Tel Aviv

Omer Shem Tov: 505 Tage Gefangenschaft, Hunger und Einsamkeit

Omer Shem Tov war 505 Tage lang Geisel der Hamas. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

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Omer Shem Tov: 505 Tage Gefangenschaft, Hunger und Einsamkeit

»Wegen der Angst konnte ich nicht atmen«, sagt die frühere Geisel über die 50 Tage, in denen er in völliger Dunkelheit leben musste

 16.09.2026 15:05 Uhr

Omer Shem Tov war 505 Tage lang Geisel der Hamas. In einem Interview mit »Maariv« hat der junge Israeli nun ausführlich über seine Zeit im Gazastreifen gesprochen. Er berichtete von extremer Einsamkeit, Hunger, Dunkelheit und körperlicher Gewalt. Einzelne Erlebnisse aus der Gefangenschaft hat er nach eigener Aussage bislang nicht öffentlich gemacht.

Shem Tov war am 7. Oktober 2023 vom Nova-Musikfestival verschleppt worden. Erst im Februar 2025 kam er gemeinsam mit Eliya Cohen und Omer Wenkert frei. Im August erschien sein erstes Buch, »Meeting Myself in Hell«, in dem er weitere Einzelheiten aus den 16 Monaten in der Gewalt der Terrororganisation schildert.

Besonders schwer traf ihn die Trennung von Itay Regev, mit dem er zunächst gemeinsam festgehalten worden war. Regev kam im November 2023 im Rahmen eines Geisel- und Gefangenenaustauschs frei. »Als sie uns trennten, war das einer der schwierigsten Momente der Gefangenschaft, weil wir uns bis dahin daran gewöhnt hatten, gemeinsam mit den Strapazen, dem Hunger und der Angst fertigzuwerden«, sagte Shem Tov. Die anschließende Zeit allein sei für ihn besonders belastend gewesen.

50 Tage in völliger Dunkelheit

Shem Tov verbrachte später 50 Tage in einer winzigen Zelle, in der er nicht aufrecht stehen konnte. Dort herrschte völlige Dunkelheit. »In den ersten Tagen hat es mich erdrückt. Wegen der Angst konnte ich nicht atmen«, erinnerte er sich. Mit der Zeit habe er sich an die Finsternis gewöhnt und begonnen, sich Formen und andere Dinge vorzustellen.

Einmal fiel einem seiner Bewacher eine kleine Taschenlampe aus der Tasche. Shem Tov versteckte sie und schaltete sie jeden Tag nur kurz ein. Er wollte damit überprüfen, »dass mein Auge noch sehen konnte«. Nach seiner Freilassung stellte er sogar fest, dass ihm die absolute Dunkelheit manchmal fehlte. Trotz des Leidens habe er sich dort besonders stark mit sich selbst und mit Gott verbunden gefühlt.

Auch der Hunger gehörte zum Alltag. Die Geiseln bekamen nach seiner Schilderung nur sehr wenig zu essen, häufig ein halbes Pita-Brot oder noch weniger sowie etwas Fleisch aus der Dose. »Wir waren sehr hungrig. Wir redeten über Fleisch. Wir träumten von Fleisch«, sagte Shem Tov.

Gewalt durch Bewacher

Besonders quälend war es, wenn in der Nähe gekocht wurde. Die Geiseln konnten den Geruch von gegrilltem Fleisch wahrnehmen und Stimmen von Frauen und Kindern hören. Shem Tov und Regev versuchten, sich wenigstens in Gedanken satt zu essen. »Wir bissen in das Pita, schlossen die Augen und stellten uns vor, es wäre Fleisch. Ein Bissen Pita - Hähnchenschenkel. Ein Bissen Pita - Kebab. Ein Bissen Pita - Schaschlik.«

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Shem Tov berichtete auch von körperlicher Gewalt. Bei einem Vorfall habe ihm ein Terrorist mitgeteilt, Shem Tov habe dessen besten Freund getötet. Kurz darauf schlug der Mann ihn mit einem Besenstiel heftig gegen die Beine. »Ich sagte ihm sofort, dass es mir sehr leidtue, aber er nahm einen Besenstiel und begann, mich extrem hart auf die Beine zu schlagen«, sagte Shem Tov.

