Seit Anfang März bewegt sich ein einzelner Buckelwal entlang der deutschen Ostseeküste. In den Medien wird er oft »Timmy« genannt, ein Tier, das in dieser Region eigentlich nicht heimisch ist und immer wieder im flachen Wasser strandet. Gerade diese Fremdheit macht seine Präsenz so faszinierend und zugleich problematisch. Sie wirft Fragen nach dem menschlichen Einfluss auf maritime Ökosysteme und nach unserer Verantwortung gegenüber der Natur auf.
Doch die Faszination für große Meereswesen ist keineswegs ein modernes Phänomen. Schon in den klassischen jüdischen Quellen begegnen uns gewaltige Kreaturen der Tiefe, allen voran der Leviathan.
Bereits in der Schöpfungsgeschichte heißt es: »Und G’tt schuf große Seeungeheuer und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art…« (1. Buch Mose 1,21). Der mittelalterliche Kommentator Raschi greift hierzu eine talmudische Tradition aus Bava Batra 74b auf und identifiziert diese »großen Seeungeheuer« konkret mit dem Leviathan und seiner Gefährtin
Der Talmud zeichnet dabei ein drastisches Bild. Beide Tiere seien ursprünglich als männlich und weiblich erschaffen worden, doch G’tt habe das Weibchen getötet und für die Gerechten der kommenden Welt aufbewahrt. Denn wären beide am Leben geblieben und hätten sich vermehrt, hätte die Welt nicht bestehen können.
Symbol in der prophetischen Literatur
Der Leviathan erscheint jedoch nicht nur als Teil der Schöpfung, sondern auch als Symbol in der prophetischen Literatur. Im Buch Jeschajahu (27,1) heißt es: »Zu der Zeit wird G’tt heimsuchen mit seinem harten, großen und starken Schwert den Leviathan, die flüchtige Schlange, und den Leviathan, die gewundene Schlange, und wird das Ungeheuer im Meer töten.« Auch hier kommentiert Raschi und deutet die scheinbar mythologische Beschreibung politisch. Der Leviathan steht für die Großmächte Ägypten und Assyrien, feindliche Mächte, die letztlich von G’tt besiegt werden.
Am vierten Tag schuf G’tt die großen Seeungeheuer, so steht es in Bereschit.
Neben diesen ernsten und bedrohlichen Bildern existiert in der rabbinischen Literatur auch eine überraschend andere Dimension. Im talmudischen Traktat Avoda Zara 3b beschreibt Rav Jehuda im Namen von Rav den Tagesablauf G’ttes. Nach Stunden des Lernens, Richtens und Versorgens der Welt bleibt Zeit für ein »Spiel«. G’tt spielt mit dem Leviathan, wie es in einem Psalm angedeutet wird: »Dort ist der Leviathan, den Du gebildet hast, um mit ihm zu spielen« (Tehilim 104,26). Der Leviathan erscheint hier nicht als Bedrohung, sondern als Teil einer g’ttlichen Harmonie.
Schließlich findet sich der Leviathan auch im Siddur und in eschatologischen Vorstellungen. In der aschkenasischen Tradition gibt es ein Gebet am Ausgang von Sukkot, in dem die Hoffnung formuliert wird, in der kommenden Erlösung in einer Sukka zu sitzen, die aus der Haut des Leviathans gefertigt ist. Aus dem urzeitlichen Chaoswesen wird so ein Schutzraum für die Gerechten.
Zusammenfassend lässt sich aus diesen Quellen sagen: Der Leviathan existiert seit Anbeginn der Zeit. Seine Vermehrung wird verhindert, um die Welt zu bewahren. Er wird mit den Feinden Israels assoziiert. Zugleich steht er in einer eigentümlichen Beziehung zu G’tt, der mit ihm »spielt«. In der Endzeit wird der Leviathan vernichtet, und seine Substanz, Haut wie Fleisch, kommt den Gerechten zugute, sei es als Nahrung oder als Mittel zur Erfüllung der Gebote.
Physisches Ungeheuer oder spirituelle Zerstörung?
In der jüdischen Mystik wird der Leviathan als Symbol des Chaos verstanden, nicht als physisches Ungeheuer, sondern als eine spirituelle Kraft, die Zerstörung in sich trägt. Doch diese Kraft ist begrenzt. G’tt kontrolliert sie, sie hat keine Nachkommen. Das bedeutet, dass das Böse letztlich ein Ende hat. Es ist Teil einer Ordnung, ja einer Art »Spiel«, das die Illusion der Trennung von G’tt aufrechterhält, um freie Entscheidung zu ermöglichen. Dieses zerstörerische Böse manifestiert sich im destruktiven Streben der Feinde Israels, damals wie heute. Letztlich jedoch existiert das Böse nur insofern, als es den Gerechten ermöglicht, es zu überwinden und daran zu wachsen
Der Leviathan taucht auch in der politischen Philosophie auf, etwa bei Thomas Hobbes (1588–1679). In seinem Werk Leviathan beschreibt er den Naturzustand des Menschen als »Krieg aller gegen alle«. Um diesem Zustand zu entkommen, bedarf es eines starken Souveräns, den Hobbes »Leviathan« nennt und der für Ordnung sorgt.
Laut einem Psalm spielt G’tt nach einem langen Tag mit dem Leviathan.
Ironischerweise verwendet Hobbes damit einen Begriff, der in der jüdischen Tradition für eine chaotische, zerstörerische Kraft steht, und deutet ihn in sein Gegenteil um, nämlich zum Garanten von Ordnung. Für Hobbes legitimieren Konkurrenz und Egoismus der Menschen die Gewalt des herrschenden »Leviathan«.
Demgegenüber verbindet die jüdische Tradition die Ankunft des Messias mit dem Ende von Egoismus und Chaos und damit auch mit dem Ende des Leviathans (sowohl im Sinne der Mystik als auch im Sinne Hobbes’). Wenn der »Krieg aller gegen alle« endet und die Erde »von Erkenntnis erfüllt ist, wie Wasser das Meer bedeckt« (Jeschajahu 11,9), verlieren auch autoritäre Herrscher ihre Grundlage. Denn sie sind aus dieser Perspektive nicht die endgültige Lösung, sondern selbst Teil des Problems.
Der Autor ist Religionslehrer und Sozialarbeiter in der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.