Pro: »Die traditionelle Familie ist heute eine Illusion«, sagt Rabbiner Alexander Grodensky
Welches traditionelle Familienmodell soll gemeint sein? Die Familie Jakobs mit zwei Schwestern als Ehefrauen, zwei Mägden als Nebenfrauen, zwölf Söhnen von vier Müttern und einer Tochter, deren Schicksal die Tora in nur einem einzigen verstörenden Kapitel abhandelt? Oder vielleicht die Familie der Mischna, in der ein Mann mehrere Frauen haben durfte?
Es gibt keinen Punkt in unserer Geschichte, an dem »die jüdische Familie« als ein klar umrissenes Modell existiert hätte. Was viele heute »traditionell« nennen – Vater, Mutter, Kinder, Schabbattisch, der Mann macht Kiddusch, die Frau entzündet die Kerzen –, ist im Kern eine bürgerliche Konstruktion des 19. Jahrhunderts. Es gibt nicht das eine jüdische Familienmodell, weil es nie das eine jüdische Volk in kultureller Einheit gegeben hat. Saadia Gaon formulierte es im 10. Jahrhundert prägnant: »Unsere Gemeinschaft ist nur durch die Tora eine Gemeinschaft.«
Was Juden verbindet, ist die Tora und kein Familienmodell. Diese späte bürgerliche Konstruktion wurde durch die Schoa zerstört, durch die Migration zerstreut, durch die Säkularisierung relativiert und in der Erinnerung zu einem goldenen Standard verklärt. Wer das Auslaufmodell verteidigt, verteidigt also keine alte Wahrheit, sondern eine relativ junge Idealisierung.
Die Tora kennt das Wort »Mischpacha« und meint damit etwas viel Weiteres als die Kleinfamilie: einen Verband, ein Geflecht. Ruth und Naomi sind Familie. Als Ruth ein Kind bekommt, sagen die Nachbarinnen: »Ein Sohn ist Naomi geboren.« Wessen Kind dieses Kind ist, entscheidet nicht die Biologie allein. Mordechai zieht Esther auf, weil sie keine Eltern mehr hat. Pflegekinder, Adoptionen, Verwandtschaft jenseits leiblicher Abstammung sind biblisch, sind talmudisch, sind jüdisch.
Wir müssen uns ehrlich machen: Die meisten Jüdinnen und Juden in Europa leben heute in Familien mit gebrochener Tradition. Die Brüche des 20. Jahrhunderts – Schoa, sowjetische Religionsfeindlichkeit, Migration – haben die lebendige, mimetische Weitergabe zerrissen. Was die Großmutter in der Küche tat, weil ihre Mutter es so getan hatte, ist für viele verloren. Manche haben nicht einmal mehr eine Großmutter. Die mimetische Kette ist nicht nur dünn geworden, sondern oft ganz gerissen.
Wer sich seiner Jüdischkeit nicht sicher ist, neigt dazu, sie »nach dem Buch« zu leben – streng, eindeutig, idealisiert, weil Eindeutigkeit Sicherheit verspricht. Genau hier hat die Illusion der »traditionellen Familie« ihren Sitz.
An die Stelle der gelebten Überlieferung tritt das Buch, der Online-Schiur, das YouTube-Video. Die Soziologie der zeitgenössischen Orthodoxie hat das beschrieben: Aus einer in der Familie verkörperten Tradition ist eine textbasierte, oft strenger gewordene Religion geworden. Das gilt längst nicht nur für die Orthodoxie. Viele lernen ihr Judentum aus Büchern, weil die Familie es ihnen nicht mehr beibringen kann. Heute kommt es nicht selten vor, dass Kinder ihren Eltern das Judentum beibringen – das Gegenteil der »klassischen« Konstellation.
Patrilineare Jüdinnen und Juden, Konvertiten, Nachkommen sowjetisch sozialisierter Eltern, Wiederentdecker einer verschütteten Großelterngeneration: Sie alle bauen ihr jüdisches Leben heute selbst auf, und sie tun dies unter Bedingungen, die mit dem 19. Jahrhundert nichts zu tun haben. Ich will das gar nicht beklagen. Ein Judentum, das aus Büchern, aus Kursen, aus eigenem Suchen entsteht, kann aufrichtiger und kreativer sein als eines, das aus reiner Gewohnheit gelebt wird. Für manche ist es die Rückgewinnung von etwas Verlorenem, für viele aber Neuschöpfung – ein eigenes Werden, ohne Vorlage.
