Westjordanland

Generalstabschef Zamir: »Bevor es zu spät ist«

Israels Generalstabschef Eyal Zamir Foto: copyright (c) Flash90 2025

Die Warnung kommt ungewöhnlich deutlich – und aus dem Innersten des Sicherheitsapparats. Generalstabschef Eyal Zamir spricht von »inakzeptabler« Gewalt durch israelische Siedler im palästinensischen Westjordanland und warnt vor »außergewöhnlichem strategischem Schaden«. Gemeint ist nicht nur die moralische Dimension, sondern eine sicherheitspolitische: Jede Attacke extremistischer Gruppen untergräbt die Stabilität vor Ort und spielt Israels Feinden in die Hände.

Damit rückt ein Thema in den Mittelpunkt, das lange als Randphänomen behandelt wurde, inzwischen aber selbst von Militärs als strategisches Risiko eingestuft wird.

Bei einem Besuch im Zentralkommando stellte Zamir einen Anstieg nationalistisch motivierter Straftaten fest, von denen einige »auch direkt gegen unsere Soldaten und die Zivilbevölkerung gerichtet sind«. Diese Äußerungen erfolgten wenige Stunden, nachdem extremistische Siedler das palästinensische Dorf Mukhmas angegriffen hatten. Videoaufnahmen zeigen mehrere Angreifer, die versuchten, Hühnerställe in Brand zu setzen und Brandbeschleuniger benutzen.

Zamir verlangt, gegen Phänomen vorzugehen und es auszumerzen

»Es ist inakzeptabel, dass die IDF während eines Mehrfrontenkrieges auch noch mit einer bedrohlichen Minderheit aus den eigenen Reihen zu kämpfen habt«, sagte Zamir. »Sie gefährden die Siedlungen, Sicherheit und Stabilität sowie unsere Werte als Volk und Staat«, fuhr er fort und forderte die Behörden auf, »gegen dieses Phänomen vorzugehen und es auszumerzen, bevor es zu spät ist«.

Auch andere Stimmen aus dem Sicherheitsestablishment schlagen Alarm. Ghassan Alian, Leiter der israelischen Zivilverwaltung in den Palästinensergebieten, verurteilte die Angriffe ebenfalls eindeutig: »Diese Vorfälle sind beschämend und schaden in erster Linie uns selbst.«

Tatsächlich hat die Gewalt in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen. Internationale Berichte dokumentieren einen starken Anstieg von Angriffen durch Siedler auf palästinensische Dörfer, Felder und Infrastruktur. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Sachbeschädigung. Immer häufiger werden Häuser in Brand gesetzt, Moscheen attackiert oder ganze Gemeinden unter Druck gesetzt, ihre Wohnorte zu verlassen.

Eyal Zamir: »Die Gewalttäter gefährden die Siedlungen, Sicherheit und Stabilität sowie unsere Werte als Volk und Staat.«

Beispiele aus den vergangenen Wochen zeigen die Dynamik: Bewaffnete Gruppen dringen in palästinensische Ortschaften ein, zerstören Eigentum und greifen Bewohner an. In einigen Fällen sind palästinensische Bewohner von extremistischen Siedlern erschossen worden. Beobachter sprechen von einer neuen Qualität der Gewalt – organisiert, koordiniert und oft ohne Konsequenzen für die Täter.

Parallel dazu wächst der Vorwurf, staatliche Strukturen griffen nicht konsequent ein. Menschenrechtsorganisationen wie etwa Jesh Din berichten, dass Polizei und Armee bei Angriffen gegen Palästinenser teilweise nicht einschreiten oder Täter nur selten zur Verantwortung gezogen werden. Für die Armee entsteht daraus ein doppeltes Problem: Sie muss nicht nur militante Palästinenser bekämpfen, sondern zugleich die Gewalt aus den eigenen Reihen eindämmen – ein Szenario, das Zamir offenbar als »strategische Überdehnung« begreift.

Der israelische Sicherheitsexperte Michael Milshtein, ehemaliger Offizier des Militärgeheimdienstes, warnt vor einer gefährlichen Dynamik. »Jede dieser Attacken wirkt wie ein politischer Brandbeschleuniger – sie verschärft Spannungen und erhöht das Risiko einer breiteren Eskalation«, sagt er.

Einige sprechen inzwischen offen von »jüdischem Terrorismus«

Innerhalb Israels wird die Entwicklung zunehmend offen diskutiert. Sicherheitskreise warnen seit Monaten vor einem Kontrollverlust über radikale Siedlergruppen. Einige sprechen inzwischen offen von »jüdischem Terrorismus« – ein Begriff, der lange tabu war. Die Ursachen liegen tiefer: Der Ausbau von Siedlungen, politische Rückendeckung durch Teile der Regierung, die zunehmende Bewaffnung von Zivilisten und der Mangel an Konsequenzen haben ein Umfeld geschaffen, in dem sich extremistische Akteure ermutigt fühlen.

Gleichzeitig verschiebt der anhaltende Konflikt, zuletzt verschärft durch die Auseinandersetzungen an mehreren Fronten, die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte. Im Schatten des Krieges gegen den Iran und die Hisbollah eskaliert die Siedlergewalt noch weiter.

Auch konservative Politiker melden sich jetzt zu Wort. Naftali Bennett, ehemaliger Premierminister und ein Befürworter von Siedlungen auf Palästinensergebiet, prangerte die Übergriffe ebenfalls und sprach von »gewalttätigen Banden«, die Israels Sicherheit untergraben. Auf X postete er: »Wir haben keinen jüdischen Staat gegründet, damit gewalttätige Banden darin ihr Unwesen treiben. Ich verurteile jegliche nationalistische Gewalt extremistischer Juden in Judäa und Samaria aufs Schärfste.«

»Gerade weil ich an unser Recht auf das Land und die dortigen Gemeinschaften glaube, müssen wir die Randalierer verurteilen und jegliche Gewalt aus den eigenen Reihen verbannen«, schrieb er weiter. Es sei ein weiteres Versagen der Regierung, meinte Bennett und rief dazu auf, »die israelischen Streitkräfte und die Polizei ihre Arbeit tun zu lassen.«

Entwicklung ist vor allem ein Sicherheitsproblem

Diese Wortwahl markiert eine Verschiebung im Diskurs. Lange galt Kritik an Siedlern in rechten Kreisen als politisch heikel. Dass nun auch ein ehemaliger Regierungschef aus diesem Lager öffentlich Position bezieht, zeigt, wie ernst die Lage eingeschätzt wird.

Für die militärische Führung ist die Entwicklung vor allem ein Sicherheitsproblem. Jeder Angriff auf Palästinenser kann neue Gewalt auslösen, internationale Kritik verstärken und belastet die Sicherheitskooperation mit palästinensischen Partnern.

Zamir hat es mit militärischer Klarheit formuliert: Die Gewalt schwächt Israel nicht nur moralisch, sondern operativ. Sie bindet Kräfte, verschärft Spannungen und, resümiert der Stabschef, »gefährdet langfristig die Ziele des Staates Israel«.

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