Geschichte

Als die Zeit stillstand

Ein kleines Gedankenspiel zeigt, wie Kalender unser Denken und unsere Wahrnehmung prägen: So erlaubt der Gregorianische Kalender es, die Schoa den »Massenverbrechen des 20. Jahrhunderts« zuzuordnen. Der Mord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden scheint dadurch weit weg, wie ein Ereignis eines vergangenen Zeitalters.

Der jüdische Kalender tickt anders. Er datiert die Schoa etwa auf die Jahre 5700 bis 5705. Nach dieser Zeitrechnung gehört sie zu einem Jahrhundert, das heute, also im Jahr 5786, noch lange nicht abgeschlossen ist, geschweige denn der fernen Vergangenheit angehört.

Die Gründe, weshalb Juden während des Zweiten Weltkriegs zu Kalendermachern und Künstlern der Zeitrechnung wurden, waren freilich sehr viel pragmatischer als dieses Gedankenspiel. Wer als Jude von der SS in ein Konzentrations­lager gesperrt oder von einem katholischen Bauern in dessen Scheune versteckt wurde, aber den Schabbat nicht vergessen wollte, hatte ein Problem.

Der Talmud rät einem, der in der Wüste die Orientierung verliert, sofort sechs Tage zu zählen und den siebten Tag als Schabbat festzulegen. Hauptsache, der heilige Ruhetag ist klar von den normalen Wochentagen abgegrenzt. Wann wieder Jom Kippur, Sukkot oder Pessach ist – das lässt sich mit dem bloßen Abzählen von Tagen jedoch kaum sicherstellen.

Handgeschriebene Kalender

An vielen Orten, an denen Juden während des Holocausts ausharrten, entstanden deshalb einzigartige Kalender, zum Teil sogar von Hand geschrieben. Der Experte für dieses Thema heißt Avraham Rosen. Er wurde in Boston von dem Buchenwald-Überlebenden Elie Wiesel (1928–2016) ausgebildet und hat rund ein Dutzend Bücher veröffentlicht. Für seine jüngste Monografie hat er 36 jüdische Kalender aus den Jahren der Schoa erfasst und genauer untersucht.

Gegeben habe es davon sicherlich viel mehr. Aber selbst diejenigen, welche die Schoa überstanden hatten, wurden oft nicht aufbewahrt, meint Rosen. »Man war immer der Ansicht, dass jüdische Kalender nur von sehr wenigen und ausschließlich für religiöse Zwecke verwendet wurden.« Viele Historiker seien sowieso davon ausgegangen, dass Kalender – die naheliegenderweise mit Regelmäßigkeit und Normalität assoziiert werden – gar nicht helfen können, einen absoluten Ausnahmezustand wie die Schoa besser zu verstehen.

Wer die Orientierung verliert, soll sechs Tage zählen und den siebten als Ruhetag festlegen.

Dass diese Annahme zu kurz greift, erklärt Rosen gern anhand eines Kalenders für das Jahr 5704 (September 1943 bis September 1944). Seinem Macher, dem in Polen geborenen Rabbiner Israel Simcha Zelman (1897–1974), diente er auf eigenen Wunsch hin sogar als Grabbeigabe. »Es ist sehr ungewöhnlich, dass bei einer jüdischen Beerdigung darum gebeten wird, materielle Gegenstände mit dem Leichnam zu bestatten«, betont Rosen, der an eine Kopie des Kalenders gelangte. »Das war schon eine große Überraschung.«

Im Februar 1940 wurde Zelman in das Durchgangslager Westerbork in den von Deutschland besetzten Niederlanden verschleppt. Von dort deportierte die SS später Zehntausende Juden in die Vernichtungslager Sobibor und Auschwitz. Der Rabbiner selbst gehörte jedoch zu einer Gruppe von etwa 2000 Gefangenen, die mehrere Jahre dort festgehalten wurden, um Zwangsarbeit zu verrichten. Er hatte Zugang zu einer Schreibmaschine und konnte so gleich mehrere Kalender anfertigen.

