Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Das Vertrauen in Gott hilft, auch vermeintlich übermächtigen Feinden standzuhalten. Foto: Eli7be7

Der Wochenabschnitt Schelach Lecha gehört zu den bekanntesten der Tora. Es handelt sich um das wichtigste Bindeglied zwischen Exodus und Landgabe.

Als die Kinder Israels die Grenze des verheißenen Landes erreichen, sendet Mosche auf Geheiß des Ewigen zwölf Männer aus, die es erkunden sollen. »Und er sprach zu ihnen: Zieht hier hinauf in den Südstrich, indem ihr hinauf ins Gebirge steigt. Und besehet das Land, wie es ist, und das Volk, das darinnen wohnt, ob es stark oder schwach, ob es gering oder zahlreich ist, und wie das Land, darinnen es wohnt, ob es gut oder schlecht ist, und wie die Städte, in denen es wohnt, ob in Lagern oder in Festungen, und wie das Land, ob es fett oder mager, ob Bäume darin sind oder nicht. Und fasst Mut und nehmt von den Früchten des Landes« (4. Buch Mose 13, 17–20).

Nach der Formulierung dieses Auftrags erwartet Mosche von den Kundschaftern nichts anderes, als objektive Informationen über die Bevölkerung, die Topografie und Geografie Kanaans zu erhalten.

Die Tora erzählt wenig vom eigentlichen Verlauf der 40-tägigen Erkundung im Land

Es fällt auf, dass die Tora wenig vom eigentlichen Verlauf der 40-tägigen Erkundung im Land erzählt. Umso ausführlicher fällt der Bericht der zwölf Kundschafter nach ihrer Rückkehr aus: »Wir kamen in das Land, wohin du uns gesendet, und wohl, fließend ist es von Milch und Honig, und dies ist seine Frucht. Nur dass gewaltig ist das Volk, das im Lande wohnt, und die Städte fest, sehr groß, und auch Kinder Anaks von den Riesen haben wir dort gesehen. Amalek wohnt im Südstrich und der Chitti und der Jewusi und der Emori wohnen auf dem Gebirge, und der Kenaani wohnt am Meer und längs des Jarden« (13, 27–29).

Zunächst beginnt der Bericht optimistisch, doch dann färbt er sich zunehmend negativ ein: »Wir vermögen nicht wider das Volk hinaufzuziehen, denn stärker ist es als wir. Und sie brachten üble Gerüchte aus über das Land, das sie erkundet hatten, unter die Söhne Israels, indem sie sprachen: Das Land, das wir durchzogen, um es zu erkunden, ist ein Land, das seine Bewohner aufzehrt, und alles Volk, das wir dort gesehen haben, sind Leute von besonderer Länge. Auch sahen wir dort Riesen, die Söhne Anaks von den Riesen. Wir kamen uns wie Heuschrecken vor, und so waren wir auch in ihren Augen« (13, 31–33).

Die Kundschafter heben wortreich und angsteinflößend die Übermacht der Bewohner hervor

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Die Kundschafter verleumden die Güte des von Gott verheißenen Landes. Sie heben wortreich und angsteinflößend die Übermacht der Bewohner hervor. So kommt es über die Möglichkeit der Landnahme zum Streit zwischen Jehoschua und Kalev, die eine Einnahme befürworten, und den übrigen Kundschaftern, die diese ablehnen. Sie verleiten das Volk zur Sünde gegen Gott. Es entscheidet sich gegen den Einzug in das Land Kanaan. Daraufhin wird das ganze Volk bestraft. Es muss 40 Jahre lang in der Wüste verharren. Dabei steht ein Jahr für jeden Tag des Erkundungszugs. Die mutlose Generation muss nach und nach aussterben. Die Spione – außer Jehoschua und Kalev – sterben durch eine Plage (14,37).

Doch gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. Versetzen wir uns in die Lage der Kundschafter. Sie berichten, was sie tatsächlich gesehen haben. Dafür haben sie Lob verdient. Hätten sie nicht die wahren Informationen über das Land weitergegeben, hätten sie sich schuldig gemacht. Woran macht sich dann die Kritik der Tora fest? Worin besteht die Sünde der Kundschafter?

