Jerusalem

Netanjahu unterstützt iranische Proteste

Eine Straßenszene in Teheran im Juni 2025 Foto: picture alliance / via REUTERS

Angesichts anhaltender Proteste im Iran hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erstmals öffentlich Stellung bezogen und den Demonstrierenden seine Unterstützung ausgesprochen. In Teheran reagierte die Führung umgehend mit scharfen Vorwürfen gegen Israel und die USA.

»Die Regierung Israels, der Staat Israel und auch meine eigene Politik identifizieren sich mit dem Kampf des iranischen Volkes, mit seinem Streben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung«, sagte Netanjahu zu Beginn der wöchentlichen Kabinettssitzung. Es sei gut möglich, dass man sich »an einem entscheidenden Moment befindet, in dem die Menschen im Iran ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen«.

Nach Angaben israelischer Medien hatte Netanjahu bisher bewusst auf Kommentare verzichtet, um Teheran keinen Vorwand für militärische Schritte gegen Israel zu liefern.

Angereichertes Material

Bei seinem jüngsten Treffen mit US-Präsident Donald Trump in Florida sei die Lage im Iran ausführlich besprochen worden, sagte Netanjahu. Beide Länder verfolgten eine gemeinsame Linie gegenüber Teheran. »Wir haben unsere Position bekräftigt: null Urananreicherung, die Entfernung der rund 400 Kilogramm angereicherten Materials aus dem Iran und eine strenge, echte Kontrolle aller Atomanlagen«, erklärte der Ministerpräsident. Teheran reagiert mit scharfen Vorwürfen

Die iranische Führung reagierte prompt. Das Außenministerium in Teheran warf Israel vor, gezielt Unruhe zu schüren und die nationale Einheit untergraben zu wollen. »Das zionistische Regime nutzt jede Gelegenheit, um Zwietracht zu säen und unsere nationale Einheit zu schwächen«, sagte Außenamtssprecher Esmail Baghai. Israelische und amerikanische Politiker betrieben eine »Anstiftung zur Gewalt«.

Lesen Sie auch

Auch die iranische Justiz kündigte ein hartes Vorgehen an. Justizchef Gholamhossein Mohseni Ejei erklärte, gegen sogenannte Randalierer werde es »keine Nachsicht« geben. Zwar erkenne der Staat das Recht auf Protest an, doch jede Form von Unruhe oder Gewalt werde entschieden bekämpft.

Protest in 27 Provinzen

Menschenrechtsorganisationen zeichnen ein deutlich dramatischeres Bild der Lage. Nach Angaben der in den USA ansässigen Human Rights Activists News Agency wurden seit Beginn der Proteste mindestens 35 Menschen getötet, darunter vier Kinder. Mehr als 1200 Personen seien festgenommen worden. Die Demonstrationen hätten inzwischen über 250 Orte in 27 der 31 iranischen Provinzen erreicht.

Andere Organisationen sprechen von mindestens 20 Toten. Die Angaben lassen sich kaum unabhängig überprüfen, da staatliche Medien die Proteste herunterspielen und der Zugang für Journalisten stark eingeschränkt ist. In sozialen Netzwerken kursierende Videos zeigen teils schwere Zusammenstöße, insbesondere im Westen des Landes.

Ausgangspunkt der Proteste war die dramatische wirtschaftliche Lage. Der iranische Rial hat innerhalb eines Jahres mehr als ein Drittel seines Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren, die Inflation liegt seit Monaten deutlich über 30 Prozent. Hinzu kommen Engpässe bei Wasser und Strom sowie neue internationale Sanktionen.

Zusätzliche Brisanz

Die Demonstrationen begannen mit Streiks von Händlern und Ladenbesitzern in Teheran und weiteten sich rasch auf Studenten und zahlreiche Provinzstädte aus. Inzwischen richten sich viele Parolen offen gegen die politische und religiöse Führung des Landes.

US-Präsident Trump warnte Teheran zuletzt, Washington werde nicht tatenlos zusehen, falls friedliche Demonstranten »gewaltsam getötet« würden. Die Aussage erhielt zusätzliche Brisanz, nachdem das US-Militär am Wochenende Venezuelas Präsident Nicolás Maduro festgenommen hatte – einen engen Verbündeten des iranischen Regimes. im

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

Seit mehr als zwei Jahren attackiert die Hisbollah Israel. Die Regierung in Jerusalem will eine Entwaffnung der Terrororganisation. Doch geht das?

 29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026

Interview

»Ohne den Mossad wäre ich vermutlich schon unter der Erde«

Das iranische Regime wollte Volker Beck ermorden lassen. Im Gespräch erzählt der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wie der Anschlagsplan sein Leben verändert hat und was sich seiner Meinung nach nun ändern muss

von Leon Stork  29.05.2026

Berlin

Gutachten zweifelt an Vorstoß gegen Leugnung des Existenzrechts Israels

Hessen will über den Bundesrat erreichen, dass die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe gestellt wird. Ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag erhebt Bedenken

 29.05.2026

Colorado Springs

JD Vance: USA und Iran kurz vor Einigung

Es sei noch zu früh, um zu sagen, »wann oder ob« die USA und der Iran die Verhandlungen erfolgreich abschließen könnten, sagt der Vizepräsident

 29.05.2026

Toronto

Vermisste 14-Jährige Esther wohlbehalten aufgefunden

Das jüdische Mädchen ist wieder bei seiner Familie. Die Jugendliche wurde in einem Wohnhaus entdeckt

 29.05.2026