Umfrage

»Hier bin ich zu Hause«

Friedrich Thul mit Tochter Victoria, Düsseldorf
Dieses Mal sind wir nur zu zweit hier, denn meine Frau und mein Sohn können aus Termingründen nicht teilnehmen. Das Programm hat mich sehr angesprochen. Meine Tochter war gerade zwei Jahre in Israel, wo sie viele Freunde gefunden hat. Mit dem Motto »In Deutschland zu Hause« hat sie deshalb ein wenig Probleme. Ihre Zweitfamilie in Israel ist ihr doch sehr nah. Daher unterschreibt sie diesen Satz nur so »halbe, halbe«. Für mich ist es keine Frage: Ja, ich bin natürlich in Deutschland zu Hause, wobei die vielen antisemitischen Vorkommnisse nicht gerade zum Wohlbefinden beitragen. Da macht man sich schon so seine Gedanken.

Diana Lakir, Düsseldorf
Geboren bin ich in Rowno in der Ukraine. Ich lebe hier schon seit 1991, aber ich kann mich kaum noch an das Land erinnern, in dem ich zur Welt kam. Ich arbeite in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde und mache Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer. Meine Kinder gehen in die jüdische Grundschule. Nach dem Anschlag von Halle habe ich leider einen Moment daran gedacht, ob man Deutschland verlassen sollte. Aber ich kann mir das eigentlich gar nicht vorstellen. Ich weiß auch nicht, ob es woanders besser wäre. Meine ganze Familie lebt hier, und eigentlich fühle ich mich hier sehr sicher. Vor der Gemeinde steht die Polizei, und auch die Schule wird gut bewacht. Ich hoffe, wir müssen hier nicht weg.

Fanny Serebrinski, Berlin
Ich bin zum zweiten Mal beim Gemeindetag. Ans erste Mal kann ich mich nicht mehr erinnern, da war ich noch zu klein. Mir gefällt es hier. Ich habe ein Mädchen vom Machane wiedergetroffen und neue Freunde gefunden. Das Kinderprogramm macht mir sehr viel Spaß, wir machen coole Sachen. Heute war ich im Jump-House, das war toll! Und gestern waren wir oben auf der Siegessäule. Ich lebe schon immer in Berlin, hier bin ich zu Hause und fühle mich wohl. Auch wenn ich später erwachsen bin, möchte ich nicht woanders leben, auch nicht in Israel oder Amerika – na ja, vielleicht in Düsseldorf. Dort ist es megaschön.

Petra Ahrens, Oldenburg
Dass ich unter Juden bin, jüdische Atmosphäre erlebe, finde ich toll. Ich fühle mich hier normal. Das ist in meinem Alltag nicht immer so. Da habe ich schon viel Antisemitismus erlebt. Deshalb fühle ich mich in Deutschland, obwohl ich schon seit mehr als 60 Jahren hier lebe, eher heimatlos. Wenn ich schon mal hier bin, möchte ich auch nichts von Antisemitismus hören. Zum Glück bietet das Programm sehr viel Auswahl.

Frederik Guski, Gelsenkirchen
Ich studiere im fünften Semester Jura in Gelsenkirchen. Ich fühle mich in Deutschland zu Hause, habe hier Familie und viele Freunde, ich fühle mich hier wohl. Persönlich musste ich – außer in der Schule – noch keine Anfeindungen erleben. Ich oute mich als Jude nur, wenn ich danach gefragt werde. Aber selbst, wenn die Leute erfahren, dass ich jüdisch bin, habe ich damit keine Probleme. Bis jetzt hatte ich zum Glück noch keinen Gedanken an Auswanderung. Ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Eugen Balin, Hamburg
Ich bin zum zweiten Mal auf dem Gemeindetag. Insgesamt hat es mir sehr gut gefallen. Mein Fazit: Es war ein Symbol für das lebendige jüdische Leben im heutigen Deutschland. Ich war bei verschiedenen Sessions, bei denen es um den Kampf gegen Antisemitismus ging. Mein Zuhause ist heute in Deutschland. Das Morgen hängt davon ab, ob die in unserem Grundgesetz verbrieften Werte von staatlicher Seite stets garantiert sowie von der Zivilgesellschaft kompromisslos umgesetzt werden.

