Kommentar

Wir müssen unsere Kinder schützen

Raphael Evers war einst Oberrabbiner der Niederlande und lebt heute in Israel. Foto: Jan Feldmann

Kommentar

Wir müssen unsere Kinder schützen

In Israel wurde ein 14-jähriger Junge bei Protesten gegen die Wehrpflicht von einem Bus erfasst und getötet. Hier reflektiert ein orthodoxer Rabbiner aus Jerusalem, was sich ändern muss

von Rabbiner Raphael Evers  12.01.2026 13:40 Uhr

Ich sah das Foto von Yosef Eisenthal, der am 6. Januar während einer Demonstration hier in Jerusalem von einem Bus erfasst wurde, dessen Fahrer in Panik geraten war. Yosef starb noch am Unfallort. Auf dem Foto sah er so unschuldig aus, so glücklich und kindlich. Er war erst 14 Jahre alt, kaum hatte er seine Bar-Mizwa gefeiert.

So jäh aus dem Leben gerissen zu werden, ist entsetzlich. Unweigerlich kommen die Erinnerungen an meinen eigenen Bruder Sem zurück, der im Alter von 17 Jahren an einem Freitagmorgen auf dem Weg zur Synagoge von einem betrunkenen Autofahrer überfahren wurde.

Die ganze Familie, vor allem aber meine Mutter, hat eine unvorstellbar schwere Zeit der Trauer durchlebt. »Warum gerade so ein lieber, guter Junge?« und »Warum so früh?« – diese Fragen bleiben im menschlichen Leben leider unbeantwortet. Der schmerzhafte Verlust, das Loch im Herzen, bleibt.

Die Umstände, unter denen Yosef starb, sind beunruhigend.

Es wäre düster und unangemessen, den Unfall in Jerusalem im Kontext der Demonstration zu »politisieren«, bei der Yosef Eisenthal anwesend war – der Protest gegen die Regierungsentscheidung, ultraorthodoxe Wehrdienstverweigerer strenger zu belangen. Die Umstände, unter denen Yosef starb, sind jedoch beunruhigend.

Demonstrationen und politische Proteste sind eine legitime Form gesellschaftlichen Ausdrucks, dürfen jedoch niemals in Situationen münden, in denen Menschenleben in Gefahr geraten. Die Fotos und Zeugenaussagen der chaotischen Szene rund um den Bus zeigen, wie schnell eine Menschenmenge und ein Fahrzeug mit tragischen, tödlichen Folgen aufeinanderprallen können.

Der Tod von Yosef ist vor allem eine menschliche Tragödie – und zugleich eine dringende Aufforderung zur Reflexion darüber, wie gesellschaftliche Spannungen in geordnete Bahnen gelenkt werden können, wie Demonstrationen besser kontrolliert und Risiken für Bürgerinnen und Bürger in zukünftigen Konflikten verringert werden können.

Eine vergiftete Debatte

Hinzu kommt die wachsende Toxizität der Debatte um die Wehrpflicht, eine regelrechte »Vergiftung des Diskurses«, in der sich die Gegensätze zwischen den verschiedenen Gruppen im gespaltenen Israel immer weiter verhärten.

Israel ist ein Land, das seit seiner Gründung mit existenziellen Spannungen konfrontiert ist. Militärdienst, Sicherheit und religiöse Identität sind hier keine abstrakten Begriffe, sondern Teil des täglichen Lebens.

Militärdienst, Sicherheit und religiöse Identität sind hier keine abstrakten Begriffe, sondern Teil des täglichen Lebens.

Gerade deshalb tragen wir als Eltern eine besondere Verantwortung: unsere Kinder eindringlich zu warnen und uns feierlich zu verpflichten, sie von Situationen fernzuhalten, in denen Massenpanik und physische Gewalt wie ein Flächenbrand ausbrechen und in blanke Lebensgefahr umschlagen können. Kinder dürfen niemals zu menschlichen Schutzschilden werden – weder moralisch noch physisch.

Der Schutz des Lebens steht über fast allen anderen Geboten

Die jüdische Tradition kennt den Wert des Lebens als höchsten Maßstab. Pikuach Nefesch – die Rettung und der Schutz von Leben – steht über fast allen anderen Geboten. Mir wird innerlich eiskalt und ich erstarre, wenn ich daran denke, dass ein Kinderleben auf diese Weise enden musste.

Ich schließe mit einem Gedanken von Rabbi Natan von Breslav: »Gib mir den Verdienst, Dir auch in Tagen der Verhüllung und der Kleinheit zu dienen.« So werden diese kalten Tage in Jerusalem für mich zu einem tiefen Gleichnis: Äußerlich herrscht Starre und Stillstand, doch innerlich beginnt schon die Vorbereitung. In der Breslaver Sicht ist es gerade diese Zeit, in der die Seele lernt, HaSchem, G‘tt, nicht wegen seiner Güte, wegen seines Lichtes und der Wärme zu dienen, sondern wegen der Wahrheit selbst. Unter dem Schnee wächst bereits der nächste Frühling.

Raphael Evers ist in Amsterdam geboren, diente als Oberrabbiner der niederländischen Gemeinde, entscheidet als Dayan im Beith Din der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland und lebt in Jerusalem.

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