Die Kundschafter hatten nicht den Auftrag, aus dem Gesehenen Folgerungen abzuleiten

Ausschlaggebend ist die Art ihres Berichts. Sie sollten objektive Informationen über die Beschaffenheit des verheißenen Landes einholen. Das tun sie zwar, aber sie geben sie mit ihrer subjektiven Interpretation an das Volk weiter. Sie hatten nicht den Auftrag, aus dem Gesehenen Folgerungen über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Einnahme des Landes abzuleiten.

Ihre Grenzüberschreitung markiert diese Aussage: »Wir sahen dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unseren Augen klein wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen« (13,33). Die Verzweiflung der Kundschafter breitet sich in einem Augenblick über das ganze Volk aus. Ihre Sicht der Dinge nimmt allen den Mut, in das Land Kanaan einzuziehen. Es wird sogar an einen Rückzug nach Ägypten gedacht.

In der rabbinischen Literatur lesen wir dazu: »Die Kundschafter waren Lügner. Allerdings konnten sie in ihren eigenen Augen wie Heuschrecken sein, wieso aber wussten sie, dass sie es in den Augen jener waren!?« (Sota 35a). Ein Midrasch lässt Gott in dieser Sache sprechen: Wenn ihr meint, dass ihr in den Augen der Riesen wie Heuschrecken ausseht, dann täuscht ihr euch. Sie sehen euch wie einen streitbaren Engel Gottes an.

Die Kundschafter beurteilten die Dinge durch die Brille ihres schwachen Charakters

Diese Auslegung zeigt, dass die Kundschafter die Dinge nur durch die Brille ihres eigenen schwachen Charakters beurteilten und ohne Gottvertrauen unterwegs waren. Mit der Kraft des Ewigen rechneten sie nicht. Und so ist ihr interpretierender Bericht von den Worten »Wir können es nicht« bestimmt. Der sich selbst gering achtende Mensch, der die eigene Kraft ohne Gottvertrauen einschätzt, macht jede Aktion unmöglich.

Gerade die gegenwärtige Zeit mit ihren vielen Herausforderungen lässt uns verstehen, was hier auf dem Spiel steht. Angesichts der Nachbarn und der Bedrohung des Staates Israel können Gedanken wie »Wie schwach werden wir in ihren Augen sein?« zu einer unverantwortlichen Lähmung der Widerstandskräfte führen. Sehen wir uns nicht mit den Augen Gottes an, haben wir tatsächlich Anlass, uns wie Heuschrecken zu fühlen und entsprechend mutlos aufzutreten.

Es braucht das Gott- und Selbstvertrauen eines Kalev ben Jefune, in Israel in Ruhe und Sicherheit leben zu wollen, weil das Land eine versprochene Gabe des Ewigen an unser Volk ist. Von Kalev heißt es: »Er aber brachte das Volk vor Mosche zum Schweigen und sprach: Lasst uns hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir können es überwältigen« (4. Buch Mose 13,30).

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
Der Wochenabschnitt Schelach Lecha berichtet davon, wie Mosche mit Gottes Erlaubnis zwölf Männer ins Land Kanaan sendet, um es auszukundschaften. Von jedem Stamm ist einer dabei. Zehn kehren mit einer erschreckenden Schilderung zurück: Man könne das Land niemals erobern, denn es werde von Riesen bewohnt. Lediglich Jehoschua bin Nun und Kalev ben Jefune beschreiben Kanaan positiv und erinnern daran, dass der Ewige den Israeliten helfen werde. Doch das Volk schenkt dem Bericht der zehn Kundschafter mehr Glauben und ängstigt sich. Darüber wird Gott zornig und will das Volk an Ort und Stelle auslöschen. Doch Mosche kann erwirken, dass Gottes Strafe milder ausfällt.
4. Buch Mose 13,1 – 15,41

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