Der Wochenabschnitt Behar-Bechukotaj enthält Segnungen für das jüdische Volk, wenn es die Gebote der Tora befolgt, und Flüche, wenn es dies nicht tut. Die Segenssprüche am Anfang des Wochenabschnitts enden mit dem Vers: »Ich bin Haschem, euer G’tt, der euch aus dem Land Ägypten geführt hat, wo ihr Sklaven wart. Ich habe die Jochstangen zerbrochen und euch aufrecht geführt« (3. Buch Mose 26,13).
Bei »Jochstangen« handelt es sich anscheinend um ein Teil, das in das Joch eines Tieres eingesetzt wird und es fixiert, eine Art Scharnier. Was auch immer es ist, der Ewige verspricht, diese Jochstangen zu zerbrechen, die uns metaphorisch in Ägypten als Sklaven gefangen hielten, und ermöglicht uns so unsere Freiheit.
Dieser Vers ist die Grundlage für etwas, das wir sehr oft sagen oder in der Gemeinde singen. Genauer gesagt, ein »HaRachaman« beim Birkat Hamason, dem Tischgebet. Dort steht: »Möge der Barmherzige das Joch in unserem Nacken zerbrechen und uns aufrecht in unser Land führen.«
Das »HaRachaman« ähnelt sehr dem Vers im Wochenabschnitt Bechukotaj
Das »HaRachaman« ähnelt sehr dem Vers im Wochenabschnitt Bechukotaj. Jedoch sagen wir beim Tischgebet, dass Er die Joche von unseren Hälsen nehmen wird. Und die Tora spricht in diesem Zusammenhang nur vom Zerbrechen der Jochstangen anstatt vom Joch selbst. Worin besteht der Unterschied?
Einmal hörte ich eine wunderschöne Parabel von Rav Schlomo Salman Ulmann (1863–1931): Wenn ein Bauer am Ende der Ernte oder kurz vor einer Pause seine Arbeit beendet, zerbricht er nicht das Joch, das auf dem Tier lag. Er weiß, er wird dieses Tier in ein paar Monaten für weitere Arbeiten brauchen. Er wird das Joch wieder zum Pflügen, Ernten oder für andere Arbeiten benötigen und will es deshalb keinesfalls zerbrechen. Daher entfernt der Bauer das Joch vom Ochsen, indem er die Stangen oder Scharniere löst, die das Joch halten, aber er entfernt das Joch selbst nicht.
Wenn aber ein Bauer, der 50 Jahre lang das Land bestellt hat, beschließt, dass es endlich an der Zeit sei, damit aufzuhören, entscheidet er: »Das war’s!« Was tut er? Er nimmt seinem Tier das Joch ab und wirft es weg. Ja, er zerbricht es. »Ich werde es nie wieder benutzen. Ich habe mit der Landwirtschaft abgeschlossen!« Das Joch hat seinen Dienst getan und wird nicht mehr gebraucht, also zerbricht er es.
Als der Allmächtige dieses Versprechen ursprünglich gab, war Er sich bewusst: »Nun werde Ich euch dieses Joch vorübergehend abnehmen, aber leider wird es in der jüdischen Geschichte weitere Zeiten geben, in denen euch das Joch wieder auferlegt werden wird.« Deshalb sagt Er lediglich: »Ich werde die Stangen eures Jochs zerbrechen. Ich werde das Joch nicht wegwerfen, denn leider wird es irgendwann in der Zukunft wieder gebraucht werden.«
Beim »HaRachaman« beten wir zum Allmächtigen, dass der Allerbarmende in Zukunft das Joch auf unserem Nacken für immer brechen möge. Wir beten, dass er ein für alle Mal das Joch der Versklavung durch unser Exil zerschmettere, unter dem wir in unserer Geschichte immer wieder gelitten haben, und dass er uns endlich, ein für alle Mal, aufrecht in unser Land führe.
Der hier besprochene Vers aus dem 3. Buch Mose markiert das Ende der »guten Nachricht«, der Segnungen. Danach beginnt die schreckliche Tochacha (der Fluch des – bedingten – Unglücks): »Wenn ihr aber nicht auf Mich hört und nicht alle diese Gebote befolgt …« (26,14). Dann spricht der Allmächtige: »Ich werde euren Stolz brechen …« (26,19), und die schrecklichen Dinge, die wir leider in der jüdischen Geschichte miterlebt haben, werden sich ereignen.
