Feiertage

Besondere Zeiten

Stärkt die Verbindung mit den Nächsten: eine festliche Mahlzeit Foto: Getty Images

Mit der Parascha dieser Woche, dem Abschnitt Emor, nähern wir uns dem Ende von Wajikra, dem 3. Buch Mose. Unsere Weisen lehrten, dass die Tora-Erziehung von Kindern mit diesem Buch beginnen sollte. Ein zentrales Thema von Wajikra ist, Fragen nach dem richtigen Verständnis von Reinheit und Heiligkeit nachzuspüren. Nach dem Talmud sind nämlich gerade dies Themen, mit denen sich jede neue Generation von jungen Jahren an beschäftigen sollte.

In der vergangenen Woche lasen wir den Doppelabschnitt Acharej Mot und Kedoschim, der zwei Beispiele dieser Heiligkeit – ein rituelles und ein ethisches – ins Leben des jüdischen Volkes einführt.

Der Zusammenhang zwischen diesen beiden wird weiter vertieft durch die Sprache, der sich die Tora dabei bedient: Die vielen Gebote, die wir für die Individuen des Volkes Israel finden, stehen grammatikalisch meistens in der zweiten Person Plural. Dadurch entsteht bereits ein sprachliches Gemeinschaftsgefühl, doch ein Anreiz zu gemeinsamem Handeln fehlt noch.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Tora anordnet, diese heiligen Feste zu feiern.

Fast am Ende von Kedoschim lesen wir den berühmten und geheimnisvollen Satz: »Ihr sollt heilig sein, denn ich, Gott, bin heilig« (3. Buch Mose 20,26). Damit überlässt diese Parascha es dem folgenden Wochenabschnitt, tiefer in diesen Sachverhalt einzudringen: Wie kann das jüdische Volk von einer Ansammlung von Individuen zu einer heiligen Gemeinschaft werden?

Unser Wochenabschnitt beginnt mit der Erläuterung, was es aus göttlicher Perspektive bedeutet, zur Gemeinschaft Israels zu gehören: Reinheitsgesetze für Priester und Opfertiere werden konkret festgelegt. Dieser erste Teil der Parascha zeichnet das Bild einer Gesellschaft mit einer göttlich erwählten Führung und einer rituellen Praxis, die auf Perfektion ausgerichtet sind. Jedoch fehlt ein Element in diesem perfekten Bild: die Handlungsfähigkeit des Einzelnen – das gemeinschaftliche, wenn auch nur sprachliche »Ihr«, das die Tora gegen Ende der Parascha Kedoschim verwendet, als Grundlage für gemeinschaftliches Handeln.
Daraufhin spricht Gott Mosche erneut an: »Dies sind die festgesetzten Zeiten für den Ewigen, die ihr als heilige Anlässe ausrufen sollt« (3. Buch Mose 23,2). Das kollektive »Ihr« erscheint diesmal im Zusammenhang mit dem Schabbat und den Feiertagen und weist die Kinder Israels an, die von Gott bestimmten Festzeiten als heilige Zeiten auszurufen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Tora anordnet, diese heiligen Feste zu feiern: In Schemot, dem 2. Buch Mose, wird in Kapitel 34 ebenfalls die zentrale Bedeutung von Feierlichkeiten behandelt. Neu ist jedoch, dass Schemot den Schwerpunkt auf das Begehen (ta’ase) der Feste legt, während unser Kapitel vom Ausrufen (kara) spricht.

Inmitten der alltäglichen Hast lädt uns die Tora dazu ein, uns diesem Geheimnis zu nähern.

Ein erweiterter Blick durch die Tora zeigt, dass das Stichwort »Begehen/Tun« etwa aus den Zehn Geboten bekannt ist, die vor allem das Individuum angehen. Das Wort »Ausrufen« dagegen benennt Handlungen, die die Individuen durch aktive, gegenseitige Taten zu einer tiefen Gemeinschaft verbinden.

