Hintergrund

Israel über Guterres: »Sind mit diesem Generalsekretär fertig«

Ist für Israel nun endgültig Persona non grata: UN-Generalsekretär António Guterres Foto: picture alliance / SZ Photo

Seit zwei Jahren ist António Guterres in Israel nicht mehr willkommen. Im Oktober 2024 erklärte Israels damaliger Außenminister Israel Katz den Generalsekretär der Vereinten Nationen zur »unerwünschten Person«. Der Portugiese habe einen iranischen Raketenangriff nicht unmissverständlich verurteilt, so Katz damals. Bei den Vereinten Nationen versuchte man damals, den Ball flachzuhalten. Ein »politisches Statement« sei das, sagte Guterres-Sprecher Stéphane Dujarric. Außerdem sei sein Chef missverstanden worden, fügte er hinzu.

Zuvor schon hatte Guterres die Pfeile aus Israel auf sich gezogen. Unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023 verurteilte er die Hamas-Massaker zwar mehrfach scharf, fügte aber hinzu, man müsse auch deren Vorgeschichte betrachten. Der 7. Oktober sei nicht im »luftleeren Raum« passiert, dozierte Guterres damals. »Das palästinensische Volk hat 56 Jahre lang unter einer erdrückenden Besatzung gelitten. Aber die Beschwerden des palästinensischen Volkes können die entsetzlichen Angriffe der Hamas nicht rechtfertigen. Und diese schrecklichen Angriffe können die kollektive Bestrafung des palästinensischen Volkes nicht rechtfertigen.«

Es klang alles ein wenig wie »Ihr seid selbst schuld, dass euch so etwas widerfahren ist«. Zu den Verstrickungen von UNRWA-Mitarbeitern in Gaza in die Terrorangriffe hielt sich Guterres hingegen merklich bedeckt. In Israel goutierte man sein Agieren überhaupt nicht; immer wieder kamen aus Jerusalem markige Widerworte.

Israel empört über UN-Vorwurf der sexuellen Gewalt gegen Häftlinge

Wer aber geglaubt hatte, dass die Beziehungen zwischen dem jüdischen Staat und der Weltorganisation seien bereits auf dem Tiefpunkt angekommen, sah sich am Donnerstag eines Besseren belehrt. »Wir sind mit diesem Generalsekretär fertig«, schrieb Israels UN-Botschafter Danny Danon mit markigen Worten auf X – und gab bekannt, dass seine Regierung bis zum Ende der Amtszeit von Guterres im Dezember alle Kontakte zum wichtigsten Repräsentanten der Vereinten Nationen, dessen Mitglied Israel seit dem 11. Mai 1949 ist, abbrechen werde. Es ist mithin das erste Mal in der 80-jährigen Geschichte der UN, dass ein Mitgliedstaat den Generalsekretär boykottiert.

Auslöser war die bevorstehende Aufnahme Israels in den UN-Bericht über konfliktbezogene sexuelle Gewalt, den der Generalsekretär alljährlich dem Sicherheitsrat zuleitet. Medienberichten zufolge soll darin auch der israelische Gefängnisdienst angeprangert werden. Zudem seien weitere israelische Behörden im Visier der UN-Beamten, was eine spätere Einstufung nicht ausschließe, wie es in Jerusalem heißt. Israel bestreitet die Vorwürfe kategorisch. Die Hamas war im vergangenen Jahr in das UN-Verzeichnis aufgenommen worden.

Solche Bilder gehören wohl der Vergangenheit an: António Guterres mit Israels Präsident Isaac Herzog im Januar 2025Foto: IMAGO/Pacific Press Agency

In Israel stößt zudem sauer auf, dass die Vereinten Nationen bis heute Zweifel an den Gräueltaten der Hamas am 7. Oktober 2023 säen, insbesondere, was sexuelle Gewalt angeht. Gleichzeitig, so sieht man es jedenfalls in Jerusalem, stelle die UN »fabrizierte Lügen« über angebliche Vergewaltigungen von palästinensischen Häftlingen in Israels Gefängnissen in den öffentlichen Raum. »Guterres hat gerade eine weitere Lüge über Israel veröffentlicht«, wetterte das israelische Außenministerium in den sozialen Netzwerken. »Wie viele weitere Lügen werden Sie noch veröffentlichen, bevor Sie aus dem Amt scheiden?«

»Tiefpunkt erreicht«

Unter der Führung von Guterres habe sich die UN »zu einer Propagandaplattform gegen Israel« entwickelt und einen »neuen Tiefpunkt erreicht«, so die Regierung. Während die Hamas nachweislich sexuelle Gräueltaten begangen habe, sei der Generalsekretär damit beschäftigt, eine »falsche Symmetrie mit Israel« herzustellen. Das »moralische Versagen« untergrabe nicht nur die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen, sondern hinterlasse einen »unauslöschlichen Makel« für das Vermächtnis von Guterres.

