Schabbat

In der Ruhe liegt die Kraft

Timeout: Nicht nur ein Sportler, sondern jeder Mensch braucht hin und wieder eine Auszeit. Foto: imago

Der Wochenabschnitt Wajakhel beginnt mit den Worten: »Dann versammelte Mosche die ganze Gemeinde der Kinder Israel«. Der so beiläufig klingende Anfang ist alles andere als selbstverständlich! Denn im vorangehenden haben wir vergangene Woche gelesen, wie das Volk von Gott abfiel. Selbst Mosches Bruder Aharon, der Anführer der Priester, hatte sein Vertrauen in Gott verloren und stattdessen einen goldenen Götzen anfertigen lassen, den das Volk anbetete. Wenn wir also nun lesen, dass Mosche die ganze Gemeinde versammelte, dann bedeutet dies, der Frieden und die Einheit sind wiederhergestellt – jedenfalls soweit es die vielen Opfer zuließen, die Schwerter und Plagen unter den Israeliten gefordert haben.

So ist es angesichts der dramatischen Geschehnisse nun eine Wohltat, der – zugegeben, etwas behäbigen – Schilderung zu folgen, die wir diese Woche lesen. Nachdem vor dem Zwischenfall mit dem Goldenen Kalb schon einmal in aller Ausführlichkeit die Bauanweisungen für das Ohel Mo’ed, den tragbaren Tempel für die Zeit der Wüstenwanderung, aufgezählt worden waren, werden sie nun, nach der dramatischen Unterbrechung, noch einmal wiederholt.

Einige Abweichungen allerdings gibt es. Während der erste Durchgang mit dem Schabbatgebot aufhörte, das selbst durch den Bau des Heiligtums nicht gebrochen werden darf, stehen beim zweiten Durchgang die Schabbatregelungen am Anfang. Inhaltlich unterscheiden sie sich kaum. Unser zweiter Durchgang ist knapper, sachlicher, fügt dafür aber noch das Verbot des Feuermachens hinzu, das beim ersten Mal fehlte. Dafür gibt es nun nicht mehr die feierliche Bezeichnung des Schabbats als Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel und seine Begründung durch den siebten Tag der Schöpfung, an dem Gott ruhte.

Schabbatopfer Uns ist heute die zentrale Bedeutung des Schabbats derart selbstverständlich, dass wir uns kaum wundern, wo und wie dieses Gebot in der Tora auftaucht. Gerade im Zusammenhang mit dem Heiligtum aber ist dies überraschend. Schließlich wurden hier auch – und gerade! – am Schabbat Opfer gebracht, Lampen angezündet, wurde Feuer geschürt und Fleisch gebraten. Außerhalb dieses Heiligtums aber ist die Arbeitsruhe am Schabbat zu halten, zu der eben auch der Bau des Heiligtums selbst gehört, solange es noch nicht funktionsfähig ist.

Diese Spannung wird verständlicher, wenn wir uns klarmachen, dass sich hier eine Heiligkeit des Raums und eine Heiligkeit der Zeit gegenüberstehen. So zentral in biblischer Zeit der Tempel, das Heiligtum im Raum, auch war, so wurde doch das Judentum über 2.000 Jahre von der Heiligkeit der Zeit erhalten. Indem wir Schabbat und Feiertage halten, Zeit vom Alltag absondern und sie Gott widmen, schaffen wir durch diese heilige Zeit an jedem Schabbattisch und in jeder Synagoge einen heiligen Raum. Das Judentum steht heiligen Räumen ambivalent gegenüber. Dies wird auch an der massiven Skepsis gegenüber einer Wiedererrichtung des Tempels und der Fortsetzung des Tieropferkults deutlich, die beileibe keine Besonderheit der Moderne sind. Die allgemeine Tendenz ist, dass der Tempel nicht von uns Menschen, sondern erst in der messianischen Zeit erbaut werden wird und dann auch keine Tieropfer mehr in ihm stattfinden.

