Sinti und Roma werden nach Angaben von Romani Rose immer häufiger Opfer von Gewalt und Bedrohung. »Mit Schrecken sieht unsere Minderheit das Erstarken eines wiedererwachten und gewaltbereiten Antiziganismus in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas«, sagte der Vorsitzende des Zentralrates der Deutschen Sinti und Roma im polnischen Oswiecim. Er berief sich dabei auf aktuelle Angaben der unabhängigen Melde- und Informationsstelle Antiziganismus.
Diese Entwicklung vollziehe sich nicht »im luftleeren Raum«, so Rose weiter. »In ganz Europa erleben wir Wahlerfolge rechtsextremer und nationalistischer Parteien, die Hass und Hetze wieder salonfähig machen.« Gleichzeitig warf der Zentralratsvorsitzende auch den Sicherheitskräften in Deutschland vor, sich daran zu beteiligen. So dürften in Niedersachsen die Polizeibehörden in ihren Kriminalberichten mutmaßliche Täter einer ethnischen Zugehörigkeit zuordnen. »Ich erwarte, dass der deutsche Rechtsstaat diese skandalöse Praxis - 82 Jahre nach Auschwitz - beendet«, betonte Rose.
Er äußerte sich im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma im früheren NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort wurden in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 rund 4300 Sinti und Roma von der SS ermordet.
Bildung und Aufklärung
»Wenn ich heute in die Welt blicke, fehlen mir die Worte, um meine Verzweiflung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass wir Menschen nichts aus der Geschichte gelernt haben«, erklärte Rose. »Denn auch heute wird wieder gegen das Völkerrecht verstoßen: in der Ukraine, im Nahen Osten und an vielen anderen Orten dieser Welt.« Der Zentralratsvorsitzende appellierte an die Mitgliedstaaten der EU, durch Bildung und Aufklärung zur Prävention beizutragen. So müsse in den Schulbüchern der Heimatländer der Minderheit auch auf deren Beiträge zu Kunst, Musik und Kultur hingewiesen werden. kna
Unterdessen mahnte der Antiziganismusbeauftragte der Bundesregierung, Michael Brand, die Gesellschaft zum Erinnern an die Morde der Nazis an den Sinti und Roma. »Die Stimmen der Überlebenden werden über 80 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes weniger. Die Verantwortung aller wird umso größer«, sagte der CDU-Bundestagsabgeordnete bei derselben Gedebkveranstaltung.
»Es liegt jetzt an uns allen, die Erinnerung wachzuhalten, die Geschichte weiterzutragen und jeder Form von Antiziganismus, Rassismus und Menschenverachtung gemeinsam entschieden entgegenzutreten«, so Brand. Die rund 4300 dort getöteten Sinti und Roma stünden stellvertretend für die gut eine halbe Million Mitglieder der Minderheit, die von den Nazis ermordet wurden, so Brand.
Das demokratische Deutschland stehe zu dieser historischen Verantwortung, betonte der Beauftragte. »Holocaust und Nazi-Terror zeigen so klar wie brutal, wohin es führen kann, wenn Menschen brutal verfolgt und zu einer Bedrohung stilisiert werden.« Besonders begrüße er, dass auch in diesem Jahr Jugendliche und junge Erwachsene in das ehemalige KZ gekommen seien, um sich mit der Geschichte der Ermordeten und der Erinnerung an diese zu beschäftigen. »Sie verkörpern das Versprechen, dass wir gemeinsam die Erinnerung wachhalten und gemeinsam für eine bessere Zukunft arbeiten«, betonte Brand. kna