Bamidbar

Die Kraft der Stämme Israels

Sie trainieren für den Kampf gegen Terroristen: Doron Kavillio (Lior Raz, r.) und sein Team mit Rona-Lee Shim’on als Nurit in der israelischen Serie »Fauda« Foto: yes

Anfang März verbreitete sich im Internet ein Video, in dem zwei Israelis am Eingang eines Restaurants in Kalifornien zusammengeschlagen werden. Drei Männer hörten sie Hebräisch sprechen und gingen sofort auf sie los, und selbst als sie bereits am Boden lagen, hörten sie nicht auf. Die Menschen im Restaurant sahen zu, einige filmten – aber niemand kam den beiden Israelis zu Hilfe. Das Video brannte sich in die Herzen vieler Juden auf der ganzen Welt ein.

Wie kommt es, dass so etwas immer wieder geschieht? In gewisser Weise ist die Antwort einfach: Es geschieht, weil wir Juden sind – und weil wir uns nicht immer zu verteidigen wissen.

Der Wochenabschnitt Bamidbar, mit dem das 4. Buch Mose beginnt (das auf Hebräisch ebenfalls Bamidbar heißt), bietet uns hierzu eine interessante Perspektive. Er befasst sich mit der Zählung des Volkes Israel sowie mit seinem Aufbruch und seiner Lagerordnung in der Wüste. In Bezug auf die Zählung wird Mosche angewiesen: »Von 20 Jahren an aufwärts, jeder, der zum Heer auszieht …« (4. Buch Mose 1,3). Das entscheidende Kriterium für die Zählung ist also die Militärdienstfähigkeit – und genau darin zeigt sich bereits ihr Zweck.

Der Stamm Levi soll seine Kinder zum Dienst im Heiligtum erziehen

Das Volk Israel befindet sich zu diesem Zeitpunkt auf dem direkten Weg ins Land Israel. Noch vor der Sünde der Kundschafter hätte der Zug durch die Wüste nicht 40 Jahre dauern sollen, sondern nur kurze Zeit. Danach sollte die Eroberung des Landes beginnen – und darauf musste sich das Volk vorbereiten. Jehoschua wird der Feldherr sein, wie er es bereits im Kampf gegen Amalek gewesen war. Der Krieg gegen Midjan am Ende des Buches Bamidbar zeigt schließlich, dass Israel tatsächlich gelernt hatte, sich auf den Krieg vorzubereiten und erfolgreich zu kämpfen
Im Gegensatz zu den übrigen Stämmen Israels wird der Stamm Levi auf andere Weise gezählt. Bei den Leviten liegt das entscheidende Alter nicht bei 20 Jahren, sondern bereits bei einem Monat. In diesem Unterschied verbirgt sich ein tiefer gedanklicher Ansatz.

Der Stamm Levi soll seine Kinder zum Dienst im Heiligtum erziehen – zunächst im Mischkan und später im Tempel. Diese Erziehung beginnt bereits im Säuglingsalter: Sie soll Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werte vermitteln, die das Kind auf seinen vorgesehenen Weg führen: als Angehöriger des Stammes Levi und damit in seine spezifische Aufgabe im Dienst des Heiligtums.

Die anderen Stämme hingegen werden zu etwas ganz anderem aufgerufen: zur Tat und zur Handlung. Während der Stamm Levi sich dem Heiligen widmet, sind die zwölf Stämme zur Verteidigung und zum Kampf verpflichtet.

An diesem Freitag, dem 28. Ijar, begehen wir den »Jerusalem-Tag«

An diesem Freitag, dem 28. Ijar, begehen wir den »Jerusalem-Tag«. Er erinnert an die Ereignisse des Jahres 1967 im Sechstagekrieg. In einem Krieg, wie ihn das Volk Israel kaum zuvor erlebt hatte, befreite die israelische Armee jene Orte, die als religiöse und historische Zentren des jüdischen Volkes gelten. Zum ersten Mal seit 1948 hatten Juden wieder freien Zugang zur Kotel, der Westmauer des früheren Tempels.

Wer Filme aus jener Zeit sieht, erkennt nicht nur Jerusalem in seiner ganzen Schönheit – noch bevor viele der späteren Betonviertel entstanden –, sondern spürt auch die außergewöhnliche Ergriffenheit der Soldaten. Dutzende von ihnen sprachen auf dem Platz vor der Kotel den Segen: »Schehechejanu wekijmanu wehigianu lasman hase« (»Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns leben ließ, uns erhalten hat und uns diese Zeit hat erreichen lassen«).

Und Schlomo Goren, der oberste Militärrabbiner der israelischen Armee und spätere aschkenasische Oberrabbiner Israels, sprach den Segen: »Gelobt seist Du, Ewiger, der Zion tröstet und Jerusalem aufbaut.«

Man kann sich kaum vorstellen, dass nur etwas mehr als 20 Jahre zuvor Millionen desselben Volkes in den Vernichtungslagern in Europa ermordet worden waren. In vielen Familien wurde ein Teil im Holocaust ausgelöscht, während ein anderer Teil zwei Jahrzehnte später als Soldaten im Sechstagekrieg kämpfte.