So greift auch die rabbinische Literatur die praktische Bedeutung der aktiven menschlichen Mitwirkung bei der Ausrufung der Feste auf. Im Traktat Sanhedrin, der sich mit der Funktionsweise und Rechtsprechung des rabbinischen Gerichts beschäftigt, finden wir eine Liste von Faktoren, die den Hohen Rat (Sanhedrin) dazu veranlassen können, ein Fest zu verschieben.

Die Gründe dafür haben teils mit unserer Zeitrechnung zu tun, vor allem mit der Diskrepanz zwischen Mond- und Sonnenjahr. Doch haben die Weisen auch menschliche Sorgen mit in ihre Berechnungen einbezogen, zum Beispiel wenn sie an die Pilger denken, deren Reise nicht durch die Regensaison erschwert werden soll.

Die Ausübung der Pflicht des rabbinischen Gerichts, die Feste auszurufen, berücksichtigt zu einem gewissen Grad die Bedürfnisse der Gemeinschaft, etwa, sie nicht von zukünftiger religiöser Teilnahme abzuschrecken. Dabei kann es vorkommen, dass der gemeinschaftliche Aspekt – das Zusammenkommen – über das göttlich Gebotene – das Darbringen von Opfern – gestellt wird.

Der Talmud Jeruschalmi führt diese Idee noch weiter aus und erzählt eine kurze Interaktion zwischen den Rabbinern und dem Ewigen: »Wenn das Gericht sagt: Heute ist Rosch Haschana, dann sagt der Heilige, gelobt sei Er, zu den diensttuenden Engeln: Stellt die Tribüne auf, stellt die Verteidiger auf, stellt die Ankläger auf, denn meine Kinder haben gesagt, dass heute Rosch Haschana ist« (Talmud Jeruschalmi, Rosch Haschana 1,3).

Diese aggadische Geschichte hebt hervor, wie Menschen nicht nur Ausführende, sondern Mitgestaltende beim Zelebrieren der göttlich gebotenen Feste sind. Die Festlegung des Feiertags basiert auf der Realität der Gemeinschaft, wird von eingesetzten Richtern rechtlich bestätigt, wurzelt jedoch in der Erfahrung der Einzelnen.

Die gemeinschaftliche Handlungsfähigkeit bei der Bestimmung selbst der göttlichen Elemente unseres Lebens kann auch in unserem Alltag als Anreiz dienen. In unserer heutigen Gesellschaft, in der Effizienz das Leben bestimmt, konzentrieren wir uns darauf, Zeit zu verbrauchen, statt sie zu erleben. Dadurch wird Zeit – wie Michael Ende in seinem berühmten Fantasyroman Momo schreibt – »ein großes und doch ganz alltägliches Geheimnis«.

Inmitten der alltäglichen Hast lädt uns die Tora dazu ein, uns diesem Geheimnis zu nähern. Sie überträgt uns die Verantwortung für die Festlegung unserer Feiertage und schafft besondere Zeiten, in denen wir uns aus unserer Routine lösen, um uns neu mit der Welt und den Menschen um uns herum zu verbinden. Doch Verantwortung für unsere Zeit zu übernehmen, wird uns nicht automatisch näher an die eingangs erwähnte Heiligkeit bringen. Wenn wir aber der Führung der Tora und unserer Weisen folgen und uns als Einzelne bemühen, ein wenig Zeit mit anderen zu teilen – vielleicht schon an diesem Schabbat –, dann werden wir dem Ziel, Gemeinschaften aufzubauen, die sich als heilig erweisen, einen Schritt näherkommen.

Der Autor ist Rabbinatsstudent am Abraham J. Heschel Seminar der Nathan Peter Levinson Stiftung in Potsdam.

INHALT
Am Anfang des Wochenabschnitts Emor stehen Verhaltensregeln für die Priester und ihre Nachkommen. Ferner wird beschrieben, wie die Opfertiere beschaffen sein müssen. Außerdem werden kalendarische Angaben zu den Feiertagen gemacht: Schabbat, Rosch Haschana, Jom Kippur und die Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot werden festgelegt. Gegen Ende des Wochenabschnitts wird erzählt, wie ein Mann den Gottesnamen ausspricht und für dieses Vergehen mit dem Tod bestraft wird.
3. Buch Mose 21,1 – 24,23

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