Hierarchie Wir müssen uns dieser klaren Hierarchie im Judentum erinnern: Die heilige Zeit ist das Erste. Erst aus sich heraus schafft sie – zeitweilige – heilige Orte und bildet den notwendigen Maßstab, um die vielen Um- und Neubauten der jüdischen Gemeinden in Deutschland heute richtig einzuschätzen. Da, wo die neuen Synagogen die ganze Gemeinde ansprechen und dabei helfen, eine Heiligkeit in der Zeit zu stiften, eine Heiligkeit von Schabbat und Feiertag, die in den Familien und in der Synagoge einen heiligen Raum zu schaffen vermag, der auch auf die Woche ausstrahlt und ein jüdischen Leben im Alltag zu formen hilft, da sind diese Bauten gut und hilfreich.

Die Gebäude sind nicht das Eigentliche, sondern nur Hilfsmittel für ein jüdisches Leben in der Zeit, im Rhythmus von Schabbat und Werktag. So sagt schon die jüdische Tradition vom Heiligtum in der Wüste, dass Gott es nicht brauche, ja es auch ursprünglich gar nicht vorgesehen hatte, dass er aber angesichts des Abfalls Israels und der Anbetung des Goldenen Kalbs sah, dass Israel dieses Zeichen der physischen Nähe Gottes brauche.

Heute bezeichnen mitunter religiöse Zionisten den Staat Israel als dritten Tempel. Und manche Säkulare feiern die Gründung des Staates gerade als Rückkehr in die Realität des Raumes nach der in ihren Augen mangelnden Verortung des Judentums. Auch hier ist es wichtig, die Prioritäten richtig zu verstehen. Nach Auffassung der jüdischen Tradition ist die räumliche Dimension zwar unverzichtbar, aber sie steht erst an zweiter Stelle, ist Mittel zum Zweck. Die Tora wiederholt es ein ums andere Mal, dass wir heilig sein und Gutes tun sollen. Heilig sein, denn Gott ist heilig, und Gutes tun, denn das ist es, was Gott von uns verlangt.

Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Ekew

Die Sieben Arten

Der Wochenabschnitt führt durch das Land der Tora, zu Quellen, Bergen und Früchten

von Yonatan Amrani  31.07.2026

Talmudisches

An die Folgen denken

Was unsere Weisen über Weitsicht lehrten

von Detlef David Kauschke  31.07.2026

Ethik

Geliehene Mütter?

Der Schmerz ungewollter Kinderlosigkeit begleitet die jüdische Tradition seit der Tora. Moderne Reproduktionsmedizin eröffnet heute neue Möglichkeiten – stellt die Halacha jedoch vor grundlegende Fragen

von Chajm Guski  30.07.2026

Feiertag Tu beAw

Das Ende des Krieges und der Beginn der Liebe

Am Dienstagabend beginnt der »jüdische Valentinstag«. Der fünfzehnte Tag des hebräischen Monats Aw steht für einen alten Brauch der Liebe und der zeitlosen Kraft menschlicher Verbundenheit

von Daniela Rusowsky  28.07.2026

Wa’etchanan

Die Kraft des Gebets

Wie wir Enttäuschungen verarbeiten und unser Gottvertrauen bewahren können

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  24.07.2026

Talmudisches

Töchter Jerusalems

Was unsere Weisen über Tu beAw und die Partnersuche lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  23.07.2026

Tischa beAw

Nach der Zerstörung

Der Tag der Trauer um den Tempel steht heute auch im Schatten von Schoa und 7. Oktober

von Rabbiner Yehoyada Amir  23.07.2026

Dewarim

Mosches Vermächtnis

Im fünften Buch der Tora richtet sich die Botschaft direkt an eine neue Generation

von Jacov Rürup  17.07.2026

Talmudisches

Nähe und Liebe

Was unsere Weisen über die Herausforderungen für Paare lehren

von Detlef David Kauschke  17.07.2026