Beirut

Entwaffnung der Hisbollah - ein unmögliches Unterfangen?

In Beirut werden selbst Kleinkinder für Terrorpropaganda der Hisbollah missbraucht. Foto: picture alliance/dpa

Widerstandskraft, Terrororganisation und politische Partei: Für die Hisbollah im Libanon gibt es, je nachdem, wen man fragt, viele Definitionen. Doch eines steht fest: Ihr mächtigstes Werkzeug sind ihre Waffen. Israel will sie ihr abnehmen. 

Seit mehr als zwei Jahren steht die Organisation im Libanon wieder einmal in einem offenen Konflikt mit Israel. Mehrere Waffenruhen konnten bisher keinen Frieden bringen, da die vom Iran unterstützten Terroristen diesen nicht wollen. Seit Mitte April führen die libanesische Regierung - die keine Konfliktpartei ist - und die israelische Regierung Gespräche unter Vermittlung der USA. Heute sollen Militärdelegationen der beiden Länder in Washington zusammenkommen.

Das erklärte Ziel Israels dabei: Die Hisbollah soll entwaffnet werden. Bis heute konnte jedoch keine Entwaffnung durchgesetzt werden: Weder mit heftigen israelischen Luftangriffen, Bodeneinsätzen, gezielten Tötungen der Führungsregie, noch durch Bemühungen des libanesischen Staats. Warum nicht?

Überbleibsel des Bürgerkriegs

Die Hisbollah ist im Libanon weit mehr als eine Miliz. Wer sie verstehen will, muss zunächst das konfessionelle Geflecht der libanesischen Gesellschaft verstehen. Die Macht ist traditionell nach religiösen Gruppen aufgeteilt - ein Überbleibsel des Bürgerkriegs von 1975 bis 1990. Dieses System war ursprünglich nur als Übergang gedacht, besteht aber bis heute fort und hält die Spaltungen aufrecht.

Jede Gruppe braucht einen »Beschützer«, um seine Rechte zu wahren und zu stärken. Die Hisbollah sieht sich als Schutzmacht der schiitischen Muslime, einer der größten Bevölkerungsgruppen des Landes.

Die Organisation entstand als Reaktion auf die israelische Invasion im Libanon 1982, die aufgrund von Angriffen der PLO gegen den jüdischen Staat erfolgte. Seitdem versteht sie sich auch als Widerstandskraft gegen Israel. Mit iranischer Unterstützung wurde sie immer mächtiger und entwickelte sich zudem zu einer politischen Partei.

Anders als andere Bürgerkriegsparteien gab die Hisbollah ihre Waffen nach Kriegsende nie auf, sondern baute ihr Arsenal stetig aus. Für viele im Land war das lange Zeit akzeptabel. Denn schließlich war es die Hisbollah, die den Abzug der Israelis nach jahrelanger Besatzung im Süden im Jahr 2000 als eigenen Erfolg verkaufte.

Staat im Staate

In den vergangenen Jahrzehnten konnte sie sich mit Unterstützung der schiitischen Bevölkerung einen Staat im Staate aufbauen. Sie betreibt Krankenhäuser, Schulen, Müllabfuhren und zahlt Pensionen. In ihren Gebieten ersetzt sie den dysfunktionalen libanesischen Staat und hält dessen Schwäche damit zugleich aufrecht.

Nur knapp ein Fünftel der Gesellschaft unterstützt die Hisbollah politisch, wie aus einer repräsentativen Studie des Forschungsprogramms XCEPT am King’s College London (Dezember 2025) mit rund 2000 Teilnehmern hervorgeht, die kürzlich vom US-Magazin »Foreign Policy« zitiert wurde. Fast 45 Prozent lehnen ihre Entwaffnung demnach jedoch ab. 

Auch viele israelische Experten sehen das strategische Ziel einer kompletten Entwaffnung der Miliz mittlerweile als unrealistisch an. »Die Hisbollah wird nur dann entwaffnet werden, wenn sich die libanesische Gesellschaft gegen sie erhebt – was derzeit unwahrscheinlich erscheint – oder wenn die israelische Armee den gesamten Libanon erobert, was unmöglich ist«, schrieb ein Kommentator der israelischen Zeitung »Jediot Achronot«.

Schwache Armee, schwacher Staat

Gründe für den Zuspruch zu den Waffen liegen auch in der Schwäche der regulären libanesischen Armee und dem Misstrauen in den Staat. Die libanesische Regierung verpflichtete sich im Rahmen einer Waffenruhe im Libanon Ende November 2024 zur Entwaffnung der Hisbollah und beauftragte die libanesischen Streitkräfte damit.

Doch eigentlich hat der Staat kaum Möglichkeiten, eine Entwaffnung durchzusetzen. Solange die Menschen den Staat als schwach und Israel als Bedrohung wahrnehmen, bleibt die Legitimation der Waffen in Händen der Hisbollah in weiten Teilen der Bevölkerung bestehen. Viele Libanesen können sich selbst noch an die Besatzung der israelischen Armee zwischen von 1982 bis 2000 erinnern und fürchten sich vor einer Wiederholung.

