Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

... gib sie wieder her! Foto: Getty Images

Jedes Kind, das in Deutschland aufwächst, kennt wohl das Lied »Fuchs, du hast die Gans gestohlen«. Das Tier, das aus einem Gehöft den Sonntagsbraten des kleinen Mannes entwendet hat, wird mit einer deutlichen Warnung versehen: Wenn es die Gans nicht zurückbringe, werde es vom Jäger um sein Leben gebracht.

Die moralisierende Geschichte, die der Komponist Ernst Anschütz (1780–1861) im Jahr 1824 zu einem bekannten deutschen Volks- und Kinderlied dichtete, ist in Wort und Melodie eingängig. Weniger bekannt ist jedoch die Verbindung des Liedes zum mittelalterlichen Philosophen Maimonides, dem Rambam. Manche kunsthistorische Forschungen legen dies nahe.

Der Rambam vollendete nach zehnjähriger Arbeit 1180 seine Zusammenstellung der Mischne Tora, die das Talmudstudium vereinfachen sollte. Als erste große Enzyklopädie jüdischer Gesetzestexte stellte sie dem Leser Wissen und Kommentare zu praktischen Ritualen, Ethik und Philosophie in gesammelter Form zur Verfügung.

Kölner Handschrift von 1269

1926 brachte die jüdische Kunsthistorikerin Elisabeth Moses (1894–1957) eine Kölner Abschrift der Mischne Tora erstmals in Zusammenhang mit dem genannten Kinderlied. Diese Handschrift wurde 1296 von Nathan ben Simeon haLevi fertiggestellt. In dieser Abschrift des maimonidischen Werkes, die auch als Kaufmann Mischne Tora bekannt ist, finden sich unzählige prächtige Illuminationen in Gold, Blau, Rot und Grün. Die strahlenden Farben deuten auf den Reichtum des Auftraggebers und die Fähigkeiten des Illuminators hin.

Bie der Illustration waren der künstlerischen Fantasie augenscheinlich keine Grenzen gesetzt.

Einige der Bilder sind direkt verständlich, wie die Darstellung von Adam und Chawa im Garten Eden oder die Akeida, die Bindung Jizchaks. Neben vielen biblischen Szenen sind weite Teile der Illuminationen auch freies Schmuckwerk, das in keiner Weise biblischen Ursprungs sein dürfte. Es finden sich florale Rankenmuster ebenso wie natürliche und fantastische Tiere. Hier waren der künstlerischen Fantasie augenscheinlich keine Grenzen gesetzt; so sehen wir auf dem Titelblatt des zweiten Buches der Mischne Tora, dem Sefer Ahava, einen Schützen, der einem zweiten Soldaten einen Pfeil in den Hintern schießt.

Auf der gleichen Seite entdecken wir unterhalb des Textes eine Szene, die wie aus dem genannten Lied zu kommen scheint: Ein Fuchs trägt eine Gans im Maul, die er soeben gerissen hat, und wird dabei von einer Bäuerin verfolgt. Mit erhobenem Arm schwingt sie eine Spindel, mit der sie den Fuchs zu erschlagen droht. Es ist ebenjener Fuchs, der die Gans gestohlen hat. Als Tier ist der Fuchs ursprünglich ein Zeichen der Zerstörung und markiert den Ort des zertrümmerten Tempels: »Darum sind trüb unsere Augen über den Zionsberg, der verwüstet liegt; Füchse laufen dort umher« (Eicha 5, 17–18).

Fuchs als Zeichen der Hoffnung

Die deutsch-russische Kunsthistorikerin Rachel Wischnitzer (1885–1989) schrieb 1941 im amerikanischen Exil hingegen vom Fuchs als Zeichen der Hoffnung, was sie einer talmudischen Geschichte entnahm: Rabbi Akiva ging mit anderen Weisen umher und gelangte an den Tempelberg. Vor Trauer über den zerstörten Tempel fingen sie an zu schluchzen, da sie statt der Kulthandlungen einen Fuchs vorübergehen sahen. Nur Rabbi Akiva begann zu lächeln. Irritiert auf seine Freude angesprochen, erwiderte er, dass an dem Ort der Zerstörung, an dem nun die Füchse umhergehen, der Tempel wieder aufgerichtet werden wird (Makkot 24b). Der Fuchs als Tier der Zerstörung wird transfiguriert zum messianischen Tier der Ankündigung und Hoffnung.

Rachel Wischnitzer stellte in ihrer Analyse des Fuchs-Symbols klar, dass die Spindeljagd der Bäuerin auf den gänsereißenden Fuchs in keiner Verbindung mit dem deutschen Kinderlied steht. Es handelt sich vielmehr um ornamentales Beiwerk, das zufälligerweise gut auf das Lied übertragbar ist. Die zeitliche Differenz von einem halben Jahrtausend lässt einen Zusammenhang unplausibel erscheinen. Es bleibt ein schönes Gedankenspiel, dass sich die nicht bekannten Quellen des deutschen Kinderliedes auf das Wirken des Rambam zurückführen lassen könnten.

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