Es eröffnet Räume zum Ausprobieren, zum Aneignen, zum Weiterdenken. Einen Preis aber hat es: Wer sich seiner Jüdischkeit nicht sicher ist, neigt dazu, sie »nach dem Buch« zu leben – streng, eindeutig, idealisiert, weil Eindeutigkeit Sicherheit verspricht. Genau hier hat die Illusion der »traditionellen Familie« ihren Sitz.
Wer heute an diesem Modell festhalten will, erklärt damit eine Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft zu Abweichungen von einer angeblichen Norm: Alleinerziehende, Geschiedene in zweiter Ehe, kinderlose Paare, gleichgeschlechtliche Eltern. Das ist nicht nur soziologisch falsch, es ist auch theologisch problematisch. Die Schöpfung ist nichts einmal Festgelegtes, sondern ein fortgesetztes Werden: Ha-mechadesch be-tuwo be-chol jom tamid maasse bereschit – »Der in seiner Güte täglich, immerfort das Schöpfungswerk erneuert«. Wenn Gott die Schöpfung jeden Tag erneuert, können wir nicht so tun, als wäre Familie heute eine eingefrorene Form aus dem 19. Jahrhundert.
Die Frage ist nicht, ob Familien sich verändern, sondern wie wir sie dabei begleiten: mit Werteorientierung, mit Wertschätzung, mit Mitgefühl.
Was wir brauchen, ist nicht die Wiederbelebung der traditionellen jüdischen Familie, sondern die Anerkennung dessen, was Familie im jüdischen Sinne immer schon war: eine Fürsorgegemeinschaft von Menschen, die füreinander einstehen, gemeinsam lernen, feiern, trauern und Generationen miteinander verbinden. Zentral ist dabei die Frage, ob in der Familie der Bund mit dem Ewigen und eine lebendige Beziehung zum Judentum gelebt wird.
Rabbiner Alexander Grodensky ist liberaler Rabbiner von Luxemburg. Als Vorsitzender der Liberalen Rabbinervereinigung trägt er zur progressiven jüdischen Bewegung in Europa bei. Zusammen mit seinem Ehemann ist er Vater eines Sohnes.
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Contra: »Eine Familie zu gründen, hat Zukunft, weil sie Leben in die Welt bringt«, meint Daniela Fabian
Neues Leben zu schenken, ist verbunden mit Hoffnung und Kontinuität. Das eigene Leben endet nicht bei einem selbst; es gibt Menschen, die nach einem kommen und das weiterführen, was man begonnen oder selbst weitergeführt hat. Durch die Erinnerung der Nachkommen lebt man auf gewisse Art und Weise weiter.
Kinder zu haben, ist mit dem Wunsch verbunden, Werte weitergeben zu wollen. Jedes Kind weiß Eltern hinter sich, die sich eine Familie basierend auf gewissen Werten vorstellen. Bei einer jüdischen Familie ist das nicht anders. Die Werte in einer jüdischen Familie beruhen auf dem, woran die Eltern, Großeltern und viele Generationen davor schon geglaubt haben. Eine jüdische Familie ist also nicht in sich selbst isoliert, sondern stets mit ihren jüdischen Vorfahren verbunden, die bereits die gleichen Werte lebten, wie es die Familie heute tut.
Doch was sind eigentlich jüdische Werte? Eine kleine Auswahl davon heißt Gemeinschaft, Verantwortung, Nächstenliebe und Tikkun Olam, jenes jüdische Konzept, das versucht, durch ethisches Handeln und Wohltätigkeit die Welt zu verbessern.
Gemeinschaft bedeutet, Teil sowohl einer jüdischen Familie als auch einer langen Kette von Juden zu sein, die bis zum ersten Juden, Abraham, zurückgeht. Ein jüdisches Kind ist das nächste Glied dieser sehr langen Kette. Zu wissen, dass eine Familie die nächste Generation von Juden in die Welt setzen kann, verleiht ein starkes Gefühl von Bedeutung. Jeder Mensch auf dieser Welt möchte bedeutend sein. Diese Bedeutung kann im kleinen familiären Rahmen stattfinden und als Mutter und Ehefrau gefühlt werden, umso mehr, wenn man seinen Beitrag zur Weiterführung dieser Kette geleistet hat. Etwas Bedeutendes zu tun, stärkt den eigenen Selbstwert.
