Konflikt

»Große Irritation« nach Gründung eines neuen liberalen Rabbinatsgericht

Sitz der Berliner Gemeinde: Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße Foto: picture-alliance/ ZB

Am Montag haben die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Union progressiver Juden in Deutschland (UpJ) mitgeteilt, ein gemeinsames Rabbinatsgericht, ein sogenanntes Beit Din, gegründet zu haben. An das neue »Zentrale Liberale Bet Din Deutschland« könne sich jede jüdische Gemeinde wenden. Das neue Beit Din mit Sitz in Berlin und Bielefeld habe unverzüglich seine Arbeit aufgenommen.

Ein Beit Din (hebräisch: בית דין, »Haus des Gerichts«) ist ein rabbinisches Gericht, das in der Regel aus drei Rabbinern (in liberalen Strömungen auch Rabbinerinnen) besteht, die in Tora und Talmud ausgebildet sind. Als religiöse Entscheidungsinstanz begleitet es zum Beispiel Übertritte zum Judentum, regelt Scheidungen und klärt Statusfragen. All dies, so die Berliner Gemeinde in ihrer Pressemitteilung, werde auch das neue Gericht erledigen.

Die Gründung ist Teil eines seit Jahren schwelenden Konflikts zwischen liberalen Rabbinerinnen und Rabbinern, der bereits vorher zu Parallelstrukturen geführt hat: So existieren in Deutschland derzeit zwei liberale Rabbinerseminare beider Gruppen. Die Einrichtung eines eigenen Rabbinatsgerichts von Seiten der Berliner Gemeinde und der UpJ ist dabei ein weiterer Schritt. Denn die Allgemeine Rabbinerkonferenz (ARK) betreibt bereits seit 2005 ein liberales Beit Din.

»Keil in die liberaljüdische Welt treiben«

Entsprechend fiel auch die Reaktion des Vorstandes der ARK aus: Sie nehme die Neugründung »mit größter Irritation« zur Kenntnis, hieß es am Dienstagmorgen. Die ARK erhebt schwere Vorwürfe: Das Vorgehen der UpJ und der Berliner Gemeinde habe keinerlei religiöse oder inhaltliche Gründe, sondern sei allein als ein weiteres Scharmützel in deren Kampf gegen den Zentralrat der Juden in Deutschland zu verstehen. Die Allgemeine Rabbinerkonferenz ist ein Gremium des Zentralrats.

Die ARK bekundete weiter, die Anhängerschaft um »die Skandalperson Walter Homolka« wolle weiterhin einen Keil in die liberale jüdische Welt treiben, was der Vorsitzende der Berliner Gemeinde, Gideon Joffe, für sein eigenes Machtspiel ausnutze.

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Zur Erklärung: Walter Homolka war einst Vorsitzender der UpJ und trat 2022 nach Machtmissbrauchsvorwürfen zurück. Auch an dem langjährigen Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Gideon Joffe, gibt es massive Kritik: Gemeindemitglieder werfen ihm etwa vor, die Wahlordnung zu seinen Gunsten geändert zu haben. 

Die Gründung des neuen Beit Din scheint eine konkrete Vorgeschichte zu haben: Der innerhalb der ARK nicht wiedergewählte ehemalige Koordinator des bestehenden Beit Din, der Berliner Gemeinderabbiner Jonah Sievers, habe seit seiner Abwahl die routinemäßigen Zusammenkünfte des Beit Din der ARK in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit »inakzeptablen Bedingungen« torpediert, so die ARK.

»Spaltungsmanöver«

Die ARK warnt in ihrer Pressemitteilung außerdem diejenigen ihrer Mitglieder, die sich an der Neugründung beteiligt haben. Dies verstoße gegen die Satzung. Ein Mitwirken in einem anderen Beit Din in Deutschland sei mit einer Mitgliedschaft in der ARK unvereinbar. Sie nennt das Vorgehen ein »durchsichtiges Spaltungsmanöver«.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hatte außerdem behauptet, ihr neues Beit Din verhelfe »als einziges liberales Rabbinatsgericht Deutschlands aufgrund der Akzeptanz aus Israel zur Alija«, also zur Einwanderung nach Israel.

Die ARK weist dies zurück: Ihre Konversionsdokumente seien in Verbindung mit der Erklärung des jeweils betreuenden Rabbiners oder der betreuenden Rabbinerin anerkannte Grundlagen für die Alija. Als ARK-Vorstand verwahre man sich zudem schärfstens gegen Gerüchte, die Giur-Dokumente der ARK könnten in Israel nicht anerkannt sein.

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Die UpJ hat ihre Neugründung eines Beit Din damit begründet, dass in der Vergangenheit auf die Bedürfnisse der liberalen Juden nicht immer genug Rücksicht genommen wurde. Diese Behauptung weist die ARK als gegenstandslos zurück.

Neuer Vorstand UpJ

Die Union progressiver Juden in Deutschland (UpJ) hatte die Gründung am Sonntag, den 17. Mai 2026, auf ihrer ordentlichen Mitgliederversammlung beschlossen. Dabei wurde auch turnusgemäß ein neuer Vorstand gewählt.

Als Vorsitzende wurde Irith Michelsohn, Gemeindevorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, im Amt bestätigt. Neue stellvertretende Vorsitzende und zugleich Schatzmeisterin ist Alexandra Khariakova, die auch den Landesverband progressiver jüdischer Gemeinden in Nordrhein-Westfalen leitet. Zu weiteren Vorstandsmitgliedern wurden Rabbiner Dr. Alexander Grodensky, Larisa Korshevnyuk und Daniel Schaban gewählt.

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