In einem kurzen Vorwort riet Israel Simcha Zelman seinen Lesern, schon vor der Morgendämmerung aufzustehen, wenn sie wegen ihrer Arbeitszeiten das Morgengebet nicht sprechen konnten. Dieses darf eigentlich erst kurz vor Sonnenaufgang beginnen. Zelman berief sich aber auf eine Regel des Maimonides (1135–1204), wonach man in Notlagen auch schon früher beten darf.

Sogar der Omer wurde im Durchgangslager gezählt

Im Innenteil hat der Kalender Spalten für das jüdische und das gregorianische Datum, Feiertage sowie die Uhrzeiten, an denen der Schabbat beginnt und endet. Zwischen Pessach und Schawuot fügte Zelman sogar noch eine weitere separate Spalte für das sogenannte Omer ein. Darunter versteht man das Zählen der 49 Tage zwischen den beiden Festen, das an keinem Abend ausgelassen werden darf. Dass Zelman selbst für dieses Gebot eine grafische Hilfestellung schuf, beweist laut Avraham Rosen, dass der Kalender allen Gefangenen in Westerbork die Teilhabe am jüdisch-religiösen Leben erleichtern wollte.

Im Mai 1978 besuchte der Holocaust-Überlebende Naftali Stern (1910–1978) die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Dem dortigen Archiv übergab er eine handgeschriebene Version der Gebete für das jüdische Neujahr, die im Gebetsbuch unter der Überschrift Rosch Haschana Musaf zu finden sind. Mitarbeiter dokumentierten damals seine Worte: »Ich weiß, dass es schon zu zerbröckeln begann, weil ich es mit Bleistift auf Papier aus braunen Zementsäcken geschrieben habe, die ich im Tausch gegen Brotrationen bekommen hatte.« Stern selbst war während des Holocausts von Rumänien über Auschwitz in das Arbeitslager Wolfsberg im heutigen Polen deportiert worden. Dort hatte er die Gebete vollständig aus seinem Gedächtnis niedergeschrieben.

Neue Ausstellung in Yad Vashem zeigt Kalender

Seit Januar ist das Gebetsmanuskript Teil einer neuen Ausstellung. »Wie man sehen kann, ist sie gemäß den verschiedenen Feiertagen im jüdischen Jahreskreis aufgebaut«, weiß Ari Rabinovitch, Mitarbeiter von Yad Vashem, zu berichten. Mehr als 30.000 persönliche Gegenstände habe die 1953 gegründete Gedenkstätte über die Jahre hinweg angesammelt. Jetzt werden einige präsentiert, die in der Zeit der Schoa dabei Hilfestellung leisteten, am jüdischen Jahresablauf festzuhalten.

Zum Beispiel ist ein Chanukka-Leuchter dabei, den ein Leipziger Jude in einem Lager aus Holzresten gesägt hatte. Oder ein Schofar, das traditionell an Jom Kippur geblasen wird. Ein Kantor aus der Tschechoslowakei trug es bei sich, als er in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde.

In einer schwach beleuchteten Vitrine, die keinem der Feste im Jahreskreis zugeordnet ist, wird ein kariertes Notizbuch präsentiert. Aufgeschlagen misst es etwa zehn Zentimeter in der Höhe und 14 Zentimeter in der Breite. Die linke Seite zeigt eine von Hand gezeichnete Tabelle der ersten Woche des Jahres 5703 (September 1942 bis September 1943) in polnischer, hebräischer und jiddischer Sprache. Die rechte Seite zeigt die Jahreszahl, ebenfalls mehrsprachig, und mit kalligrafischen Verzierungen in Schwarz und Rot.

