Herr Beck, vergangene Woche machte der »Spiegel« öffentlich, dass Attentäter im Auftrag des Irans Mordanschläge gegen Sie und den Präsidenten des Zentralrats, Josef Schuster, geplant hatten. Wie haben Sie davon erfahren?
Das muss Ende Mai, Anfang Juni 2025 gewesen sein. An einem Freitag rief mich morgens der Staatsschutz an und bat um einen Termin für ein Gespräch. In diesem wurde mir dann eröffnet, dass es eine konkrete Bedrohungslage zu meiner Person gibt. In den nächsten Stunden und Tagen wurden die Sicherheitsmaßnahmen immer weiter angehoben.
Wie sah Ihr Alltag in den darauffolgenden Wochen aus?
Die Empfehlung der Behörden war, ab jetzt das Haus nicht mehr ohne Polizeischutz zu verlassen. Zum Spazieren mit dem Hund ging es nur noch in einem gepanzerten Fahrzeug. Meine Außentermine hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon relativ stark reduziert. Man geht in so einer Situation nicht mehr einfach Kaffee trinken, ins Kino oder um Freunde oder Bekannte zu treffen, wenn das viele Polizeiarbeitsstunden kostet. Wenn für jede Freizeitaktivität sechs bis zehn Sicherheitskräfte mobilisiert werden müssen, überlegt man sich das zweimal. Diese Zeit steckt mir immer noch in den Knochen. Am Ende schleicht man wie ein Tiger im Käfig durch die eigene Wohnung, weil man kaum noch echte, ungezwungene Kontakte hat. Nichts ist mehr normal!
Wie bewerten Sie den Umgang der Behörden mit der Bedrohung gegen Sie?
Ohne die Informationen »befreundeter Dienste«, wie es so schön heißt, hätten die deutschen Behörden von der Bedrohung gegen mich nichts gewusst. Konkreter: Ohne den israelischen Geheimdienst Mossad wäre ich vermutlich jetzt schon eine Weile unter der Erde. Unsere deutschen Geheimdienste waren da leider wieder einmal blind.
»Es wäre die Aufgabe der deutschen Gesellschaft und des Staates, den Juden das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein.«
volker beck
Wie muss Deutschland Ihrer Meinung nach nun reagieren?
Wir wissen schon lange, dass der Iran immer wieder Anschläge im Ausland auf jüdische Ziele, Oppositionelle und eben auch Freunde Israels vorbereitet. Spätestens seit dem Mordanschlag auf das Berliner Restaurant Mykonos, bei dem 1992 vier iranische Oppositionelle erschossen wurden, ist bekannt, wie der Iran mit seinen Gegnern umgeht. Aber daraus folgten bisher keine Konsequenzen. Das muss sich ändern. Ein erster Schritt wäre, die Aktivitäten in der iranischen Botschaft in Berlin drastisch herunterzufahren. Je weniger Leute dort sitzen, umso weniger Ressourcen hat das iranische Regime vor Ort, Anschläge zu planen. Selbstverständlich hört es nicht einfach auf, nur weil man dessen Personal reduziert. Aber es müsste dann andere Wege suchen, die komplizierter und leichter zu überwachen sind.
Über Ihren Fall wurde in allen großen deutschen Medien berichtet, ein öffentlicher Aufschrei ist bisher jedoch ausgeblieben. Woran liegt das?
Die Anschlagsziele betrafen ja nur jüdische Ziele und Zionisten. Die öffentliche Empörung bei Medien und Politik gab es jenseits der Medien des Springer-Verlages nicht. Die »Ruhrbarone« brachten es auf den Punkt: Die Opfer antisemitischer Bedrohung und Gewalt werden »allein gelassen«. Der Spiegel schickte gar ein hämisches Porträt von mir hinterher, das man auch als Rechtfertigung der iranischen Pläne lesen kann, wenn man will, und das weite Teile meiner politischen Biographie negierte. Hätte es sich um islamistische Terroristen gehandelt, die zum Beispiel einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt geplant hätten, dann wäre die Empörung groß und vor allem allgemein gewesen. So einfach und so traurig ist das.
Attentäter haben in den vergangenen Monaten mutmaßlich im Auftrag Teherans eine Reihe von Anschlägen gegen jüdische Ziele in Europa begangen, darunter ein Sprengstoffanschlag auf das israelische Restaurant »Eclipse« in München. Welche Strategie verfolgt der Iran mit solchen Operationen?
Man muss zwischen dem Iran und seinen Proxies unterscheiden. Für den Angriff in München war mutmaßlich »Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya«, kurz HAYI, verantwortlich, eine relativ neue schiitische Gruppe, die in ganz Europa Anschläge plant und durchführt. In meinem Fall war es hingegen wohl die iranische Revolutionsgarde selbst, die die Befehle erteilt hat. Das dahinterstehende Programm ist bekannt: Der Iran bereitet sich fortwährend darauf vor, im Fall einer militärischen Auseinandersetzung mit den USA oder Israel »weiche« Ziele, etwa schlechter geschützte jüdische oder israelnahe Einrichtungen, anzugreifen, um eine symbolische Antwort zu geben und die Verbündeten der USA und Israels im Ausland einzuschüchtern oder zumindest zu verunsichern.
Wie steht es aus Ihrer Sicht insgesamt um den Schutz jüdischen Lebens in Deutschland?
Schlecht! Seit dem rechtsextremen Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 gab es zwar ein paar Nachbesserungen bei einigen jüdischen Adressen. Die Feindseligkeiten und Angriffe gegen Jüdinnen und Juden sind aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist der Umgang der Nichtjuden damit. Entweder wir schaffen es, das Gefühl zu vermitteln, dass wir an der Seite der Jüdinnen und Juden stehen, wenn sie angegriffen werden, oder es bleibt bei der Botschaft: Schade für euch, aber es betrifft uns ja nicht. Wenn Jüdinnen und Juden sich entscheiden, nach Israel zu gehen, obwohl sie dort in den letzten Wochen und Monaten mehrmals am Tag wegen der Raketenangriffe im Bunker sitzen müssen, sind sie dort ja nicht so viel sicherer oder weniger bedroht als hier. Aber in Israel ist man mit der Unsicherheit nicht allein. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Aufgabe der deutschen Gesellschaft, des deutschen Staates müsste es sein, auch in Deutschland den Juden das Gefühl zu geben, nicht allein zu sein. Die Bedrohung betrifft nicht alle gleichermaßen, aber die Gesellschaft kann sich ihr gemeinsam entgegenstellen oder eben auch nicht. Deutschland hat die Wahl!
Mit dem Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) und ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten sprach Leon Stork.