Die Zahl antisemitischer Vorfälle in Nordrhein-Westfalen ist im vergangenen Jahr erneut deutlich gestiegen. Nach Angaben der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) wurden 2025 insgesamt 1102 Vorfälle dokumentiert. Das entspricht einem Anstieg von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr, als 940 Fälle registriert worden waren.
Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits seit mehreren Jahren zu beobachten ist. Während 2022 durchschnittlich noch fünf antisemitische Vorfälle pro Woche erfasst wurden, lag dieser Wert 2025 bereits bei 21 Fällen. Im Jahr zuvor waren es 18 Vorfälle pro Woche gewesen.
Besonders besorgniserregend ist nach Einschätzung von RIAS NRW die zunehmende Schwere der Vorfälle. Die Zahl der dokumentierten Bedrohungen stieg um 50 Prozent auf 33 Fälle. Noch deutlicher fiel der Anstieg bei antisemitischen Angriffen aus: Hier wurden 32 Vorfälle registriert, ein Plus von 78 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
»Bedrohungen und Ausgrenzung«
Bei der Vorstellung des Jahresberichts erklärte Nordrhein-Westfalens Familien- und Integrationsministerin Verena Schäffer: »Der massive Anstieg von antisemitischen Vorfällen in Nordrhein-Westfalen, insbesondere seit dem 7. Oktober 2023, erschüttert mich zutiefst. Jüdinnen und Juden erleben in unserem Land immer häufiger Hass, Bedrohungen und Ausgrenzung.«
Die Ministerin warnte davor, Antisemitismus allein auf strafrechtlich relevante Taten zu reduzieren. »Antisemitismus beginnt nicht erst bei Straftaten, sondern bei diskriminierendem und verletzendem Verhalten«, sagte sie. Deshalb müsse antisemitischen Einstellungen und Parolen überall entschlossen widersprochen werden.
Nach den Erkenntnissen von RIAS NRW ereigneten sich die meisten Vorfälle im öffentlichen Raum. Allein auf Straßen und Plätzen wurden 465 Fälle registriert. Hinzu kamen 140 Vorfälle an Bildungseinrichtungen und 132 im Internet.
Anfeindungen durch Nachbarn
Besonders auffällig ist die Entwicklung im unmittelbaren Wohnumfeld von Betroffenen. Dort stieg die Zahl antisemitischer Vorfälle von 20 auf 43 Fälle und damit um 115 Prozent. Betroffene berichteten unter anderem von Anfeindungen durch Nachbarn, antisemitischen Schmierereien an Wohnhäusern und gezielten Sachbeschädigungen.
Auch Synagogen und jüdische Einrichtungen gerieten häufiger ins Visier. Während 2024 lediglich drei Vorfälle an oder in Synagogen dokumentiert wurden, registrierte RIAS NRW im vergangenen Jahr 21 Fälle. Dazu gehörten antisemitische Aufkleber, Hassbotschaften sowie antisemitische Zurufe im Umfeld von Synagogen.
Der Leiter von RIAS NRW, Jörg Rensmann, sieht darin ein Zeichen für eine zunehmende gesellschaftliche Verankerung von Judenhass. »Die von uns registrierten antisemitischen Vorfälle zeigen, dass antisemitische Einstellungen längst nicht auf einzelne politische Milieus begrenzt sind«, sagte er. Antisemitismus verbinde unterschiedliche politische und weltanschauliche Lager und werde zunehmend normalisiert.
Antiisraelischer Aktivismus
Den größten Anteil der dokumentierten Vorfälle machte erneut der israelbezogene Antisemitismus aus. In 753 Fällen und damit bei mehr als der Hälfte aller Meldungen spielte er eine Rolle. Gegenüber 2024 bedeutet dies einen Anstieg um 28 Prozent. RIAS NRW verweist darauf, dass sich seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 antisemitische Narrative zunehmend mit Debatten über Israel und den Nahostkonflikt vermischen.
Ein weiterer Schwerpunkt des Berichts sind antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen. RIAS NRW wurden 248 Versammlungen mit antisemitischen Inhalten bekannt. Rund drei Viertel davon standen in Zusammenhang mit dem 7. Oktober 2023 oder dem weiteren Kriegsverlauf im Nahen Osten.
Als häufigstes politisches Umfeld antisemitischer Vorfälle identifizierte RIAS NRW erneut den antiisraelischen Aktivismus mit 249 Fällen. Gleichzeitig wurde eine Verdopplung antisemitischer Vorfälle im linken beziehungsweise antiimperialistischen Spektrum registriert. Auch Vorfälle mit rechtsextremem sowie islamischem oder islamistischem Hintergrund nahmen zu.
Erhebliches Dunkelfeld
Der Geschäftsführer der Kölner Synagogengemeinde, Oren Osterer, verwies auf die konkreten Folgen für den Alltag jüdischer Menschen. »Die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in Köln ist für unsere Gemeinde deutlich spürbar«, sagte er. Besonders besorgt sei man über die Entwicklung an Schulen, wo vermehrt antisemitische Übergriffe und verbale Angriffe gemeldet würden.
Osterer betonte zugleich, dass Antisemitismus nicht nur Juden betreffe. »Antisemitismus betrifft nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch Personen, die sich solidarisch zeigen. Damit bedroht Antisemitismus uns alle.«
RIAS NRW geht zudem davon aus, dass die tatsächliche Zahl antisemitischer Vorfälle noch deutlich höher liegt. Trotz wachsender Bekanntheit der Meldestelle sei weiterhin von einem erheblichen Dunkelfeld auszugehen. Die dokumentierten Fälle zeigten jedoch bereits jetzt, dass sich Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen zunehmend verfestigt und immer offener zutage tritt. im
Der komplette Bericht über antisemitische Vorfälle in Nordrhein-Westfalen ist hier einsehrbar.