Interview

»Unsere Brandmauer zu allen Antisemiten steht«

Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026
Steffen Krach, SPD-Spitzenkandidat bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 Foto: picture alliance/dpa

Steffen Krach ist Spitzenkandidat der Berliner SPD bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus. Der 47-Jährige ist seit 2026 Co-Landesvorsitzender der SPD. Seit 2021 war er als Präsident der Region Hannover tätig. 2016 bis 2021 war er Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung in der Berliner Senatskanzlei.

Herr Krach, im Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus ist ein jüdischer Grünen-Kandidat attackiert worden, Israel-Hasser haben ein FDP-Sommerfest gestürmt. Wie bewerten Sie diese Vorgänge?
Ich verurteile diese Angriffe aufs Schärfste. Judenhass und Judenfeindlichkeit dürfen in Berlin keinen Platz haben, nicht im Wahlkampf, nirgendwo. Ich war am Mittwochvormittag bei einer Podiumsdiskussion der Jüdischen Gemeinde zum Thema Antisemitismus. Das war mir sehr wichtig. Eigentlich würde ich mir wünschen, dass wir beim jüdischen Leben in unserer Stadt über andere Dinge sprechen könnten. Aber wir sehen, dass Kitas, Schulen und Synagogen geschützt werden müssen. Dass der Antisemitismus und Angriffe zunehmen, dass sich Juden nicht mehr trauen, eine Kippa zu tragen. Ein Vorstandsmitglied des Fußballvereins Makkabi hat bei der Podiumsdiskussion sehr eindrücklich geschildert, was es für die Mannschaften bedeutet, wenn sie bei ihren Spielen Polizeischutz brauchen. Das ist eine absolut beklemmende Situation. Und die darf es gerade hier in Berlin nicht geben.

Was muss man stattdessen betonen?
Erstens müssen wir die Sicherheitsmaßnahmen verstärken. Jüdinnen und Juden müssen sich hier sicher fühlen. Da geht es auch um Verantwortung: Wenn etwa Baumaßnahmen von Synagogen wegen der Sicherheitsvorkehrungen teurer werden, müssen die Kosten auch vom Land und vom Bund übernommen werden. Wir müssen diejenigen, die für antisemitische Vorfälle verantwortlich sind, konsequent verfolgen und zur Verantwortung ziehen. Zweitens sollten wir die jüdische Kultur noch sichtbarer machen, im Alltag noch präsenter, die jüdische Tradition Berlins feiern und Vereine unterstützen, die jüdisches Leben fördern. Und mein dritter Punkt, der langfristig wirken wird, ist, dass wir in Schulen ein Pflichtfach Demokratie einführen. Da soll es darum gehen, wie wir in einer vielfältigen, freien und toleranten Gesellschaft in diesem Land zusammenleben. Da beginnt der Dialog, den wir dringen brauchen und fördern müssen.

Steht bei der Berliner SPD eine Brandmauer zur Linken, die in ihren Reihen offenen Israel-Hass und Antisemitismus nicht nur duldet, sondern damit auch Wahlkampf macht?
Unsere Brandmauer zu allen Antisemiten steht. Die SPD Neukölln hat klargemacht, dass sie mit den Antisemiten in der Linkspartei nicht zusammenarbeitet. Auch auf der Landesebene schauen wir sehr genau hin. Es reicht mir nicht, was die Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin aktuell zu den Vorfällen in Neukölln und der Wahlkampfveranstaltung mit diesem widerlichen Rapper sagen. Das sind keine Konsequenzen. Das sind Floskeln, die wir seit Monaten hören. Es ist immer wieder das gleiche Schema: Es passiert etwas, dann gibt es eine kurze Empörung und dann kommt der nächste Vorfall.