Gewaltige Extreme zwischen völliger Ohnmacht und Sieg

Was hatte sich verändert? Wie kann ein Volk innerhalb weniger Jahrzehnte so gewaltige Extreme zwischen völliger Ohnmacht und Sieg erleben?

Die Antwort liegt im Unterschied zwischen dem Stamm Levi, der im Heiligtum dient, und den zwölf Stämmen, die als Heer ausziehen. Während der 2000 Jahre des Exils hatten wir uns daran gewöhnt, wie der Stamm Levi zu sein. Wir investierten in Bildung von frühester Kindheit an. Die jüdische Bildung war ein Vorbild an Gelehrsamkeit sowie an gemeinschaftlichen und persönlichen Werten. Jeschiwot blühten in der gesamten jüdischen Welt. Viele der bedeutendsten Akademiker, Erfinder, Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler kamen aus dem jüdischen Volk.

Die nationale Aufgabe endet nicht bei Bildung und Gelehrsamkeit

Aber wir vergaßen ein Element: Wir sind nicht nur »Diener im Heiligtum« wie der Stamm Levi, sondern auch »Heeresangehörige« wie die zwölf Stämme. Die nationale Aufgabe endet nicht bei Bildung und Gelehrsamkeit. Um das Bild zu vervollständigen, muss man auch zur Verteidigung erziehen. Dabei geht es nicht um die aktuelle politische Debatte in Israel über den Militärdienst von Ultraorthodoxen. Es geht um ein viel tieferes Verständnis: Jeder Jude muss einerseits von klein auf zur besten jüdischen Bildung erzogen werden, andererseits aber auch lernen, Verantwortung zu übernehmen und für Schutz zu sorgen – so wie es uns der Wochenabschnitt lehrt.

Das verstanden bereits die frühen Zionisten. David Ben-Gurion, der spätere Premierminister Israels, hatte im Cheder in Płońsk bei Warschau gelernt. Als junger Mann nach Eretz Israel gekommen, schloss er sich dort der jüdischen Selbstschutzorganisation HaSchomer an. Die Zionisten wussten: Um als »Volk des Buches« überleben und gedeihen zu können, muss es auch in der Lage sein, sich zu verteidigen – ein Volk, das dem Frieden nachstrebt, aber bereit ist zu kämpfen.

Auch heute gilt es, dies zu verstehen. Wenn wir nicht wollen, dass Szenen wie jene aus Kalifornien sich wiederholen, wenn wir nicht wollen, dass Juden sich erneut hilflos fühlen, müssen wir umdenken. Neben den Lehrplänen der Bundesländer sowie dem Studium von Tora und Tradition müssen wir unseren Kindern auch beibringen, sich selbst zu verteidigen. So vereinen wir in uns sowohl die Heiligkeit Levis als auch die Kraft der Stämme Israels.

Der Autor ist Kantor und Religionslehrer.

inhalt
Am Anfang des Wochenabschnitts Bamidbar steht die Zählung aller wehrfähigen Männer, mit Ausnahme der Leviten. Sie sind vom Militärdienst befreit und nehmen die Stelle der Erstgeborenen Israels ein. Ihnen wird der Dienst im Stiftszelt übertragen. Bei ihnen soll von nun an jeder Erstgeborene ausgelöst werden. Zudem wird geregelt, welche Familien für den Auf- und Abbau des Stiftszelts verantwortlich sind.
4. Buch Mose 1,1 – 4,20

Talmudisches

Jüdische Longevity

Was unsere Weisen über gutes Altern lehrten

von Detlef David Kauschke  15.05.2026

Interview

»Musik ist die Sprache, die die Seele versteht«

Jüdische Melodien begleiten Rabbiner Daniel Fabian schon sein Leben lang. Heute helfen sie ihm, das Judentum erfahrbar zu machen

von Mascha Malburg  15.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  12.05.2026

Israel

In Deboras Fußstapfen

Seit 2018 versuchen Frauen, an den Halacha-Prüfungen des Oberrabbinats teilzunehmen. Nun ist es ihnen gelungen

von Sophie Goldblum  08.05.2026

Talmudisches

Die Zahl 80

Was unsere Weisen über die wahre Stärke im Alter lehren

von Avi Frenkel  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  07.05.2026

Medien

Worte wiegen schwer

Was dürfen Journalisten? Auch Pressekodex und Gesetz kennen Grenzfälle. In der jüdischen Ethik wirft der Chafetz Chaim einen interessanten Blick auf die Frage, was an die Öffentlichkeit gehört

von Mascha Malburg  07.05.2026