Solidarität

»Unsere Herzen bluten«

Die WJC-Delegation besuchte auch den Besitzer des »Kiez-Döners« - dort erschoss der Attentäter am 9. Oktober 2019 den 20-jährigen Kevin S. Foto: Detlev Schilke / WJC

Nach dem weltlichen Kalender jährt sich der Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur 2019 erst am 9. Oktober. Doch bereits an diesem Dienstag, einen Tag nach Jom Kippur, fand in der Saalestadt ein erstes Gedenken statt. Organisiert hatte die Veranstaltung der Jüdische Weltkongress (WJC); der Einladung gefolgt war unter anderem der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein.

SCHOCK Ziel sei es gewesen, mit dem Besuch in Halle ein Zeichen der Solidarität der jüdischen Gemeinschaft weltweit mit den Juden in Halle und in ganz Deutschland zu senden, sagte ein WJC-Sprecher der Jüdischen Allgemeinen. Über Facebook und andere soziale Netzwerke wurde der Videomitschnitt der Veranstaltung am Dienstagabend in alle Welt verbreitet. Alle Reden wurden deshalb auf Englisch gehalten.

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In der Synagoge, in die der Attentäter vor knapp einem Jahr vergeblich versuchte einzudringen, sagte der Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, Maram Stern, in seiner kurzen Ansprache: »Als ich letztes Jahr am Tag nach dem Anschlag nach Halle kam, war ich geschockt. Was noch alles hätte passieren können?« Als deutscher Jude habe er nie geglaubt, dass so etwas in Deutschland einmal passieren würde, so Stern.

Während des Jom-Kippur-Gottesdienstes hatte der Antisemit Stephan B. versucht, die Tür der Synagoge aufzubrechen. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich mehr als 50 Beter in dem Raum auf. Stern sagte, der Attentäter sei »eine wahnsinnige Person, die von rechts außen ermutigt« worden sei, und stellte die Frage: »Warum dürfen die rechten Parteien immer noch so prominent auftreten?«

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Die Delegation des Weltkongresses, der auch drei Mitglieder des »World Jewish Congress Jewish Diplomatic Corps« aus Deutschland angehörten – Gila Baumöhl und Michaela Fuhrmann aus Frankfurt sowie Eugen Balin aus Hamburg –, stattete auch dem Besitzer des »Kiez-Döners« einen Besuch ab, auf den vor einem Jahr geschossen worden war, der aber unverletzt blieb.

TODESOPFER In dem Schnellimbiss hatte der Attentäter wenige Momente später Kevin S. niedergeschossen. Der junge Mann nahm dort gerade sein Mittagessen zu sich. Zuvor war bereits die 40-jährige Jana L. vor der Synagoge von Stephan B. mit mehreren Schüssen ermordet worden.

»Unsere Herzen bluten«, sagte Eugen Balin vor dem Döner-Imbiss. Er wandte sich auch an die sozialen Netzwerkbetreiber und fragte »Facebook und Twitter: Was habt ihr eigentlich gegen die Verbreitung von Hass getan?«

»Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde in Halle war möglich, weil die staatliche Sicherheit nicht ausreichend war.«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

In einer Videobotschaft an die Gedenkfeier in Halle fand auch Zentralratspräsident Josef Schuster deutliche Worte: »Der Anschlag auf die Jüdische Gemeinde in Halle war möglich, weil die staatliche Sicherheit nicht ausreichend war.« Es sei sehr bedauerlich, dass jüdische Einrichtungen nach wie vor durch die Polizei geschützt werden müssten, so Schuster weiter.

»Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass meine Kinder und Enkelkinder den Tag erleben, an dem solche Schutzmaßnahmen nicht mehr nötig sind«, betonte Schuster. Die Bundesregierung und die Länder hätten nach dem Anschlag reagiert und die Sicherheitsmaßnahmen und auch die finanzielle Unterstützung dafür erhöht.

Schuster gedachte ebenfalls der beiden Todesopfer des Anschlags. »Heute gedenken wir ihrer. Meine Gedanken sind bei den von diesem verabscheuungswürdigen Verbrechen Betroffenen und ihren Angehörigen«, sagte Schuster. Er schloss mit den Worten: »Lassen Sie mich das unterstreichen: Juden leben seit fast 1700 Jahren in Deutschland. Deutschland war und ist auch heute noch unsere Heimat. Die jüdische Gemeinde ist hier, um zu bleiben.«

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Michaela Fuhrmann sagte in ihrem Redebeitrag, der Anschlag auf die Hallenser Synagoge sei vor einem Jahr als »Warnsignal« und als »unfassbar« bezeichnet worden. Das stimme aber nicht, so Fuhrmann. Der Anschlag sei vielmehr die Folge des wiederholten Ignorierens von Warnsignalen wie dem steigenden Antisemitismus und einem zunehmenden Selbstbewusstsein rechtsextremer Kreise gewesen, sagte sie. Die freie Religionsausübung sei Juden in Deutschland nur unter Polizeischutz möglich. 75 Jahre nach der Schoa sei dieser »absurde Zustand« leider in Deutschland Normalität, fügte sie hinzu.

VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sagte, der Anschlag habe gezeigt, dass jeder Opfer antisemitischer Gewalt werden könne. Der Staat allein werde dem Problem nicht Herr werden können, auch die Zivilgesellschaft in Deutschland müsse ihren Beitrag leisten. Klein warnte auch vor Verschwörungsmythen. Wie schnell daraus terroristische Straftaten werden könnten, habe der Anschlag in Halle deutlich gezeigt, so Klein. Der Rechtsextremismus stelle eine große Bedrohung dar.

Gila Baumöhl, die die Veranstaltung in der Synagoge von Halle moderierte, wandte sich zum Schluss an die Zuschauer des Streamings in aller Welt: »Als deutsche Jüdin, als Demokratin, als Europäerin und als Weltbürgerin versichere ich euch, dass wir auch weiterhin Antisemitismus, Rassismus, Islamfeindlichkeit und alle anderen Formen von Hass bekämpfen werden.«

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