In Australien hat eine zentrale Aufarbeitung antisemitischer Vorfälle begonnen: Die Royal Commission on Antisemitism and Social Cohesion startet ihre ersten öffentlichen Anhörungen. In den kommenden Monaten sollen zahlreiche Betroffene ihre persönlichen Erfahrungen schildern und damit zur Untersuchung der wachsenden Judenfeindlichkeit im Land beitragen. Die Australian Broadcasting Corporation und andere australische Medien berichteten.
Den Auftakt der Anhörungen bildet eine Reihe von Sitzungen in Sydney. Bereits im Vorfeld hatten tausende Menschen Eingaben gemacht. Die Kommission war kurz nach dem Terroranschlag Anschlag vom Bondi Beach eingesetzt worden. Dabei waren am 14. Dezember 15 Menschen ermordet worden.
Die Vorsitzende der Kommission, Virginia Bell, hatte erst vor wenigen Tagen einen Zwischenbericht vorgelegt. Darin formulierte sie 14 Empfehlungen, die unter anderem auf eine bessere Terrorabwehr und stärkere gesellschaftliche Resilienz abzielen.
Persönliche Konsequenzen
Gleichzeitig machte Bell deutlich, dass zentrale Fragen noch offen seien – etwa zur Sicherheitslage bei der angegriffenen Chanukkahfeier. Diese Punkte sollen nun im Rahmen der Anhörungen genauer untersucht werden.
Zu den Zeugen gehört auch der bekannte Journalist und Autor Michael Gawenda. Er schilderte, wie sich Antisemitismus nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 auf sein berufliches und privates Leben ausgewirkt habe.
In seiner Eingabe schrieb er: »Buchhandlungen schienen zunächst interessiert, mich einzuladen. Aber nach dem 7. Oktober wurden diese Termine abgesagt, meist mit der Begründung, dass sich Mitarbeiter nicht sicher fühlten, ein jüdisches Buch auf diese Weise zu präsentieren.« Auch im Kulturbetrieb habe er Ausgrenzung erlebt: »Ich wurde zu keinem der großen Literaturfestivals eingeladen – weder in Melbourne noch in Sydney oder Adelaide.«
»Freundschaften sind zerbrochen«
Neben beruflichen Folgen beschreibt Gawenda auch persönliche Einschnitte. »Für mich sind Freundschaften zu Ende gegangen«, erklärte er. Menschen aus seinem Umfeld hätten sich zurückgezogen, selbst als die Zahl antisemitischer Angriffe zunahm.
Besonders belastend sei die öffentliche Wahrnehmung gewesen: »Ich wurde auf einen zionistischen Unterstützer eines angeblich völkermörderischen Israel reduziert.«
Zum Auftakt der Anhörungen werden auch Sheina Gutnick, deren Vater bei dem Anschlag getötet wurde, sowie Alex Ryvchin aussagen. Beide sollen ihre Perspektiven auf die Entwicklung antisemitischer Vorfälle schildern.
Sensible Informationen
Die Kommission kündigte an, dass einige Anhörungen hinter verschlossenen Türen stattfinden könnten. Dabei gehe es um sensible Informationen, etwa aus dem Bereich der nationalen Sicherheit oder laufender Ermittlungen.
Die Untersuchungen sollen sich über mehrere Monate erstrecken. Der Abschlussbericht ist für Mitte Dezember vorgesehen – rund ein Jahr nach dem Anschlag, der die Einsetzung der Kommission ausgelöst hatte. im