So argumentiert auch die Hisbollah selbst immer wieder: Der Staat und seine Armee seien schlicht unfähig, die eigene Bevölkerung zu verteidigen. Solange eine existenzielle Bedrohung durch Israel wahrgenommen werde, würden die Waffen der Hisbollah weiten Teilen der Bevölkerung als einzige verlässliche Abschreckung gelten, sagte Hisbollah-Vertreter Bilal al-Lakis.

Bei der aus der Waffenruhevereinbarung stammenden Pflicht, alle Waffen unter staatliche Kontrolle zu bringen, geht die libanesische Regierung vorsichtig vor, um innere Unruhen zu vermeiden. Israel jedoch drängt auf schnelle Ergebnisse.

Raketen und Drohnen

Zugleich gingen trotz der Waffenruhen die Kämpfe weiter. De facto wurden seit Anfang Oktober 2023 die Raketen- und Drohnenangriffe der Hisbollah nie komplett eingestellt. Israel reagierte zunächst eher zurückhaltend und dann entschlossen. Israel wirft der Terrororganisation vor, während Feuerpausen ihr Arsenal wieder aufzubauen, und greift weiter an. Israelische Truppen haben im Südlibanon eine selbst deklarierte Pufferzone errichtet, um die Bevölkerung in Nord-Israel vor den konstanten Attacken zu schützen, und rücken auch darüber hinaus immer weiter vor. Die Hisbollah schießt weiterhin Raketen und Drohnen ab.

Die andauernden Angriffe schadeten am Ende womöglich mehr dem Ziel Israels, als der Hisbollah selbst, schrieb der israelische Militärexperte Danny Citrinowicz kürzlich auf X. Mit diesen würde der libanesische Staat schlussendlich geschwächt. Dabei müsse dieser eigentlich gestärkt werden, damit Israel seinem Ziel näherkomme.

Nicht zu vernachlässigen ist in der Gleichung aber auch, dass die Hisbollah nicht nur libanesische Terrororganisation und Partei ist, sondern auch eines der wichtigsten Instrumente des Iran. Sie dient Teheran als direkte Abschreckungswaffe an der Grenze zum gemeinsamen Erzfeind Israel. Der Iran unterstützt die Schiitenorganisation finanziell und mit militärischer Ausrüstung. Solange die iranische Regierung ein Interesse an der Existenz der Hisbollah hat, wird sie am Leben erhalten. (mit ja)

Brüssel

Überwachungsbehörde nimmt Europapartei der AfD ins Visier

Verstößt die Europapartei, zu der auch die »Alternative« gehört, gegen Grundwerte der EU? Die zuständige Behörde sieht Hinweise auf problematisches Vorgehen in Mitgliedsparteien. Kommt ein Verfahren?

von Valeria Nickel  29.05.2026

Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Die Beziehungen zwischen Israel und dem bald aus dem Amt scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres sind auf einem neuerlichen Tiefpunkt. Dabei hatte alles ganz anders begonnen

von Michael Thaidigsmann  29.05.2026

Holocaust-Gedenken

Mendel und Wagner kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Kiel

Mehr als 400 antisemitische Vorfälle im Norden gemeldet

»Die massiven Konsequenzen (...) sind Ausdruck eines wachsend gesamtgesellschaftlich antisemitischen Grundrauschens, das wir seit 2023 beobachten müssen«, so die Dokumentationsstelle Antisemitismus

 29.05.2026

New York

Streit um Bericht zu sexueller Gewalt: WJC kritisiert UN scharf

Narrative, die Israel pauschal delegitimierten, seien problematisch, so der Jüdische Weltkongress. Die ursprünglichen Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder in den Mittelpunkt rücken

 29.05.2026

Interview

»Ohne den Mossad wäre ich vermutlich schon unter der Erde«

Das iranische Regime wollte Volker Beck ermorden lassen. Im Gespräch erzählt der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wie der Anschlagsplan sein Leben verändert hat und was sich seiner Meinung nach nun ändern muss

von Leon Stork  29.05.2026

Berlin

Gutachten zweifelt an Vorstoß gegen Leugnung des Existenzrechts Israels

Hessen will über den Bundesrat erreichen, dass die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe gestellt wird. Ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes im Bundestag erhebt Bedenken

 29.05.2026

Colorado Springs

JD Vance: USA und Iran kurz vor Einigung

Es sei noch zu früh, um zu sagen, »wann oder ob« die USA und der Iran die Verhandlungen erfolgreich abschließen könnten, sagt der Vizepräsident

 29.05.2026

Toronto

Vermisste 14-Jährige Esther wohlbehalten aufgefunden

Das jüdische Mädchen ist wieder bei seiner Familie. Die Jugendliche wurde in einem Wohnhaus entdeckt

 29.05.2026