Max Garbinski, Köln
Deutschland ist mein Geburtsland. Hier bin ich zu Hause. Richtig wohl fühle ich mich aber nur in Israel. Oder jetzt hier beim Gemeindetag. Vier Tage nur unter Juden – das ist doch wunderbar.
Ich freue mich sehr.

Kim Cecile Pitzer, Pohlheim, und Nira Scherer, Wiesbaden
Wir möchten auf dem Gemeindetag viel über das Judentum erfahren, wollen das Angebot der Workshops nutzen, das Ambiente genießen und auch zu den Lesungen gehen. Schon auf dem vergangenen Gemeindetag haben wir viele spannende Politiker und Journalisten kennengelernt. Dass so viele Juden zusammenkommen, das hat man auch nicht oft. Besonders interessieren uns die Lesung von Christian Berkel und Sessions, die mit Israel zu tun haben. Niras Zuhause ist Israel, auch nach 30 Jahren. Und ich fühle mich in Deutschland zu Hause. Ich bin in den USA geboren und fühle mich hier sicher. Ich weiß um die Gefahren, aber Angst, die habe ich nicht.

Jewy Louis, Comic City
Vielleicht haben Sie mich ja beim Gemeindetag gesehen, im Foyer gleich neben dem Buffet? Wenn Sie also an mir vorbeigegangen sind und sich die Ausstellung Jewy Louis auf Rollen angesehen haben, dann wissen Sie ja, dass so eine Zusammenkunft die Gelegenheit ist, Menschen mit dem besten Humor der Welt zu treffen – dem jüdischen natürlich. Und den hat Ben Gershon auf jeden Fall – der Typ, der mich jede Woche zeichnet. Mein Zuhause ist übrigens die Seite 22 der Jüdischen Allgemeinen.

Thorsten Schmermund, Marburg
Wir sind zum ersten Mal beim Gemeindetag. Es war die Neugier, zu sehen, wen trifft man, was kann man da erleben. Ich bin mit Frau und Sohn gekommen. Da meine Frau nicht jüdisch ist und meine Kinder entsprechend auch nicht, war die Frage, ob das akzeptiert wird. Aber es war kein Problem, das finde ich sehr schön. Wir haben auch die Gelegenheit gesucht, uns außerhalb des Programms zu unterhalten, und dafür ist es natürlich schon umfangreich. Gestern Abend war ich richtig müde. Das Motto war ursprünglich, denke ich, als eine Selbstverständlichkeit gedacht: Ja, wir sind hier zu Hause. Das hat jetzt einen Knacks bekommen.

Eva Compan-Mimran und Rachel Mimran, Stuttgart
Meine Mutter und ich sind zum ersten Mal beim Gemeindetag dabei. Ich bin in Deutschland geboren, meine Mutter kommt aus Israel. Wir haben durch Zufall bei einem ZWST-Seminar vom Gemeindetag erfahren, eine Teilnehmerin hatte so davon geschwärmt! Und sie hat nicht übertrieben. Es ist wie ein Nachhausekommen – das gleiche Gefühl, das wir auch immer haben, wenn wir in Israel sind. In Deutschland haben wir weniger Heimatgefühl. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, habe hier studiert, bin hier Lehrerin, organisiere mit meinen Schülern Israelaustausch. Ich fühle mich schon wohl. Aber es ist nicht das Gleiche. Hier, auf dem Gemeindetag, schon! Hier freuen wir uns einfach auf alles.

Radion Tschernjawski, Osnabrück
Ich habe auf dem Gemeindetag meinen Zwillingsbruder getroffen. Das war wunderbar. Er lebt in Hannover, und wir haben uns lange nicht gesehen. Überhaupt bietet der Gemeindetag die Möglichkeit, miteinander zu reden, und das finde ich sehr wichtig. Das ist uns etwas verloren gegangen. Man sollte sich häufiger treffen, vielleicht auch im kleineren Rahmen. Überhaupt bin ich sehr beeindruckt von dem Programm und von den Reden. Bundespräsident Steinmeier fand ich sehr gut. Ich finde es wichtig, was gegen den Antisemitismus unternommen wird.