Auch unmittelbar vor seiner Freilassung musste er eine Demütigung über sich ergehen lassen. Die Hamas inszenierte im Februar 2025 eine Propagandazeremonie, bevor Shem Tov, Cohen und Wenkert an das Rote Kreuz übergeben wurden. Kurz vor dem Auftritt wurde Shem Tov nach eigener Darstellung angewiesen, einen Hamas-Terroristen zu küssen, der an seiner Gefangenschaft beteiligt gewesen war.

Für Vorfall geschämt

Zunächst verweigerte er sich. Doch angesichts der unmittelbar bevorstehenden Freiheit habe er schließlich nachgegeben. »Plötzlich sagte ich mir: Na gut, ich werde ihn auf den Kopf küssen, ich gehe nach Hause, er bleibt dort, und das war’s«, erinnerte sich Shem Tov.

Nach seiner Ankunft auf dem Militärstützpunkt Re’im und dem Wiedersehen mit seinen Eltern habe er sich für den Vorfall geschämt. Er habe befürchtet, die Israelis könnten ihn deshalb für einen »Verräter« halten. Erst später habe er verstanden, dass die Menschen erkannten, dass er unter Zwang gehandelt hatte.

Der betreffende Hamas-Terrorist, ein Angehöriger der Nukhba-Einheit, wurde nach Angaben der israelischen Armee und des Inlandsgeheimdienstes Schin Bet im Juni dieses Jahres im nördlichen Gazastreifen getötet. Als Shem Tov von seinem Tod erfuhr, empfand er Genugtuung. »Er war ein böser Mensch, der mir großes Leid zugefügt und andere schreckliche Dinge getan hat«, sagte er. Zugleich habe der Tod des Mannes für ihn keine grundlegende Bedeutung mehr gehabt: »Ich denke, von dem Moment an, als ich ihn verließ und vom Roten Kreuz an die IDF übergeben wurde, habe ich ihn und seine Bosheit hinter mir gelassen.«

Soldaten und Reservisten

Die Rückkehr in die Freiheit bedeutete für Shem Tov allerdings nicht das sofortige Ende der Gefangenschaft in seinem Kopf. Geräusche von Kampfjets, Feuerwerk oder laute Explosionen lösten Erinnerungen an Gaza aus, sagte er. Auch das Gesicht eines Menschen, der einem seiner Bewacher ähnelt, kann ihn unvermittelt in die Vergangenheit zurückversetzen.

Trotzdem bemüht sich Shem Tov, sein Leben nicht auf seine Zeit als Geisel zu reduzieren. Seit seiner Freilassung ist er gereist, hat Vorträge gehalten und studiert. In New York absolvierte er zuletzt eine Schauspielausbildung. Sein Buch wollte er zunächst nicht schreiben, weil er nicht wollte, dass seine Identität dauerhaft mit seiner Geiselhaft verbunden wird. Schließlich entschied er sich dafür, seine Erfahrungen weiterzugeben und anderen Menschen damit »Werkzeuge und Orientierung, Licht und Hoffnung« für den Umgang mit persönlichen Krisen zu geben.

Besonders wichtig ist ihm nach eigenen Worten der Dank an die israelischen Soldaten. Seine eigene Rolle möchte er dagegen nicht heroisch verstanden wissen. »Es stört mich, wenn Menschen mir sagen, dass ich ein Held bin«, sagte Shem Tov ggegenüber »Maariv«. »Ich glaube nicht, dass ich ein Held bin. Das war eine Realität, die mir aufgezwungen wurde. Die Soldaten sind Helden, die Reservisten, alle, die für mich zu Hause gekämpft haben, sind Helden.« im

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