Jom Kippur

Ein Jahr danach

Anastassia Pletoukhina

Diesen Jom Kippur werde ich mit Familie in meiner Heimatgemeinde im Norden verbringen. Irgendwie ist der Plan der gleiche wie im vergangenen Jahr: raus aus Berlin, den Versöhnungstag in einer kleineren Gemeinde erleben – etwas Abwechslung und mehr Ruhe haben.

Mit diesen Gefühlen war ich vor einem Jahr beim Jom-Kippur-Gebet in der Synagoge in Halle. Ich ahnte nicht, dass die Gebete, bei denen wir fragen, wer ins Buch des Lebens eingeschrieben wird und wer nicht, an diesem Tag so konkret werden würden. Wer wird sterben, wer wird leben? Schon immer hatte ich die Gebete der Jamim Noraim, der ehrfurchtsvollen Tage, sehr ernst genommen.

kraft Zumal ich mit existenziellen Fragen auch schon zuvor konfrontiert war. Ende 2018 hatte ich meinen Großvater verloren, den ich längere Zeit gepflegt hatte. Diese Zeit hat mir die Kraft des Gebets und die Präsenz des Allmächtigen in unserem Leben sehr bewusst gemacht. G’tt ist definitiv derjenige, der unsere Geschicke leitet.

Ich ahnte nicht, dass die Gebete, bei denen wir fragen, wer ins Buch des Lebens eingeschrieben wird und wer nicht, an diesem Tag so konkret werden würden.

Doch dieses Verständnis spitzte sich zu, als am 9. Oktober 2019 die ersten Schüsse fielen und wir uns in der Synagoge verbarrikadierten. Es war ein Wunder, dass wir überlebt haben. Für mich und für viele, die an diesem Tag vor Ort waren, war die Zeit danach wirklich herausfordernd. Ich glaube, dass dieses Ereignis bis zum Beginn der Corona-Krise alles für uns überschattete. Dieser Tag hat alles verändert. Jom Kippur 5780: Es gab eine Zeit davor, und es gibt eine Zeit danach.

Wir Betende, die zu Besuch in Halle waren, sind eine bunt gemischte Gruppe, darunter etliche Führungspersönlichkeiten aus der vielfältigen jüdischen Gemeinschaft. Viele von uns sind gut vernetzt, sodass wir unsere Gefühle, Gedanken und Forderungen in Bezug auf die Gesellschaft auch gut verbreitet haben. Wir konnten deutlich machen, dass dies nicht nur ein Anschlag auf uns, sondern auf ganz Deutschland war.

teschuwa Wenn wir jetzt über Teschuwa, die Zehn Tage der Umkehr zu G’tt, reden, kommt mir in den Sinn, dass 5780 insgesamt ein Jahr der Teschuwa war. Halle war ein traumatisches Ereignis – für mich und alle, die mir nahestehen. Halle war ein tragisches Ereignis, das die Gemeinde dort und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland schwer verunsichert hat. Halle sollte ein Weckruf für die gesamte Gesellschaft sein.

Woche für Woche treffen die Nachrichten aus Hanau, Berlin, Minsk, Washington oder anderswo ein, die die beunruhigende Frage aufwerfen, was mit uns und der Welt geschieht. Es ist für mich dabei wichtig, darüber nachzudenken, dass wir als Juden und Jüdinnen aufgrund unserer eigenen geschichtlichen Erfahrung noch mit anderen Augen auf die Bilder von Geflüchteten in griechischen Lagern blicken können, auf die Polizeigewalt gegen People of Color in den USA, das brutale Vorgehen gegen Demonstranten in Belarus.

Halle war ein traumatisches Ereignis. Für mich und alle, die mir nahestehen.

Besonders verstörend ist es, wenn wir sehen, wie in Zeiten von Corona abstruse Verschwörungsmythen immer mehr in unsere Gesellschaft eindringen, die antisemitische Hetze sich ungehindert verbreitet – und eine Kontinuität des rechtsextremen Terrors immer deutlicher wird.

reichstag Ich will mir meinen Optimismus behalten, aber die Situation scheint nicht besser zu werden, eher im Gegenteil. Ja, ich höre die klaren Bekenntnisse der Politik. Doch dann erlebe ich, dass viele sich etwas unbeholfen und vielleicht auch wenig kritikfähig zeigen, manches aus dem Ruder zu laufen scheint. Ich denke da nur an den vermeintlichen »Sturm« auf den Berliner Reichstag. Alles in allem ist das eine beängstigende Entwicklung.

Dennoch möchte ich die Arbeit der Polizei nicht herabwürdigen. Ich weiß, dass wir auf die überwiegende Mehrheit der Beamten hierzulande stolz sein können und ihnen für ihre Arbeit danken sollten. Aber wir müssen genau hinsehen, wenn Polizisten, wie kürzlich ausgerechnet wieder vor der Synagoge in Halle, antisemitische Straftaten vertuschen wollen.

Viele Gemeinden deutschlandweit sind zu den Feiertagen polizeilich ungeschützt, weil die Mittel oder der Wille seitens der Polizei fehlt. Das ist mehr als beunruhigend. Hier muss die Politik mit der immer wieder angekündigten Härte des Rechtsstaates reagieren. Und das ist bei Ahndung aller rechtsextremistischen Straftaten erforderlich, nicht zuletzt beim Verfahren gegen den Synagogenattentäter von Halle.

prozess Auf diesen Prozess in Magdeburg war ich als Nebenklägerin sehr gut vorbereitet, hatte mich juristisch sehr gut beraten lassen. Aber dann hat mich das Ganze doch emotional aus der Bahn geworfen. Es ist sehr berührend, wenn man den Vater des ermordeten Kevin oder den Besitzer der Döner-Gaststätte, der übrigens immer noch auf Entschädigungszahlungen wartet, vor Gericht erlebt. Den Angeklagten nehme ich nicht wahr – und will es auch nicht. Ich registriere nur, wie selbstgefällig er ist, sich über jede Aufmerksamkeit freut, die ihm zuteilwird.

Ich habe mir schon mehrmals die Frage gestellt, ob ich dem Täter verzeihen könnte. Nein. Denn er ist für mich nicht existent.

Ich habe mir schon mehrmals die Frage gestellt, ob ich ihm verzeihen könnte. Nein. Denn er ist für mich nicht existent. Darum werde ihn auch niemals hassen können.

Dennoch sehe ich ihn auch als ein Produkt der digitalen oder realen Gesellschaft. Und die muss alles tun, damit sie das, was hier geschieht, wahrnimmt und sich entsprechend aufstellt. Es muss in unserer gemeinsamen Kraft liegen, nicht in einem Gefühl der Machtlosigkeit zu verharren, sondern die Verhältnisse zu ändern.

Das ist auch ein Wunsch für das neue Jahr. Wir sollten es mit weniger Angst, mehr Offenheit und einem Überfluss an Empathie und dem Gefühl der Verantwortlichkeit für die anderen und die gesamte Gesellschaft beginnen. Mit diesen Gedanken und Gebeten werde ich in diesem Jahr Jom Kippur verbringen.

Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin in Berlin.

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