Nur wenige Stunden, nachdem israelische Medien über eine dramatische Warnung von Generalstabschef Eyal Zamir vor den Folgen der Gewaltexzesse von Siedlern gegen palästinensische Zivilisten berichtet hatten, kam es im Westjordanland zu einem weiteren Vorfall mit tödlichen Konsequenzen.
Wie die israelische Zeitung »Times of Israel« am Donnerstagabend meldete, sollen jüdische Extremisten einen Freizeitpark gestürmt und dabei einen palästinensischen Wachmann gejagt haben. Der 60-Jährige sei anschließend einem Herzinfarkt erlegen. Im Zentrum des Westjordanlands sollen Siedler zudem ein Auto angezündet haben, in einem Dorf in der Nähe von Nablus hätten sie palästinensische Bewohner mit Pfefferspray angegriffen. Auch in Hebron seien zwei Autos von Siedlern in Brand gesteckt worden.
Und nach dem Angriff jüdischer Extremisten auf das Beduinendorf Khallet a-Sidra im zentralen Westjordanland im Januar 2026, berichtete die Zeitung am Freitag, seien die Dorfbewohner geflohen und hätten nach deren Angaben bisher nicht zurückkehren dürfen. Laut Angaben der israelischen Armee (IDF) sind die Polizei und der Geheimdienst Schin Bet für die Ermittlungen verantwortlich.
Es geht längst nicht mehr »nur« um Brandstiftung an Autos, Häusern und Olivenhainen
Es geht längst nicht mehr »nur« um Brandstiftung an Autos, Häusern und Olivenhainen, sondern um schwere und teils tödliche Angriffe auf Menschen. Seit dem 7. Oktober 2023 haben die gewalttätigen Attacken massiv zugenommen, seit diesem März wurden laut »Times of Israel« sechs Palästinenser im Westjordanland von Siedlern erschossen. Die IDF gibt an, dass die Siedlergewalt 2025 um 27 Prozent gestiegen sei, die Zahl der als terroristisch einstufbaren Vorfälle um 50 Prozent.
Wiederholt haben Generalstabschef Eyal Zamir, der Kommandeur der israelischen Armee für Zentralisrael, General Avi Bluth, und auch Regierungschef Benjamin Netanjahu die Gewalt kritisiert. Doch das Problem ist nicht nur eine »verirrte Hügeljugend«, sondern strukturell. Warum war es bisher unmöglich, denjenigen Siedlern Einhalt zu gebieten, die offen auf Terror gegen Palästinenser und deren Vertreibung aus ihren angestammten Dörfern setzen?
Die Gewalt gegen Palästinenser sei »furchtbar« sowie »ethisch und moralisch falsch«, beklagte unlängst ein Rabbi, der zum Establishment der Siedlerbewegung gehört: Mosheh Lichtenstein, Ko-Rosch der Jeschiwat Har Etzion. Der renommierte Rabbiner lebt in der Siedlung Alon Shvut im »Gusch Etzion« im Westjordanland.
Anfang des Jahres gab er der »Times of Israel« ein Interview. Der Rabbi kritisierte: Eine der Hürden, die Exzesse in den Griff zu bekommen, sei eine auch innerhalb der israelischen Regierung akzeptierte Ideologie, die eine solche Art von Gewalt nicht als Problem ansehe. »Ich glaube, dass der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, und seine ganze Gruppe gewalttätige Menschen sind«, so Rabbi Lichtenstein. Man könne kaum von der Polizei erwarten, dass sie einschreite, wenn davon auszugehen sei, dass diejenigen, die die Macht haben, mit Gruppen sympathisieren könnten, die sich weigerten, »die Menschlichkeit der anderen Seite anzuerkennen«.
Rabbiner Lichtenstein hat Recht. Doch leider liegt das Problem nicht nur beim Rechtsextremisten Ben-Gvir und seinen Anhängern. Anfang 2025 hat Israels Verteidigungsminister Israel Katz (Likud) im Westjordanland alle Haftbefehle gegen Siedler, die sich in sogenannter Administrativhaft ohne Anklage befanden, aufheben lassen. In der Siedler-Extremistenszene wird man das Signal selbstverständlich im eigenen Sinne gedeutet und als Freibrief gewertet haben.
Ein weiteres Problem, das Rabbi Lichtenstein zutreffend schildert, ist die schweigende Mehrheit unter den 700.000 Israelis, die mittlerweile in Siedlungen im seit 1967 besetzten Westjordanland leben. In den letzten 30 bis 40 Jahren seien Siedler-Übergriffe von vielen Israelis heruntergespielt und die Täter zudem mit Milde behandelt worden. Warum? »Weil manche sagten, ich würde so etwas zwar nicht machen, aber wenn das unseren Besitz des Landes Israel befördert, dann schaue ich lieber weg«, kritisierte der Rabbiner.
Das Judentum ist weder ein Glaube an Gewalt und Rache noch ein Glaube an Macht als Wert an sich, betont Rabbiner Mosheh Lichtenstein.
Doch das Judentum sei weder ein Glaube an Gewalt und Rache noch ein Glaube an Macht als Wert an sich. Rabbiner hätten die Pflicht, dies in ihren Predigten in den Synagogen deutlich zu machen. »Wenn die Menschen eine scharfe Verurteilung (von Gewalt) hören, wird das auf sie Eindruck machen«, hofft Rabbi Lichtenstein. Es ist zu hoffen, dass viele Rabbinerinnen und Rabbiner innerhalb und außerhalb Israels seine Worte in ihre Gemeinden weitertragen.
»Ich halte es mit dem Ramban (Nachmanides), der sagt: Man wird den Anspruch auf das Land niemals durch unmoralische oder unethische Mittel voranbringen.« Im Gegenteil, es sei sogar möglich, den Anspruch und das Privileg, Israel zu besitzen, wegen der Gewalt zu verlieren, warnt Rabbiner Lichtenstein.
Eine Gefahr, die auf lange Sicht leider real ist. Denn trotz aller militärischen Erfolge wird ein Land, das den Hass und die Gewalt aus den eigenen Reihen nicht in den Griff bekommt, dies dem Rest der Welt nicht erklären können, aller Apologetik zum Trotz. Man könnte es auch so wie Eyal Zamir formulieren: »Die Gewalttäter gefährden die Siedlungen, Sicherheit und Stabilität sowie unsere Werte als Volk und Staat.«
goldmann@juedische-allgemeine.de