Außerdem gehört zur Gemeinschaft, dass eine Familie im Leben eines einzelnen Individuums oft Halt gibt. Man kann sich darauf zurückberufen und darauf verlassen, dass sie da ist. Gerade in schwierigen Situationen bietet die Familie Unterstützung, Verständnis und Geborgenheit. Sie vermittelt Werte, stärkt das Selbstvertrauen und gibt vielen Menschen das Gefühl, nicht allein zu sein. Dadurch entsteht ein wichtiger sozialer Rückhalt, der Menschen sowohl emotional als auch im Alltag unterstützen kann.
Ein jüdisches Kind ist das nächste Glied dieser sehr langen Kette. Zu wissen, dass eine Familie die nächste Generation von Juden in die Welt setzen kann, verleiht ein starkes Gefühl von Bedeutung.
Dieses Wissen ist eine große mentale Stütze, die oft als selbstverständlich wahrgenommen wird. In der Resilienzforschung gelten stabile Beziehungen, die oft in der Familie liegen, als jene Faktoren, die Resilienz grundsätzlich begünstigen.
Verantwortung in der Familie zu leben, bedeutet auch, dass unterschiedliche Bedürfnisse aufeinandertreffen und damit umgegangen werden muss. Da eine Familie immer das gemeinsame Zusammenleben beinhaltet, muss jedes Familienmitglied Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, soweit das dem Alter entsprechend möglich ist. Das kann als Herausforderung, aber auch als Chance gesehen werden.
Auf andere Menschen einzugehen, sie zu verstehen und ihnen entgegenzukommen, bedeutet auch, sich auf andere Menschen einzulassen und von ihnen zu lernen. Daraus resultiert ein konstantes persönliches Wachstum. Man lernt dadurch, Konflikte zu lösen, Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen. Diese Fähigkeiten sind nicht nur innerhalb der Familie wichtig, sondern prägen auch den Umgang mit anderen Menschen und stärken das soziale Miteinander generell.
Ein weiterer Wert ist die Nächstenliebe, die durch Geben umgesetzt werden kann. Eine Familie und viele Kinder haben zu wollen, geht oft mit dem Wunsch einher, geben zu wollen. Dieser Wunsch ist in vielen von uns tief verankert. Im Familienalltag lassen sich unzählige Möglichkeiten dazu finden: Man kann Kindern schon von frühester Kindheit an beibringen, zu geben, so zum Beispiel im Teilen mit den eigenen Geschwistern oder beim Mithelfen zu Hause. Auch das kann als Ausdruck bedingungsloser Liebe und Fürsorge verstanden werden. Durch diese Hingabe schafft die Familie eine Grundlage von Vertrauen und Geborgenheit, die das Kind in seiner Entwicklung prägt und stärkt.
Eine jüdische Familie zu gründen oder zu vergrößern, ist ein Ansatz von Tikkun Olam. In schweren Zeiten wird oft darüber gesprochen, ob es denn Sinn ergibt, ein Kind in diese unsichere Welt zu setzen. Sich dennoch dafür zu entscheiden, bedeutet auch, eine Möglichkeit der Veränderung zu eröffnen. Wer weiß, ob nicht dieser Mensch durch seine Forschung Leben rettet oder durch seine Liebe andere Menschen glücklicher macht. Jeder Mensch kann zur Verbesserung der Welt beitragen, auch Kinder.
Kinder sind also ein Zeichen der Hoffnung, dass das Leben weitergeht und es sich lohnt, weiterzumachen. Solange es Frauen gibt, die jüdische Familien gründen und viele Kinder haben, gibt es Hoffnung auf Veränderung und Verbesserung und dass verborgenes Potenzial jeder einzelnen Person zur Entfaltung gebracht werden kann.
Daniela Fabian ist Sozialarbeiterin und Lehrerin an der Lauder Beth-
Zion Schule in Berlin. Sie hat fünf Kinder und engagiert sich
hinsichtlich der jüdischen Familie in zahlreichen Projekten.