Da niemand die Alija wollte, musste man den Menschen einen finanziellen Anreiz bieten
Der bis heute in vielen Gemeinden gängige Brauch der Tochacha besagt, dass der Baal Kore oder der Gabbai, der Synagogenvorsteher, den Abschnitt vorträgt, ohne formell zur Tora aufgerufen zu werden. Im Vorkriegsosteuropa war es – wie Rav David Povarsky (1902–1999) berichtet – üblich, dass der Gabbai einen mittellosen Menschen suchte, der dringend Geld benötigte, und ihm Geld zahlte, damit er die Alija, den Aufruf zur Toralesung, annahm. Da niemand die Alija wollte, musste man den Menschen einen finanziellen Anreiz bieten. Rav Povarsky berichtet, dass die übliche Summe drei Rubel betrug. Damals war das viel Geld.
Er weist in seinem Werk darauf hin, wie ernst die Beter damals die Tochacha nahmen. Sie fürchteten sich vor dieser Alija. Der Inhalt der Verse war ihnen sehr wichtig. Sie nahmen ihn persönlich und bezogen ihn auf sich. Die einzige Möglichkeit, jemanden für die Alija zu finden, bestand darin, einen Verzweifelten auszuwählen. Auch wenn dies vielleicht kein gutes Licht auf die Gesellschaft wirft, da ein armer Mensch ausgenutzt wurde, zeigt es doch sehr anschaulich, wie real die Prophezeiungen der Tora für sie waren.
Heutzutage gehen wir leider zu leichtfertig mit der Tochacha um. Man spricht die Alija und denkt nicht weiter darüber nach. Zehn Minuten später geht man zum Kiddusch, sagt L’Chaim und schenkt der Sache keine weitere Beachtung.
Rav Povarsky schreibt weiter, dass Rav Jisrael Salanter (1809–1883), dem die Gefühle anderer sehr am Herzen lagen, mit dem Brauch, dass die Gemeinden mittellose Personen für die Alija engagierten, nicht einverstanden war. Er pflegte von Synagoge zu Synagoge zu gehen und die Alija selbst zu rezitieren, anstatt arme Menschen der Scham und Demütigung auszusetzen, die mit der Annahme dieser Alija verbunden waren. Einmal stand Rav Jisrael auf und sagte: »Ich möchte diese Alija sprechen«, und der Baal Kore weigerte sich, dem Rabbiner die Alija zu überlassen, weil er nicht wollte, dass die Flüche auf seinen verehrten Lehrer fielen. Daraufhin nahm Rav Jisrael den Baal Kore beiseite und sprach die Tochacha selbst. Diese Anekdoten verdeutlichen, wie real die Tochacha für frühere Generationen gewesen ist.
Mögen wir alle die Worte der Zurechtweisung verinnerlichen, und möge der Allmächtige endlich das uns schon so lange unterdrückende Joch brechen und uns bald zurück nach Hause führen!
Der Autor ist Rabbiner der Synagogengemeinde Konstanz und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).
inhalt
Der Wochenabschnitt Behar führt das Erlass- und das Joweljahr ein. Das Erlassjahr – es wird auch Schabbatjahr genannt – soll alle sieben Jahre sein, das Joweljahr alle 50 Jahre. Die Tora fordert, dass der Boden des Landes Israel einmal alle sieben Jahre landwirtschaftlich nicht genutzt werden darf, sondern brachliegen muss. Dies geschehe »dem Ewigen zu Ehren«. Im Joweljahr soll alles verkaufte Land an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden, die es erhielten, als das Land nach der Eroberung verteilt wurde (Jehoschua 13, 7–21). Außerdem müssen im Joweljahr alle hebräischen Sklaven freigelassen werden.
3. Buch Mose 25,1 – 26,2
Die Verheißung des Segens für diejenigen, die den Geboten folgen, ist das Thema des Wochenabschnitts Bechukotaj. Dem Segen steht jedoch auch ein Fluch für diejenigen gegenüber, die die Gebote nicht halten. Im letzten Teil der Parascha geht es um Gaben an das Heiligtum. Sie können mit einem Gelübde verbunden sein (»Wenn der Ewige dies und jenes für mich tut, werde ich Ihm das und das geben«) oder aus Dankbarkeit geleistet werden.
3. Buch Mose 26,3 – 27,34