Auch Ron Prosor, einst Israels Vertreter in New York und aktuell Botschafter in Deutschland, zog die diplomatischen Samthandschuhe aus und holzte kräftig gegen den 77-jährigen Portugiesen. Selbst die Anrede ließ Prosor weg. Auf X schrieb er: »Schämen Sie sich, Guterres. Palästinensische Terroristen haben live übertragen, wie sie Juden ermordeten, vergewaltigten und entführten. Die Beweise waren überall zu finden. Und dennoch fand Ihre UN Raum für Zweifel, Zögern und ‚Kontext‘. Doch wenn es darum geht, Israel zu beschuldigen, ist die UN die Erste, die Blutverleumdungen verbreitet. Schande, Schande, Schande, schämen Sie sich!«

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Dabei hatte Guterres‘ Amtszeit ganz anders angefangen. Im April 2017 sprach er bei der Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in New York (als erster UN-Generalsekretär überhaupt), betonte, dass Israel wie jeder andere UN-Mitgliedstaat auch behandelt werden müsse und ein »unbestreitbares Recht auf Existenz und auf ein Leben in Frieden und Sicherheit mit seinen Nachbarn« habe. »Die moderne Form des Antisemitismus ist die Leugnung der Existenz des Staates Israel«, fügte er noch hinzu.

Guterres bei seiner Rede vor dem Jüdischen Weltkongress in New York im April 2017Foto: Michael Thaidigsmann

Im November 2020 verlieh der WJC Guterres sogar seinen prestigeträchtigen Theodor-Herzl-Preis, der nach dem Gründer des Zionismus benannt ist. In seiner Dankesrede, die er aufgrund der COVID-Pandemie nur per Video halten konnte, erwähnte Guterres den israelbezogenen Antisemitismus aber gar nicht und konzentrierte sich stattdessen auf traditionellere Formen des Judenhasses. Er sprach viel über den Holocaust und den Umgang mit den Juden in seiner Heimat Portugal.

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Für den jüdischen Staat hatte der UN-Generalsekretär hingegen wenig Sympathie und zeigte das mit kurzen, prägnanten Äußerungen im Kurznachrichtendienst X. Dennoch besuchte er auf Initiative des WJC im Februar 2024 die Hauptsynagoge der Israelitischen Kultusgemeinde in München, wo er sich anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz aufhielt. Das Publikum im Saal war sehr skeptisch.

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Und die IKG-Präsidenten und Holocaustüberlebende Charlotte Knobloch sprach offen. Die Vereinten Nationen seien auch als Antwort auf die Schoa gegründet worden seien, um Lösungen für die Konflikte in der Welt finden. Die UN dürften aber niemals Teil des Problems sein und schon gar nicht dürften sie dem Judenhass Vorschub leisten, schrieb Knobloch Guterres ins Stammbuch. Sie fügte pointiert an: »Im Hinblick auf Israel ist leider genau das immer wieder geschehen - auch zuletzt.«

Selbst beim Jüdische Weltkongress ist man ernüchtert über Guterres

Knobloch appellierte an den Generalsekretär, alles zu tun, damit die israelischen Geiseln aus der Gewalt der Hamas befreit würden. Guterres gelobte Einsatz. Er trage immer die Halskette bei sich, – auch wenn er, wie er zugab, »manchmal nicht mit der Politik der israelischen Regierung übereinstimme«.  

Februar 2024: António Guterres zeigt in der Münchner Ohel-Jakob-Synagoge die Plakette in Solidarität mit den israelischen Geiseln in Gaza; im Hintergrund Charlotte KnoblochFoto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Zwei Jahre später sind die überlebenden Geiseln frei. Doch in den Beziehungen zwischen António Guterres und dem Staat Israel hat die Eiszeit begonnen. Bis Anfang des kommenden Jahres ein Nachfolger installiert ist, dürfte sich das Klima auch nicht mehr verbessern.

Selbst beim Jüdischen Weltkongress ist man ernüchtert über Guterres‘ Führung des UN-Sekretariats. Von »Doppelmoral« ist nun die Rede. Es sei besorgniserregend, so WJC-Präsident Ronald S. Lauder, wenn sich eine Form moralischer Gleichsetzung etabliere, bei der Israel in »eine problematische Rolle« gedrängt werde.

Wer Israel mit einer Terrororganisation wie der Hamas auf eine Stufe stelle, sei verschiebe die Standards grundlegend. Die Gründungsideale der Vereinten Nationen müssten wieder stärker in den Mittelpunkt rücken, verlangt Lauder. Dass das unter der Führung von Guterres nicht mehr gelingen dürfte, ist wohl auch dem WJC-Chef bewusst.

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