Talmudisches

Die Taube als Symbol

Von Noach bis Raschi

von Chajm Guski  14.05.2021 15:35 Uhr

Laut Rabbi Jochanan sind Tauben besonders treu. Man könne von ihnen etwas über »verbotene Beziehungen« lernen (Eruwin 100b). Foto: Getty Images

Von Noach bis Raschi

von Chajm Guski  14.05.2021 15:35 Uhr

Tauben sind alte Begleiter des Menschen. Wir erinnern uns an die Geschichte von Noach, und sie begegnen uns als Opfertiere in der Tora (3. Buch Mose 1,14). Es ist also nicht verwunderlich, dass sie auch im Talmud eine Rolle spielen. Recht schnell wird man darauf gestoßen, dass die Taube natürlich auch eine Symbolfunktion erfüllt.

Laut Talmud lasse schon die Geschichte von Noach eine Symbolik erkennen. In Eruwin (18b) spricht die Taube zu G’tt: »Herr der Welt, es ist besser, dass meine Nahrung bitter ist wie eine Olive, aber vollkommen in Deiner Hand, als so süß wie Honig, aber vollständig abhängig von den Menschen«. Laut Rabbi Jochanan sind Tauben besonders treu. Man könne von ihnen etwas über »verbotene Beziehungen« lernen (Eruwin 100b).

Aber steht die Taube auch für Frieden? Das ist eine christliche Sicht. Sie geht auf den Kirchenschriftsteller Tertullian (150–220 n.d.Z.) zurück. Er sah die Taube als Symbol für den Heiligen Geist, der den Frieden aus dem Himmel bringt. Im Talmud steht die Taube (hebräisch: Jona) für das jüdische Volk. Im Traktat Schabbat (49a) wird von Elischa, dem Herrn der Flügel – Lazarus Goldschmidt übersetzt ihn mit »Flügelmann« −, erzählt.

RÖMER Einst habe die »ruchlose« römische Re­gierung ein Dekret erlassen, wonach es untersagt war, Tefillin zu tragen. Jeder, der dem zuwiderhandelte, sollte mit dem Durchbohren des Gehirns bestraft werden. So der Talmud. Elischa tat es trotzdem, ging damit hinaus auf den Marktplatz und wurde von einem römischen Beamten entdeckt.

Als Elischa ihn sah, versuchte er zu fliehen, doch der Beamte holte ihn ein. Elischa verbarg die Tefillin in seiner Hand. »Was hast du in deiner Hand?«, wurde Elischa gefragt. Er antwortete: »Die Flügel einer Taube.« Der Beamte zwang Elischa, seine Hände zu öffnen – und siehe da: Er hielt tatsächlich die Flügel einer Taube in seinen Händen. Deshalb habe man Elischa den »Herrn der Flügel« genannt.

Der Talmud fährt fort und fragt, warum Elischa sich auf Taubenflügel bezogen habe und nicht auf etwas anderes oder auf einen anderen Vogel? »Weil die Gemeinschaft Israels mit einer Taube verglichen wird.« So heiße es im Buch Tehillim: »Du sollst glänzen wie die Flügel einer Taube, die mit Silber überzogen sind, und ihre Flügel mit gelbem Gold« (68,14).

So wie die Flügel eine Taube beschützen, so beschützten die Mizwot das jüdische Volk.

So wie die Flügel eine Taube beschützen, so beschützten die Mizwot das jüdische Volk. Zu dieser Stelle merkt der Kommentator Raschi (1040–1105) an, dass die Taube nicht wie andere Vögel Raubtiere mit ihren Flügeln in die Flucht schlage und ihre Flügel sie bei Kälte schützen würden.

TIERSPRACHE An anderer Stelle im Talmud wird von jemandem berichtet, der mit Vögeln sprechen konnte (Gittin 45a). Raw Ilisch wurde gefangen genommen. Im Gefängnis saß er mit jemandem in der Zelle, der die Sprache der Vögel verstand, heißt es lapidar. Da kam ein Rabe und rief nach Raw Ilisch. Raw Ilisch fragte den Mann: »Was sagt der Rabe?« Er antwortete: »Ilisch, flieh! Ilisch, flieh!« Raw Ilisch traute der Sache nicht: »Der Rabe lügt, ich verlasse mich nicht auf ihn.« Später kam eine Taube. Raw Ilisch fragte wieder, was sie sagte, und der Mann antwortete: »Ilisch, flieh! Ilisch, flieh!«

Da antwortete Ilisch: »Die Gemeinschaft Israels wird mit einer Taube verglichen. Ich schließe aus den Worten der Taube, dass ein Wunder für mich geschehen wird und ich versuchen kann zu fliehen.« Für das jüdische Volk, ja, für die Menschen sei die Taube darüber hinaus auch Vorbild. So sagt Rabbi Abbahu: »Ein Mensch sollte stets unter den Verfolgten sein und nicht unter den Verfolgern. Man kann beweisen, dass es so ist, denn kein Tier unter den Vögeln wird mehr verfolgt als Tauben. Von allen Vögeln hielt die Tora sie für geeignet, auf dem Altar geopfert zu werden« (Bawa Kamma 93).

Wir sehen, dass eine bestimmte Symbolik manchmal durch dominantere Deutungen überdeckt werden kann. Die Taube ist dafür ein besonderes Beispiel, sonst heißt es schnell, das Symboltier für den Frieden sei im Tempel geopfert worden.

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