Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Im Süden der Sinai-Halbinsel Foto: Getty Images

Fragt man einen Makler nach dem Geheimnis einer wertvollen Immobilie, wird er kaum lange zögern: Lage, Lage und nochmals Lage. Vieles lässt sich verschönern, erweitern, modernisieren – doch der Standort selbst entzieht sich jeder nachträglichen Korrektur. So kommt es, dass Menschen bereit sind, für ein Stück Erde Summen zu zahlen, die jede nüchterne Betrachtung übersteigen, allein weil es an einem bestimmten Ort liegt, umgeben von reichen Nachbarn, Aussicht oder bedeutsamer Geschichte.

In der großen Menschheitsgeschichte scheint der Standort hingegen seine Vorrangstellung zu verlieren. Wir erinnern uns an Ereignisse wegen ihrer Wirkung, nicht wegen ihrer Koordinaten. Wer über Pessach spricht, denkt an Knechtschaft und Erlösung, an Finsternis und Licht; dass sich all dies in Ägypten zutrug, erscheint fast nebensächlich. Man könnte sich genauso einen Auszug aus Saudi-Arabien vorstellen.

Ort und Inhalt sind untrennbar miteinander verknüpft

Ebenso verhält es sich mit Schawuot: Wir gedenken an diesem Feiertag der Gabe der Tora, nicht der geografischen Bescheidenheit eines Wüstenbergs. Doch bei näherem Hinsehen können wir erkennen, dass Ort und Inhalt untrennbar miteinander verknüpft sind. »Mizrajim«, das hebräische Wort für »Ägypten«, wurzelt im Begriff »Meitzar« – Enge, Bedrängnis.

Es war nicht nur ein Land, sondern ein Zustand. Unsere Weisen lehren, dass kein Sklave diesem System jemals entkommen konnte. Es war ein Gefängnis, nicht nur aus Stein, sondern aus Gedanken, Zwängen und Abhängigkeit. Gerade dort, am tiefsten Punkt menschlicher und spiritueller Verstrickung, wurde die Möglichkeit der Befreiung geboren. Die Erlösung war nicht trotz dieses Ortes bedeutsam, sondern gerade seinetwegen.

Und dann der Sinai. Kein stolzer Gipfel, kein Monument der Natur. Der Midrasch beschreibt ihn als niedrig, beinahe unscheinbar. Gerade deshalb wurde er vom Ewigen erwählt. Denn die Tora, so lehren uns die Weisen, beruht nicht auf Hochmut. Sie sucht kein arrogantes Herz, sondern ein bescheidenes und offenes. Der Ewige hätte jeden Berg wählen können, doch Er entschied sich für jenen, der nicht danach strebte, gesehen zu werden.

Der Ewige hätte jeden Berg wählen können, doch Er entschied sich für jenen, der nicht danach strebte, gesehen zu werden.

In der Wahl dieses Ortes verbirgt sich eine grundlegende Lehre: Nur wer sich selbst zurücknimmt, kann Raum schaffen für das Wort G’ttes. Das Ego, so fein es sich auch kleidet, stellt sich oft zwischen den Menschen und seine Berufung. Wir sprechen am Ende der Amida: »Möge meine Seele allen wie Staub sein; öffne mein Herz für deine Tora.« Es ist kein poetischer Zusatz, sondern eine Bedingung.

Demut ist kein Selbstzweck

Doch Demut ist kein Selbstzweck. Sie schützt uns davor, das Heilige für das Eigene zu missbrauchen. Rabbeinu Jona Gerondi, ein mittelalterlicher spanischer Rabbiner, lehrt in seinem WerkSchaarei Teschuwa, dass man alle Mizwot in vollem Umfang erfüllen und dennoch Haschem hassen kann, wenn man sich daran stört, dass auch andere Ihm dienen. Ein solcher Mensch handelt nicht aus dem wahren Wunsch heraus, G’ttes Willen zu erfüllen, sondern um sein eigenes Ansehen zu steigern.

Ein tragisches Beispiel finden wir bei den Schülern von Rabbi Akiva, um die wir zwischen Pessach und Schawuot trauern. Der Groll, den sie gegeneinander hegten, entsprang einer subtilen Form der Eifersucht, der Unfähigkeit, die Größe des anderen wirklich zu würdigen. Dies wiederum beeinträchtigte ihre Bereitschaft, einander mit dem gebotenen Respekt zu begegnen, was schließlich zu ihrem Tod führte. »Wer die Krone der Tora missbraucht, stirbt« (Awot 4,5).

Und dennoch – der Sinai war ein Berg und kein Tal, keine Ebene. Auch das ist kein Zufall. Denn so sehr die Tora Demut verlangt, fordert sie zugleich Standhaftigkeit. Es gibt Zeiten, in denen man sich erheben muss, um nicht fortgerissen zu werden. Unsere Geschichte kennt viele Momente, in denen äußere Mächte – und manchmal auch innere Kritiker – das Fundament der Tora erschüttern wollten. In solchen Augenblicken braucht es Menschen, die standhaft bleiben, wie ein Berg in der Wüste.

Die Botschaft des Ortes lautet: Mach dich nicht größer, als du bist – und bleib zugleich standhaft und deiner selbst sicher. Sei klein, aber felsenfest wie der Berg Sinai. Nicht um über andere hinauszuragen, sondern um zu tragen.

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Aron Jean-Marie Kardinal Lustiger vereinte Welten in sich, die in der Geschichte schmerzhaft gegensätzlich waren

von Andrea Krogmann  15.09.2026

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert

Rosch Haschana

»Wenn ich einmal reich wärʼ …«

An Neujahr, so sagt der Talmud, legt Gʼtt die Summe fest, die wir im kommenden Jahr verdienen werden. Warum wir trotzdem arbeiten, planen und gut haushalten sollten

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.09.2026

Teschuwa

Auf die echte Erneuerung!

Statt einfach nur unsere schlechten Laster loszuwerden, bedeutet die Mizwa vielmehr das Finden unseres wahren Ichs

von Rabbiner Jaron Engelmayer  11.09.2026

Neujahr

Stunde null

Zu Rosch Haschana können wir alljährlich durch Teschuwa unsere guten Potenziale hervorrufen

von Rabbinerin Elisa Klapheck  11.09.2026

Rosch Haschana

Jahr der Einheit

Wenn wir uns gegenseitig stärken, werden wir viel erreichen

von Rabbiner Avichai Apel  11.09.2026

Ernte

Von Möhren und Mehrn

Unsere Redakteurin will zu Rosch Haschana eine selbst gezogene Karotte essen. Ein jiddisches Wortspiel brachte sie auf die Idee – und auf einen Weg, auf dem sie manches über das Judentum und über sich selbst lernte

von Mascha Malburg  11.09.2026

Spiritualität

Eine Reise zum Ich

Unser Autor verbrachte die Feiertage als Kind in der Enge der jemenitischen Gemeinschaft von Kiryat Arba. Dann verließ er die religiöse Welt – und fand sie an Rosch Haschana in der Ukraine wieder

von Yonatan Amrani  11.09.2026

Zuwendung

Hagars Schicksal

Am Neujahrstag erzählt der Toraabschnitt von Saras ägyptischer Magd, der Mutter Jischmaels. Oft übersehen, ist sie eine Figur, die uns mahnt, die Augen offen zu halten und uns anderen Völkern nicht zu verschließen

von Paige Harouse  11.09.2026