Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Nelly Eliasberg Foto: WerteInitiative

Kommentar

Der Judenhass hat Platz genommen

Antisemitismus ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem

von Nelly Eliasberg  17.06.2026 08:13 Uhr

»Antisemitismus hat keinen Platz in unserer Gesellschaft!« Diesen Satz haben wir oft gehört und gesagt. Und er ist gelogen. Den Beleg dafür liefert der RIAS-Jahresbericht, der eine Verstetigung des dramatisch hohen Antisemitismus-Niveaus und eine bittere Wahrheit zeigt: Judenhass ist angekommen.

Antisemitismus hat gleich mehrere Plätze in unserer Gesellschaft: auf Demonstrationen, in Universitäten, in Schulen, in Kommentarspalten, in Redaktionen, in Kulturhäusern, in Landesverbänden und Parteijugenden, in Moscheevereinen, im Internet, an Hauswänden, in Cafés, auf Flohmärkten und manchmal auch in Therapiesitzungen. Weil man ihn hat Platz nehmen lassen. Man hat ihn umbenannt, wegerklärt, einordnet, relativiert und externalisiert.

<strong>Schuld sind immer die abstrakten anderen</strong>

Der RIAS-Bericht beziffert diese Lebenslüge. 8725 antisemitische Vorfälle verzeichnete die Meldestelle 2025, das sind knapp 24 pro Tag. Hinter den kühlen Zahlen stecken erschütternde, traumatische oder gar lebensbedrohliche Erfahrungen von Menschen, die für ihre tatsächliche oder zugeschriebene jüdische (»zionistische«) Identität beleidigt, bedroht oder attackiert wurden. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft reagiert darauf mit einer Mischung aus Hilflosigkeit, Ignoranz und Abwehr. Betroffen? Ja, schlimm dieser Antisemitismus. Verantwortlich? Sind die abstrakten anderen.

Von Rechtsextremisten und Reichsbürgern, bestenfalls von ausgewiesenen Islamisten und Linksextremisten, von drauß’ vom Walde kommt der Judenhass her – nur nicht aus dem eigenen Umfeld. Ein großer Teil der Debatte klammert sich nicht nur an ein unzeitgemäßes Bild von Antisemitismus, sondern an die Vorstellung, er sei extremistisch. Dass er vom Lehrer, von der Professorin, vom Barista, vom Taxifahrer oder der Journalistin kommen kann, ist für viele nur schwer zu akzeptieren.

Zu deutlich wären die Parallelen zu den Horrorgeschichten der 1930er Jahre, als die Lage zuerst für Juden, dann für andere Gruppen und schlussendlich für die Welt toxisch wurde. Zu aufdringlich die Antwort auf die Frage »Wie konnte das damals passieren?«. Was Juden heute im Gegensatz zu damals schützt: Staatsräson und Israel. Beides steht massiv unter Druck.

<strong>Es wird umbenannt, wegdefiniert und abgelenkt</strong>

68 Prozent aller dokumentierten Vorfälle ordnet der aktuelle RIAS-Jahresbericht dem israelbezogenen Antisemitismus zu. Doch statt das als Epizentrum des Problems zu behandeln, wird umbenannt, wegdefiniert und abgelenkt. Es tobt ein Kampf um die Deutungshoheit über den Antisemitismusbegriff. Hat Antizionismus etwas mit Antisemitismus zu tun? Ist es Meinungsfreiheit, zur Vernichtung Israels und aller Zionisten aufzurufen? Jerusalem Declaration oder IHRA-Definition?

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Während unsere Gesellschaft diese und ähnliche Scheindebatten führt, gewöhnt sie sich daran, dass pro Stunde ein antisemitischer Vorfall passiert. Viele dieser Vorfälle durch »Israelkritik« und Antizionismus legitimiert, erklärt und wegdefiniert. Die Frage nach der Definition von Antisemitismus ist keine akademische Erbsenzählerei, sondern ob jüdische Lebensrealitäten einbezogen werden. Und ob Betroffenenperspektiven gehört oder arrogant abgekanzelt werden.

<strong>Judenhass ist ein Demokratieproblem</strong>

Judenhass ist kein Minderheitenproblem und ganz sicher nicht nur ein Judenproblem. Er ist ein Demokratieproblem. Er folgt eigenen (Pseudo-)Logiken und darf niemals etwa als Unterkategorie eines allgemeinen Rassismusbegriffs unsichtbar und unangreifbar gemacht werden. Er ist ein Virus, das das Immunsystem der Gesellschaft befällt und Schutzmechanismen erodieren lässt.

Mehr noch: das derart befallene Immunsystem der Gesellschaft richtet sich gegen sie selbst. Dieses Virus hat die deutsche Gesellschaft – und mit ihr die Welt – schon einmal an den Rand der Vernichtung geführt. Das ist leicht zu erkennen, ob man Juden mag oder nicht. »Mögen« ist irrelevant. Die in unserer demokratischen Verfassung festgeschriebenen Prinzipien, auf die wir uns nach dem zivilisatorischen Totalversagen des 20. Jahrhunderts geeinigt haben, erfordern keine Emotionen. Nur die Erkenntnis eines schlichten und mächtigen Kernprinzips der westlichen Zivilisation: Niemand darf aufgrund der Identität willkürlich gejagt, bedroht und attackiert werden.

Verletzt die Gesellschaft dieses Prinzip durch Handeln oder Unterlassen, verletzt sie das Fundament, auf dem sie gebaut ist. Unsere wehrhafte Demokratie hat die Mittel und die Pflicht, ihre Prinzipien durchzusetzen. Das kann und muss sie tun. Der RIAS-Bericht hilft dabei, denn er liefert nicht nur Zahlen und Analysen. Er ist ein Bollwerk gegen den Versuch, Judenhass unsichtbar zu machen. 

Die Autorin ist Sprecherin der WerteInitiative und lebt in Berlin. 

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