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Was bedeutet das in Bezug auf eine mögliche Koalition?
In Berlin will ich klipp und klar von allen Linken im Abgeordnetenhaus sehen, dass sie Antisemitismus bekämpfen, nicht nur mit Worten. Ich unterhalte mich auch nicht mehr darüber, ob Israel ein Existenzrecht hat. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit und das erwarte ich auch von allen Mitgliedern im Abgeordnetenhaus. Ich habe schon deutlich gesagt: Antisemiten wird es mit mir nicht im Senat geben. Daraufhin wurde mir auf Instagram und Co. vorgeworfen, ich akzeptiere keine Israelkritik. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Antisemitismus und gezielter Kritik an der derzeitigen Regierung in Israel. Und an der habe ich durchaus Kritik. Ich glaube, so geht es auch sehr vielen Menschen in Israel.

Der SPD-Abgeordnete Alexander Freier-Winterwerb hat im Oktober vergangenen Jahres der CDU Wortbruch im Kampf gegen Antisemitismus vorgeworfen. Teilen Sie diese Meinung?
Ich werfe das dem Spitzenkandidaten der CDU, Stefan Evers, nicht vor. Der hat eine klare Position, und ich gehe davon aus, dass das auch für den überwiegenden Teil der CDU gilt. Aber klar ist: Die CDU hat mit der Fördergeld-Affäre und der intransparenten Vergabe von Mitteln für Projekte gegen Antisemitismus dem gesamten Kampf gegen Antisemitismus einen Bärendienst erwiesen. Und das, finde ich, muss man so klar benennen. Da hat Kai Wegner versagt. Die Kultursenatorin hat einen Riesenfehler gemacht. Aber auch Stefan Evers, der als Finanzsenator für das Geld zuständig ist, hat nicht rechtzeitig eingegriffen. Diese Kritik teile ich. Das war einfach ein Riesenfehler der CDU und hat dem Kampf gegen Antisemitismus nicht geholfen.

Im Berliner Wahlkampf plakatieren einige Parteien mehr oder weniger deutlich israelkritische Positionen. Warum ist der Nahostkonflikt ein Thema, aber beispielsweise nicht die humanitäre Krise im Sudan oder im Jemen?
In Berlin leben sehr viele Menschen aus dem Nahen Osten. Viele haben dort Familie und Freunde und die Konflikte spiegeln sich in Berlin besonders stark. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Empathie füreinander stärken. Es ist wichtig, ins Gespräch zu kommen und auch zu sagen: Wir sehen beide Seiten. Ich habe in der Vergangenheit zusammen an einigen Projekten mit der jüdischen Gemeinde und der palästinensischen Gemeinde zusammengearbeitet und genau solchen Dialog will ich fördern. Ich habe aber auch klare Grenzen. Und die sind dann erreicht, wenn Israels Existenzrecht in Frage gestellt oder für Gewalt und Terror argumentiert wird.

Die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci hat in einem Interview im November vergangenen Jahres gesagt, Islamisten und Aktivisten hätten Teile der Berliner SPD unterwandert. Was meinen Sie dazu?
Das ärgert mich. Ich bin Landesvorsitzender dieser Partei und bin nicht von Islamisten unterwandert, meine Co-Vorsitzende ebenfalls nicht, auch nicht die SPD Berlin. Die SPD Berlin hat eine klare Haltung gegen Islamismus. Unsere Partei hat in Berlin 18.000 Mitglieder, da kenne ich nicht jeden persönlich. Wenn ich jetzt bei einer Wahlkampfveranstaltung bin, weiß ich auch nicht, wer da alles im Raum sitzt. Diesen Vorwurf muss ich aber wirklich mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Ich kann auch nicht verstehen, dass man so etwas einfach in den Raum wirft, ohne klar zu sagen, wen man meint. Ich werde demnächst mal mit ihr darüber reden.

Das Gespräch führte Detlef David Kauschke.

Redaktioneller Hinweis: Das Interview wurde geführt, bevor die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hannover gegen Krach bekannt wurden. Es geht dabei unter anderem um den Verdacht der Vorteilsnahme in zwei Fällen im Zusammenhang mit einem Vergabeverfahren im Gesundheitswesen während Krachs Zeit als Präsident der Region Hannover. Krach bestreitet die Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Jüdische Allgemeine hatte zur Wahl an CDU, Linke, Grüne und SPD Interviewanfragen gestellt. Lediglich Grüne und SPD meldeten sich mit Gesprächsterminen zurück.

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