Düsseldorf

Die Wunde - 25 Jahre Wehrhahn-Anschlag

Foto: picture alliance / Marcel Kusch/dpa

Der Sprengsatz war in einer Plastiktüte versteckt: Am 27. Juli 2000 gegen 15.04 Uhr explodiert am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn eine Rohrbombe und richtet ein Blutbad an. Metallsplitter fliegen bis zu 100 Meter weit, einer durchbohrt ein ungeborenes Baby im Bauch seiner Mutter und tötet es. Unter den zehn Verletzten sind mehrere jüdische Einwanderer aus Osteuropa.

In der Folgezeit des weltweit beachteten Anschlags schnellen die rechtsradikalen Straftaten in Deutschland in die Höhe. 25 Jahre später steigen sie wieder in die Höhe – und immer noch ist unklar, wer die Bombe gelegt hat. Für viele ist das schmerzhaft wie eine offene Wunde.

Zum 25. Jahrestag des Wehrhahn-Anschlags am 27. Juli ist eine Gedenkveranstaltung geplant, unter anderem mit der Antisemitismusbeauftragten des Landes NRW, Sylvia Löhrmann.

Freispruch rechtskräftig

Der Rechtsradikale, der wegen des Anschlags erst viele Jahre später vor Gericht kam, hat inzwischen einen rechtskräftigen Freispruch in der Tasche. 2021 hatte der Bundesgerichtshof (BGH) den Freispruch des Landgerichts von 2018 bestätigt.

Der Freispruch sei rechtsfehlerfrei begründet, sagte der Vorsitzende BGH-Richter Jürgen Schäfer bei der Urteilsverkündung. Die Beweiswürdigung sei grundsätzlich Sache des Tatrichters und vom BGH hinzunehmen - selbst in Fällen, in denen ein anderer Schluss nähergelegen hätte.

Im Gegensatz zum Landgericht hatte der damalige Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück keine Zweifel an der Täterschaft des Rechtsradikalen, für den er wegen »erdrückender Beweislage« lebenslange Haft beantragt hatte. Heute hat er wenig Hoffnung, dass der Fall noch einmal aufgerollt werden könnte.

Fingerabdrücke verdampft

Fingerabdrücke oder DNA-Spuren waren durch die Hitze der Explosion buchstäblich verdampft. Anders als in vielen Cold Cases gebe es daher keine eindeutigen Spuren. »Es bräuchte daher schon ein Geständnis oder eine Zeugenaussage mit Täterwissen, womit nach dem Ablauf von 25 Jahren prognostisch eher nicht mehr zu rechnen ist«, sagte Herrenbrück der Deutschen Presse-Agentur.

Lesen Sie auch

1500 Menschen wurden wegen des Wehrhahn-Anschlags befragt, mehr als 300 Spuren verfolgt, 450 Beweisstücke eingesammelt. Ein Militaria-Händler, der in der Nähe wohnte, geriet schon bald ins Visier der Ermittler, wird aber auch schnell wieder freilassen. Später werden Ermittlungsfehler bekannt: Ausgerechnet die erste Durchsuchung bei ihm sei eher ein »Stuben-Durchgang« gewesen, kritisierte ein Ermittler.

Die Ermittlungen verlaufen im Sand. Doch dann gibt ein Gefangener in einem NRW-Gefängnis zu Protokoll, ein Mithäftling habe ihm gegenüber damit geprahlt, er habe »an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt«.

Indizien-Prozess

Der Mithäftling ist jener rechtsradikale Militaria-Händler. Die Sprachschule, in die die Opfer gingen, lag gegenüber seinem Laden, und es hatte zuvor Ärger gegeben zwischen Sprachschülern und der Skinhead-Kundschaft seines Ladens.

Das brachte die Ermittlungen um den Bombenanschlag nach Jahren wieder in Gang. Sie mündeten in einen Indizien-Prozess. Doch das Gericht schenkte dem Mithäftling später genauso wenig Glauben wie den Ex-Freundinnen des Angeklagten, die ausgesagt hatten, er habe dunkle Ankündigungen gemacht. Eine will sogar die Bombe in der Wohnung des Verdächtigen gesehen haben.

Zwei Jahre nach dem Anschlag war in einem Wohnmobil am Düsseldorfer Rheinufer Sprengstoff vom Typ TNT sichergestellt worden – und eine Schachtel für sechs elektronische Zünder – ein Zünder fehlt. Es ist das Wohnmobil eines Bekannten des verdächtigen Militaria-Händlers.

Zünder in Wohnung

Die Bedienungsanleitung für den Zünder fand sich nach dem Anschlag in seiner Wohnung. Eine Zeugin hatte bei der Detonation einen Mann am Tatort auf einem Stromkasten sitzen sehen, der nach der Explosion verschwand und dem damaligen Angeklagten ähnelte.

»Die Ähnlichkeit belastet den Angeklagten am stärksten«, stellte der Richter fest. Für eine Verurteilung reiche das alles aber nicht, auch wenn der Fremdenhass des Angeklagten gut belegt sei und er ständig gelogen habe.

Für die Opfer habe der Anschlag das Leben von einer Sekunde auf die andere verändert, bemerkte der BGH-Richter vor vier Jahren. Viele litten immer noch unter den Folgen.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Berlin

Amnesty International ruft Hamas zum Ende der Gewalt auf

Gewalt und außergerichtliche Hinrichtungen durch die Terrororganisation auch gegen Palästinenser kommen laut UN regelmäßig vor. Menschenrechtler fordern ein sofortiges Ende dieser Verbrechen

von Anna Mertens  21.08.2026

Erfurt

Deutsch-israelischer Jugendaustausch kommt nicht voran

Thüringens Antisemitismusbeauftragter Michael Panse sieht strukturelle und politische Gründe. Auch ein Austauschprogramm stockt

von Matthias Thüsing  21.08.2026

Wahlkampf der AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund

Magdeburg

Wie sich die AfD auf eine mögliche Regierung vorbereitet

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte der rechtsextremistischen AfD erstmals den Weg in eine Landesregierung öffnen. Mit Schulungen, einem Personalpool und Hilfe aus Österreich bereitet sie sich seit langem darauf vor

von Jörg Ratzsch  21.08.2026

Berlin

Bezirk prüft Entzug der Zulassung von antisemitischem Influencer als Berufsbetreuer

Auf Instagram verbreitet er Judenhass und Verschwörungsmythen, im Job soll er Berufstätige mit Herausforderungen betreuen. Passt das zusammen?

 21.08.2026

Iran-Konflikt

Nach Berichten über Missstände: US-Flugzeugträger »USS George Washington« löst Pannenschiff ab

Die »USS Abraham Lincoln« ist seit Monaten im Mittleren Osten eingesetzt und hat zuletzt wegen erheblicher Probleme an Bord Schlagzeilen gemacht. Nun ist ein neuer Flugzeugträger in der Region angekommen

 21.08.2026

Benjamin Graumann Jüdische Gemeinde Frankfurt

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  21.08.2026

Berlin/Brüssel/Jerusalem

Sieben Staaten und EU verlangen Stopp von Siedlungsprojekt im Westjordanland

Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien und weitere Länder fordern Israel auf, die geplante Bebauung zu stoppen. Die EU bereitet offenbar ein Sanktionspaket vor

 21.08.2026

Khan Younis

Israel wirft Hamas Folter in Klinik vor

Die Terrororganisation soll ein Krankenhaus im Süden des Gazastreifens als Folterzentrale nutzen, um ihre Macht über die Bevölkerung auszubauen

 20.08.2026