Michael Rubinstein, Düsseldorf
Ich bin erst das zweite Mal beim Gemeindetag und wirklich sehr begeistert von den hochkarätigen Referenten. Ich sehe eine gute Weiterentwicklung des Angebots von vor drei Jahren. Es werden interessante aktuelle Themen aufgegriffen. Und ich begegne hier unglaublich vielen Menschen. Kurzum: Der Gemeindetag ist ein super tolles Netzwerktreffen.

Wasilisa Guman, Ergolding
Ich bin zum Gemeindetag gekommen, nicht nur, um Krav Maga zu machen, sondern vor allem, um mit drei Generationen dabei zu sein: mit meiner Mutter und meinen Kindern. Das ist eine tolle Möglichkeit, dass wir uns alle sehen. Ist Deutschland mein Zuhause? Ich bin ein Mensch, der den Tag auf sich zukommen lässt, aber jetzt sage ich: Es ist für den Moment mein Zuhause. Ich lebe hier stabil, und die Kinder in unserem Ort sind sicher.

Salomon Soussan, Frankfurt (Main)
Ich bin das erste Mal auf dem Gemeindetag und find’s sehr interessant. Es ist ein tolles Erlebnis, eine solche Riesenmenge an Juden auf einem Fleck zu sehen. Ich habe an der Session »Judentum in Schulklassen« teilgenommen, weil mich das direkt betrifft. Und dann war ich noch bei einer Lesung mit Ben Salomo, das fand ich beeindruckend. Ich denke, dass wir hier in Deutschland zu Hause sind – aber das schließt nicht aus, dass wir uns auch in Israel daheim fühlen. Ich bin dafür, dass wir auch weiterhin die Möglichkeit haben, in Deutschland zu leben, und nicht einfach weggehen sollten.

Milana Kilasonija, Hannover
Ich bin das erste Mal beim Gemeindetag dabei – und freue mich sehr. Gespannt bin ich auf die Atmosphäre. Bei uns in Hannover gibt es nicht ganz so viele jüdische Kulturangebote. Hier schon. Das werde ich nutzen, so viel wie möglich. In Deutschland bin ich zu Hause. Aber in letzter Zeit denke ich gelegentlich darüber nach, ob ein anderes Land vielleicht nicht doch eine Alternative wäre.

Inge Steindler, Mönchengladbach
Ich freue mich besonders auf die FDP-Generalsekretärin Linda Teuteberg. Ich bin selbst bei den Liberalen aktiv – und setze mich für Religionsfreiheit und die jüdische Gemeinschaft ein. Bin ich in Deutschland zu Hause? Und ist der Kampf gegen Antisemitismus wirklich noch zu gewinnen? Ich weiß es nicht. Leider. Hoffentlich müssen wir in Zukunft nicht nochmal die Koffer packen.

Jana Eva Kelerman, Mülheim
Ich wollte in diesem Jahr unbedingt mit dabei sein. Vor allem der Lesungen wegen. Ganz besonders freue ich mich auf die von Thomas Meyer, denn ich habe alle seine Bücher gelesen. Meine Gemeinde ist in Lörrach, aber ich komme aus Mülheim. Ich bin in Deutschland geboren, meine Eltern sind aus der ehemaligen Sowjetunion. Mein Leben ist hier in Deutschland, und ich möchte hier meinen Platz finden. Allerdings ist der Begriff Heimat für mich schwer zu definieren. Ich reise sehr gern, bin viel unterwegs, und ich muss noch herausfinden, wo meine Heimat ist oder sein wird.

Gabriela Hermer, Berlin, und Chana Bennett, Köln
Wir finden das Angebot absolut hochkarätig, die Organisation ist perfekt. Der Gemeindetag bietet eine tolle Gelegenheit, Leute zu treffen, die man lange nicht gesehen hat. Hinter das Motto würden wir eher ein Fragezeichen setzen. Die vielen antisemitischen Vorfälle stellen doch einiges infrage. Das schüttelt einen regelrecht durch und lässt einen eher sprachlos zurück. Sehr beeindruckend war die Unterzeichnung des Staatsvertrags, das war wieder ein positives Signal, das hoffen lässt. Auch das große Engagement gegen Antisemitismus wirkt wieder sehr positiv.

 

 

 

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