des jüdischen Aufstands gegen die römische Besatzung. Denn aus dieser Zeit wurden bei den Ausgrabungen Hunderte kleine Bronzemünzen gefunden. Unter der Pilgerstraße verläuft ein alter Wasserkanal. In diesem Schacht sollen sich jüdische Rebellen mit ihren Familien vor den Soldaten versteckt haben. Diese Annahme ist allerdings unter Archäologen umstritten. Gleichwohl wurden unter anderem an dieser Stelle Kochtöpfe, Öllampen und sogar ein Schwert entdeckt, das einem römischen Legionär gehört haben soll. Und es wurden ebenjene Münzen aus der Zeit des Großen Aufstands gefunden, von denen eine auch auf der Pilgerstraße den Besuchern präsentiert wird. Sie trägt die Aufschrift: »Freiheit für Zion«.
»Ein Beweis für die historische Wahrheit und unsere tiefe Verbindung zu Jerusalem«
Diese Münze sei, wie viele andere Funde auch, »ein Beweis für die historische Wahrheit und unsere tiefe Verbindung zu Jerusalem«, sagte Israels damalige Kulturministerin Miri Regev Ende 2016, als sie das Ausgrabungsprojekt der Pilgerstraße gemeinsam mit dem früheren Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat vorstellte. Denn die Ausgrabungen haben auch im Deutungsstreit um die Zugehörigkeit der heiligen Stadt ein politisches Gewicht.
In einer Resolution hatte die UN-Weltkulturorganisation in jenem Jahr ausschließlich arabische Namen der heiligen Stätten Jerusalems verwendet und die Wahrung »des palästinensischen Kulturerbes und des unverkennbaren Charakters von Ost-Jerusalem« gefordert. Die jahrtausendealte jüdische Verbindung zu Jerusalem wurde nicht erwähnt. »Deshalb reagieren wir heute mit klarer Stimme auf diese historische Verfälschung: Juden lebten in Jerusalem, und die Juden werden weiterhin in Jerusalem leben«, betonte Regev damals.
Bei der Eröffnungszeremonie erläuterte der ehemalige israelische Regierungssprecher Eylon Levy die Bedeutung des Ortes: »Er ist der physische Beweis für die Entstehungsgeschichte des jüdischen Volkes.«
Der Ort sei der Beweis für die Entstehungsgeschichte des jüdischen Volkes.
Besonders in der muslimischen Welt ist man anderer Meinung. Der ehemalige Mufti von Jerusalem und Imam der Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, Scheich Ikrima Sabri, hat in der Vergangenheit den Juden jegliche historische Verbindung zu Jerusalem abgesprochen. In einem Interview mit der »Welt« behauptete er 2001, in der gesamten Stadt gebe es keinen einzigen Stein, der auf die jüdische Geschichte verweise.
Sensibler Ort
Auch der Ort der Ausgrabungen ist sensibel: Die Pilgerstraße verläuft unter einem von Arabern bewohnten Viertel in Ost-Jerusalem. Und die Elad-Stiftung, die die Ausgrabungen mit Millionenspenden finanziert, ist umstritten. Sie treibt die jüdische Besiedlung jenes Stadtviertels voran, das sich über den unterirdischen Ausgrabungen befindet. Kritiker werfen der Organisation vor, eine rechtsreligiöse, radikale Siedlergruppe zu sein, die versuche, arabische Familien aus ihren Häusern zu vertreiben. Seit Jahren haben die Ausgrabungen an dieser Straße – wie im gesamten Viertel Silwan – viel Widerspruch hervorgerufen.
Wie auch an anderen Orten in Israel gilt für Jerusalem im Besonderen, was einst der Schoa-Überlebende Elie Wiesel sagte: »Man gräbt tief – nicht in den Boden, sondern in Tausende Jahre Geschichte.« Was man findet, kann Narrative zementieren oder zerbrechen, biblische Erzählungen aufleben lassen oder Fragen aufwerfen.
Eine Geschichte, die jetzt wieder zum Leben erwacht, ist die der jüdischen Pilger, die vor rund 2000 Jahren in Jerusalem zum Tempel hinaufzogen, um ihr Opfer zu Schawuot zu bringen.