Berlin

Antisemitismus: Bundesverband Rias erfasst 8725 Vorfälle

Vorstellung des Jahresbericht Antisemitische Vorfälle in Deutschland: Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für den Kampf gegen Antisemitismus, Laura Cazés, Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Benjamin Steinitz, geschäftsführender Vorstand des Bundesverbands RIAS, Bianca Loy, wissenschaftliche Referentin beim Bundesverband RIAS Foto: picture alliance / dts-Agentur

Die Meldestellen des Bundesverbands Rias haben im vergangenen Jahr 8725 antisemitische Vorfälle erfasst. Das waren in etwa so viele wie 2024, aber mehr als dreimal so viele wie im Jahr vor dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. Wie schon 2024 ordnet Rias mehr als zwei Drittel der Vorfälle (68 Prozent oder 5916 Fälle) israelbezogenem Antisemitismus zu. Die Zahl der Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund wuchs laut Rias deutlich von 562 auf 807, ein Anteil von neun Prozent.

Das Ausmaß antisemitischer Vorfälle bleibe sehr groß und eine Trendwende sei nicht in Sicht, schreibt Rias in seinem Jahresbericht. »Für Jüdinnen und Juden in Deutschland blieb Antisemitismus damit auch 2025 ein alltagsprägendes Phänomen.«

Rias steht für Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus. Die Stellen in zwölf Bundesländern dokumentieren und prüfen Fälle, die Betroffene oder Zeugen melden. Es sind also nicht nur strafbare Taten wie Angriffe, Bedrohungen oder Beleidigungen, sondern auch verletzende oder einschüchternde Äußerungen und Vorfälle im Alltag und im Internet.

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Schuster reagiert

Insgesamt vier Fälle »extremer Gewalt« wurden laut Rias bekannt - im Vergleich zu acht Fällen im Jahr davor. Darunter war 2025 zum Beispiel der Messerangriff eines inzwischen verurteilten Islamisten auf einen Touristen am Holocaust-Mahnmal in Berlin, wo der Täter Juden vermutete. Rias dokumentierte zudem 178 andere Angriffe (im Vergleich zu 187 im Jahr davor), 257 Bedrohungen (302) und 413 gezielte Sachbeschädigungen (447).

In all diesen Kategorien zeigt die Rias-Statistik also einen Rückgang im Vergleich zu 2024. Fast 180 Fälle mehr entfielen hingegen auf die Kategorie »verletzendes Verhalten« - 2025 waren es 7.770 nach 7.593 im Jahr davor. Zum Vergleich: Für 2022 meldete Rias noch 2.007 solcher Vorfälle.

In einem Gespräch mit der »Neuen Osnabrücker Zeitung« reagierte Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, auf die Rias-Zahlen: »Die inzwischen fast alltägliche Präsenz des Judenhasses führt zur Bildung einer ›neuen Normalität‹, in der jüdisches Leben aus der Öffentlichkeit gedrängt wird und nur unter immensen Schutzanstrengungen möglich ist. Der RIAS-Jahresbericht muss deshalb Weckruf und Auftrag für Politik und Zivilgesellschaft sein. Denn um diesen Trend umzukehren, sind enorme Anstrengungen nötig.«

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Legitimierte Gewalt

Schuster fügte hinzu: »8725 antisemitische Vorfälle, circa 24 pro Tag - das sind keine statistischen Ausreißer, es ist die bedrückende Realität in Deutschland.« Der Jahresbericht von Rias mache deutlich, dass von einer Beruhigung der Lage keine Rede sein könne. Stattdessen gebe es eine Verfestigung des Antisemitismus auf Rekordniveau.

Für den Verband Rias erklärte dessen Geschäftsführer Benjamin Steinitz, Antisemitismus treffe Jüdinnen und Juden im Alltag. Er werde offen und aggressiv geäußert, Juden und politische Gegner würden eingeschüchtert, während die Anwendung von Gewalt legitimiert werde. »Die fortschreitende Normalisierung des Antisemitismus bedroht die demokratische Kultur als Ganzes. Es braucht nicht nur ein entschlossenes Handeln von Staat, Justiz und Verwaltung, sondern auch eine resiliente Zivilgesellschaft.«

Felix Klein, der scheidende Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, erklärte Antisemitismus sei in Deutschland scheinbar ungebremst auf dem Vormarsch. »Rias macht sichtbar, was sonst unsichtbar bliebe. Ohne diese Arbeit könnten wir über viele Entwicklungen nicht mit der notwendigen Klarheit sprechen. Denn Antisemitismus bedroht nicht nur Jüdinnen und Juden. Er bedroht unsere Demokratie, unsere Freiheit und den moralischen Kern unserer Republik.«

Laura Cazés von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden kritisierte, antisemitische Narrative und Bedrohungen im Netz blieben aus Sicht von Betroffenen zu oft folgenlos. Ihr Recht auf gesellschaftliche Teilhabe und ihr Sicherheitsempfinden werde dadurch massiv beeinträchtigt. dpa/ja

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