Talmudisches

Beten gegen das Böse

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Der Talmud (Brachot 10a) erzählt von Verbrechern, die in der Nachbarschaft des großen Rabbi Meir lebten und ihm das Leben zur Hölle machten. In seiner Verzweiflung begann Rabbi Meir, für den Tod dieser Kriminellen zu beten. Als seine Frau Brurija dies sah, sagte sie ihm, er solle lieber für die Umkehr der Verbrecher und ihre Rückkehr auf den richtigen Pfad beten statt für ihren Tod.

Sie sagte: »Du denkst, im Psalm 104, Vers 35 geht es um Sünder (hebräisch: Chot’im), doch heißt es im Vers: ›Mögen die Sünden (hebräisch: Chata’im) von der Erde vertilgt werden, und die Frevler sollen nicht mehr sein. Lobe meine Seele den Ewigen, Halleluja!‹ Wenn die Sünden vertilgt werden, so werden die Frevler automatisch nicht mehr sein. Es geht nicht um die Vernichtung schlechter Menschen, sondern um die Vernichtung ihrer Taten!«

Rabbi Meir nahm die Erklärung seiner Frau an und betete von nun an für die Rückkehr der Verbrecher zu einem gerechten Leben. Sein Gebet wurde erhört, und die Verbrecher taten Buße und begannen ein neues Leben.

Die freie Wahl setzt voraus, dass G’tt sich nicht einmischt

Diese kleine talmudische Geschichte wirft tiefe theologische Fragen auf. Erstens: Ein bekanntes talmudisches Prinzip lautet: »Alles ist in der Hand des Himmels, außer der Furcht vor dem Himmel« (Brachot 33b). Mit anderen Worten: G’tt bestimmt alle Details unseres Lebens, außer den moralischen Entscheidungen, die im Rahmen der freien Wahl liegen. Die freie Wahl setzt jedoch voraus, dass G’tt sich nicht einmischt. In unserer Geschichte jedoch hat das Gebet zu G’tt augenscheinlich dazu geführt, dass G’tt sich in die freie Wahl der Verbrecher einmischte. Wie kann das sein?

Zweitens: Ist es jemals in Ordnung, für den Tod anderer zu beten? Angenommen, Gebete dieser Art wirken tatsächlich – wäre dies nicht eine Form von Mord, der durch die Zehn Gebote streng untersagt ist?

Scheinbar betet König David selbst für die Zerstörung ungerechter Menschen und geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er die gesamte Familie des Frevlers verflucht. So sagt er: »Seine Kinder seien Waisen und sein Weib eine Witwe. Seine Kinder mögen umherirren und betteln und Hilfe suchen fern von ihren Trümmern. Der Gläubige lege auf das Seinige Beschlag, und Fremde rauben seinen Erwerb. Niemand erweise ihm Gnade, und keiner sei mildtätig seinen Waisen. Seine Nachkommenschaft werde ausgerottet« (Psalm 109, 9–13).

Auch die Bitte um die Vernichtung der Verleumder ist Teil des täglichen Gebets, in dem es heißt: »Den Verleumdern sei keine Hoffnung, und alle Ruchlosen mögen im Augenblick verloren sein, alle Feinde deines Volkes mögen rasch ausgerissen werden.«

Man kann dafür beten, dass G’tt sich in die freie Wahl anderer einmischt

Die talmudischen Kommentatoren erklären, dass das Prinzip »Alles ist in der Hand des Himmels außer der Furcht vor dem Himmel« nur dann gilt, wenn eine Veränderung nicht zuvor vom Menschen initiiert worden ist. Wenn jedoch ein Mensch auf Erden betet und dieses Gebet den »Himmel« veranlasst, etwas auf der Erde zu verändern, dann liegt auch die daraus resultierende »Furcht vor dem Himmel« nicht im Himmel, sondern auf der Erde begründet. Daher kann man sehr wohl dafür beten, dass G’tt sich in die freie Wahl anderer einmischt und diese zu Reue und Buße führt.

Die kabbalistischen Kommentare erklären, dass sich jegliches Gebet gegen die Frevler und ihre Kinder, gegen die »Feinde des Volkes«, nicht auf Menschen bezieht. Der Frevler aus Psalm 109 und auch aus dem täglichen Gebet ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine Personifizierung der Kräfte, die den Menschen zur Sünde treiben. All diese Begriffe sind Namen für verschiedene negative Kräfte.

Wenn wir für die Vernichtung des Bösen beten – sei es in den Psalmen oder in der Amida –, meinen wir das Böse, das den Menschen dazu verleitet, Böses zu tun. Wir hassen die Sünde, aber nicht den Sünder, und wir können für die Umkehr aller beten und darauf vertrauen, dass unsere Gebete erhört werden.

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