Der polnische Chassid und Inhaber einer Getreidemühle, Shlomo Joseph Szejner, hat zwei solcher Kalender selbst berechnet und von Hand gezeichnet. Während der deutschen Besatzung wurde er von einem seiner christlichen Angestellten für insgesamt 27 Monate in dessen Haus versteckt. Aus Dankbarkeit gegenüber der rettenden Hilfe dieser Familie, und um für ihre heiligen Tage sensibel zu sein, vermerkte er in den Kalendern auch christliche Feiertage.

Rabbiner Zelman riet Zwangsarbeitern, vor der Dämmerung aufzustehen und zu beten.

Ein Vergleich mit christlichen Feiertagen hilft übrigens ebenfalls zu verstehen, wie schwer es ist, jüdische Feiertage zu berechnen. Die beweglichen christlichen Feiertage hängen fast alle vom Ostersonntag ab, der wiederum immer nach dem ersten Vollmond im Frühling gefeiert wird. Viel mehr gibt es nicht zu beachten.

Im jüdischen Kalender, der sowohl den Sonnen- als auch den Mondlauf berücksichtigt, ist schon das Neujahrsfest kompliziert zu datieren. Dieses darf nämlich nicht auf einen Sonntag, Mittwoch oder Freitag fallen – um nur eine Regel von vielen zu nennen. Wenn aber das Neujahrsfest verschoben wird, wirkt sich das wiederum auf sämtliche anderen Feier­tage aus. Ein jüdisches Jahr kann demzufolge 353, 354, 355, 383, 384 oder sogar 385 Tage haben.

Zweifel an den eigenen Berechnungen

Kurz vor dem Neujahrsfest 5705 (im Gregorianischen Kalender der 18. September 1944), also nachdem Shlomo Joseph Szejner zwei Jahre gemäß seines selbst erstellten Kalender gelebt hatte, kamen ihm Zweifel an den eigenen Berechnungen.

Da im Versteck außer ihm selbst auch seine Söhne ausharrten, bildete er mit ihnen ein Beit Din, ein Rabbinatsgericht, um das korrekte Datum festzustellen. Später berechnete er auch noch einen ganz neuen Kalender, um die von ihm vermuteten Fehler zu korrigieren. Glücklicherweise stellten sich Szejners Zweifel nach dem Krieg als unbegründet heraus.

Auch die Nazis behielten den jüdischen Kalender im Blick - besipielsweise, um Judem an Jom Kippur zur Arbeit zu zwingen.

Zur Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten gehörte auch, dass sie ihre antisemitischen Maßnahmen von Anfang an mit Absicht auf jüdische Feiertage legten. Zu Jom Kippur 1938 zum Beispiel wurden jüdische Familien in Wien aus ihren Wohnungen geworfen, 1939 mussten Juden im Deutschen Reich ebenfalls an diesem höchsten Feiertag ihre Radios abgeben. Später wurden Juden in vielen Ghettos gezwungen, ausgerechnet an Jom Kippur zu arbeiten.

Für Besucher, die sich dieses Missbrauchs des jüdischen Kalenders durch die Nationalsozialisten bewusst sind, hält die Ausstellung in Yad Vashem noch ein besonderes Ausstellungsstück bereit: die »Megillat Hitler«. Prosper (Asher) Has­sine, der von Italien nach Marokko geflohen war, drehte damit gewissermaßen den Spieß um. Er erzählte die Geschichte nordafrikanischer Juden vom Aufstieg Hitlers bis zur Befreiung der Region durch die Alliierten nach.

Den Text dazu verfasste er bewusst auf einer Schriftrolle (Hebräisch: Megilla) und lehnte ihn inhaltlich eng an die Geschichte des biblischen Buchs Esther an, das zu Purim von einer Schriftrolle, der Megillat Esther, vorgelesen wird. Adolf Hitler findet sich dabei in der Rolle Hamans wieder, der das gesamte jüdische Volk vernichten will, schlussendlich aber selbst umkommt.

Der Autor ist freier Journalist und studiert »Holocaust Studies« an der Universität von Haifa in Israel.

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