Rabbiner Fabian, gibt es ein jüdisches Lied, das für Sie besonders bedeutsam ist?
Da gibt es einige! In Aachen habe ich während meiner Studienzeit fast jeden Schabbat bei einem Rabbiner aus Antwerpen gegessen, der uns jungen Männern eine chassidische Version von »Kari-Bon« beigebracht hat. Für mich ist jene Melodie bis heute mit dem Gefühl verbunden, dass der Schabbat wie eine Insel ist. Damals habe ich mich quasi von Schabbat zu Schabbat »über Wasser gehalten« – denn in der Uni gab es nur wenige Juden und kaum Raum für Religiöses. Doch wenn der Rabbi dieses Lied anstimmte, war ich wieder auf dieser Insel der Jiddischkeit angelangt.
Ist im Judentum die Melodie gar wichtiger als der Text?
Der Text ermöglicht natürlich eine intellektuelle Auseinandersetzung. Aber die Melodie löst die emotionale Reaktion aus, die Erinnerungen, die inneren Bilder. Für mich steht sie dadurch stärker im Vordergrund.
Welche Rolle spielt die Musik heute in Ihrem Alltag als Rabbiner?
Musik hat meine rabbinische Laufbahn von Anfang an begleitet. Schon in der Jeschiwa habe ich mit Rabbiner Zsolt Balla eine Band gegründet und auf Hochzeiten gespielt. Später waren wir regelmäßig im Kulturprogramm des Zentralrats vertreten mit einer Art musikalischer Reise durch das jüdische Jahr. Die Musik war dabei nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern ein Medium, um die Bedeutung und auch die Philosophie jüdischer Feiertage erfahrbar zu machen. Bestimmte Melodien sind so eng mit einer bestimmten Zeit im jüdischen Jahr verknüpft, dass sie sofort entsprechende Gedanken und Gefühle hervorrufen. Als Rabbiner in Berlin habe ich außerdem über viele Jahre Vorbeterseminare für Jugendliche organisiert, wo sie lernen, die Gebete vor einer Gemeinde mit den passenden Melodien anzustimmen. Ich singe auch in einem Chor, der einmal im Monat den Gottesdienst in der Synagoge mit den Melodien von Carlebach begleitet.
Die Melodien des jeckischen Juden Shlomo Carlebach sind einzigartig. In der jüdischen Musik gibt es jedoch etliche Richtungen. Ist Ihnen eine bestimmte Tradition besonders wichtig?
Jüdische Musik spiegelt die jahrtausendealte Geschichte des Exils wider. Man hört in den Melodien, wo Juden gelebt haben und wie sie von ihrer Umgebung beeinflusst wurden. Ein aschkenasischer G’ttesdienst kann deshalb ganz anders klingen als ein sefardischer. Aber ich würde meine Identität nicht an einer bestimmten Musiktradition festmachen. Für mich hat Musik zwei Funktionen: Einerseits erklärt sie Tradition und Geschichte. Andererseits – und das ist besonders wichtig im Gebet – verbindet sie Menschen, schafft Gemeinschaft, fördert die »Kawana«, die innere Ausrichtung. Welche Melodietradition das bewirkt, ist dann zweitrangig.
Wie erklären Sie sich, dass das Singen so eine spirituelle Wirkung hat?
Beim Singen kommt die Musik aus dem Innersten des Menschen. Es ist die Sprache, die die Seele versteht. Das Singen ist selten eine rein private Angelegenheit: Beim gemeinsamen Singen verbinden sich unsere Stimmen. Genauso versammeln wir uns zum Minjan, weil das gemeinsame Gebet eine stärkere Kraft entfaltet. Die Tora bezeichnet sich übrigens auch als »Lied«. In der Parascha Wajelech heißt es: »Schreibt euch dieses Lied auf.« Wie die Musik spricht die Tora Menschen auf einer Ebene an, die über Worte hinausgeht.
Auch in den biblischen Texten selbst spielen Lieder eine große Rolle.
Ein Lied gilt in der Tora als die höchste Stufe der Prophetie und der Erkenntnis – wenn Worte nicht mehr notwendig sind. Das markanteste Beispiel ist das »Schirat HaJam«, das Lied am Schilfmeer. In diesem Moment hat das jüdische Volk vollkommen verinnerlicht, dass seine Rettung von G’tt kam. In diesem Moment der Erkenntnis und Dankbarkeit wird nicht gesprochen, sondern gesungen. Auch Mirjam stimmt mit den Frauen ein Lied an. Ein weiteres Beispiel ist »Ha’asinu«, das Mosche am Ende seines Lebens als Lied vorträgt. Später gibt es eine Stelle, an der das Volk selbstständig zu singen beginnt – ohne dass Mosche ihm wie vorher Satz für Satz vorgibt. Das ist fast eine Art Reifeprüfung: Die Israeliten haben eine innere Klarheit erreicht, sie können das Lied, die Tora, nun selbstständig weitertragen.
Sie gestalten am Freitag einen musikalischen Schiur beim Schabbaton des Bundes traditioneller Juden (BtJ), zu dem über 300 Teilnehmer zusammenkommen. Was möchten Sie den Menschen mitgeben?
Durch unterschiedliche Melodien aus verschiedenen Traditionen möchte ich zeigen, wie vielfältig jüdische Musik ist. Aber das Ziel ist immer dasselbe: das innere Gefühl aufzubauen, dass jetzt Schabbat ist. Wenn Menschen sich durch die Melodien in diesen erhebenden Moment hineinversetzen können, ist alles erreicht.
Mit dem Landesrabbiner von Sachsen-Anhalt sprach Mascha Malburg.