Toronto

Mark Carney: »Unsere Gesellschaft versagt gegenüber jüdischen Kanadiern«

Kanadas Premierminister Mark Carney am Montag (Ortszeit) in der Synagoge »Holy Blossom Temple« in Toronto Foto: picture alliance / Chris Young/The Canadian Press via AP

Kanadas Premierminister Mark Carney hat in einer Grundsatzrede in Toronto vor einem starken Anstieg antisemitischer Vorfälle im Land gewarnt und zugleich neue Maßnahmen seiner Regierung angekündigt. Im Mittelpunkt steht die Einrichtung eines bundesweiten Beratungsgremiums, das Hasskriminalität und Diskriminierung systematisch bekämpfen soll. Die öffentlich-rechtliche CBC berichtete.

Carney sprach in der Synagoge »Holy Blossom Temple«, einer reformistischen Gemeinde in Toronto, und zeichnete ein alarmierendes Bild der aktuellen Entwicklung. Nach seinen Worten funktioniert der gesellschaftliche Zusammenhalt Kanadas nicht mehr verlässlich für jüdische Bürger. Wörtlich sagte er: »Unsere Gesellschaft versagt gegenüber jüdischen Kanadiern.« Sollte dieser Bruch eine einzelne Gemeinschaft treffen, betreffe er letztlich die gesamte Gesellschaft.

Der Premier verwies auf eine Reihe jüngster Vorfälle, darunter Angriffe auf jüdische Einrichtungen, Drohungen und gewaltsame Übergriffe. Die Zahl antisemitischer Straftaten habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen und erreicht laut Carney ein Niveau, das seit der Nachkriegszeit nicht mehr beobachtet wurde. Besonders betroffen seien Schulen, Synagogen sowie jüdische Gemeindezentren und Unternehmen.

Kleiner Bevölkerungsanteil

Nach Angaben von jüdischen Organisationen wurden im vergangenen Jahr Tausende antisemitische Vorfälle registriert. Carney betonte, dass sich die Mehrzahl der religiös motivierten Hassverbrechen in Kanada gegen eine Gemeinschaft richte, die nur einen sehr kleinen Bevölkerungsanteil ausmache. Diese Entwicklung gefährde die pluralistische Grundordnung des Landes, warnte er.

Lesen Sie auch

Als Reaktion kündigte Carney die Einrichtung eines neuen Ministerialrats für Rechte, Gleichstellung und Integration an. Das Gremium soll von dem ehemaligen Senator Marc Gold geleitet werden und eine koordinierte Regierungsstrategie gegen verschiedene Formen von Hass entwickeln, darunter Antisemitismus, Rassismus und andere Formen gruppenbezogener Diskriminierung.

Der Premier stellte zugleich klar, dass die Maßnahmen nicht auf Einschränkungen der Meinungsfreiheit abzielen. Kritik an der Regierung solle weiterhin uneingeschränkt möglich bleiben. Vielmehr gehe es um eine gezielte Bekämpfung von Gewalt, Einschüchterung und Diskriminierung.

Umfassenderes Bild

Das neue Gremium ersetzt mehrere bisherige Stellen, die sich separat mit Religionsdiskriminierung befasst hatten. Diese werden zusammengelegt, um die Koordination innerhalb der Regierung zu verbessern und eine einheitliche Strategie zu entwickeln.

Carney kündigte zudem an, dass der Rat Daten zu Hassverbrechen systematischer erfassen und die Wirksamkeit staatlicher Maßnahmen besser evaluieren soll. Die Regierung wolle damit ein umfassenderes Bild der Lage gewinnen und gezielter reagieren können.

Die Opposition reagierte mit Kritik und forderte eine deutlich schärfere politische Aufarbeitung der vergangenen Jahre. Vertreter der Konservativen warfen der Regierung vor, nicht ausreichend gegen die zunehmende Gewalt gegen jüdische Kanadier vorgegangen zu sein, und verlangten eine Entschuldigung.

Carney selbst betonte zum Abschluss seiner Rede, Kanada müsse aus historischen Erfahrungen lernen und entschlossener handeln. Ziel sei ein Land, in dem jüdische Kanadier ihr Leben offen und ohne Angst in der Öffentlichkeit führen können. im

Bonn

Bundeszentrale für politische Bildung streicht Studienreisen nach Israel

 04.08.2026

Berlin

Nach antisemitischer Beschimpfung: Polizeilicher Staatsschutz ermittelt

Nach Beleidigungen gegenüber Gästen und Beschäftigten des jüdischen Kulturschiffs MS Goldberg auf dem Berliner Wannsee hat die Polizei Ermittlungen wegen Volksverhetzung aufgenommen

 04.08.2026

Kommentar

Politische Pünktchensammler

Ewig bewegte Palästina-Aktivisten wie Javier Bardem und israelische Politiker nutzen den Massenansturm auf Ceuta für politisch unwürdige Spielchen

von Nils Kottmann  04.08.2026

Justiz

Israel-Kritik mit Swastika und Davidstern? Könnte durchgehen

Für das Pfälzische Oberlandesgericht ist Schmähkritik an Israel samt Verwendung von Hakenkreuzen und Holocaustvergleichen nur dann strafbar, wenn die Gegnerschaft zur NS-Ideologie nicht offensichtlich ist. Vielen geht das Urteil zu weit

von Michael Thaidigsmann  04.08.2026

Spanien

Hakenkreuz auf Maimonides-Statue in Córdoba geschmiert

Der Bürgermeister der Stadt verurteilte den Vorfall scharf und sprach von einem Hasssymbol mit einer besonders schwerwiegenden Botschaft

 04.08.2026

Magdeburg

Dieter Hallervorden, Sven Schulze und der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt

Die Christdemokraten setzen bei ihrem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt auf Unterstützung des anti-israelischen Komikers Dieter Hallervorden

 04.08.2026

Berlin

Mehr als 1000 Juristen sprechen sich für AfD-Verbotsverfahren aus

Die Experten haben einen offenen Brief an die Bundesregierung und die Bundestagsabgeordneten unterzeichnet

 04.08.2026

Potsdam

Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye ist tot

Der Journalist und Autor prägte als Gründer von »Gesicht Zeigen!« den Kampf gegen Rechtsextremismus. Nun ist seine Stimme verstummt

 04.08.2026

Dessau-Roßlau

Schulze: Ich habe eine andere Meinung zum Thema Völkermord

Auftritte des Kabarettisten Dieter Hallervorden bei CDU-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt hatten bei den Christdemokraten teils für große Irritationen gesorgt. Der Spitzenkandidat verteidigt das Format

 04.08.2026 Aktualisiert