Alltag im Krieg

Mitgehört im Bunker ...

Fast gleichzeitig geht in den Häusern das Licht an. Türen fliegen auf. Jemand ruft verschlafen den Namen eines Kindes, hebt ein Baby aus seinem Bett. Barfüßige Schritte auf Fliesen. Eine Mutter zieht ihrem Sohn im Halbschlaf eine Jacke über den Schlafanzug. Im Treppenhaus schlagen Türen, jemand rennt die Stufen hinunter. Eine Nachbarin steht schon unten, noch im Morgenmantel, mit einem Hund an der Leine. »Zewa Adom«, schreit die App auf den Mobiltelefonen. Alarmstufe Rot. Die Raketen aus dem Iran sind auf dem Weg.

Bevor das nervenzermürbende Heulen der eigentlichen Sirenen losgeht, bekommen alle Israelis eine Vorwarnung auf ihr Mobiltelefon. Das Heimatfrontkommando der Armee verschickt dabei einen sogenannten »Amber Alert«, eine schrille Pushnachricht, die zu jeder Tages- und Nachtzeit ankündigt, dass in den kommenden Minuten Raketenalarm erwartet wird.

Seit dem 28. Februar rennen alle Israelis, die keinen eigenen Schutzraum in ihrem Haus haben, im Halbschlaf durch die nächtlichen Straßen, um die öffentlichen Luftschutzbunker zu erreichen, unterirdische Schutzräume aus dickem Stahl und Beton.

»Ich fühle mich nicht gut.« – »Ganz ruhig atmen. Hat jemand Wasser?«

Dort sitzen sie dann zusammen: Nachbarn, Familien, Fremde – oft im Schlafanzug oder mit hastig übergezogenen Jogginganzügen und Schlappen. Ist der Letzte drin, wird die schwere Metalltür des Bunkers geschlossen, damit bei einem möglichen Einschlag keine Druckwelle hineinzieht. Immer wieder stehen Menschen schon an der Tür, bevor die offizielle Entwarnung kommt – und werden von den anderen zurückgerufen, weil ein zu frühes Öffnen alle im Raum gefährden kann.

Viele starren auf ihre Handys, lesen die Nachrichten, schauen, ob es irgendwo einen Einschlag gab, senden »Wie geht es dir?«-Nachrichten an Freunde und Verwandte und warten auf die Entwarnung des Heimatfrontkommandos. Andere versuchen, auf den harten Bänken oder dem Boden ein paar Minuten zu schlafen.

Selbst wenn die Sirenen schweigen, kehrt der Schlaf nicht zurück

Doch selbst wenn die Sirenen schweigen, kehrt der Schlaf oft nicht mehr richtig zurück. Viele Menschen berichten, dass sie inzwischen auch in ruhigen Nächten immer wieder hochschrecken – weil sie glauben, den Alarm zu hören. Ein Phantomgeräusch, das sich im Unterbewusstsein festgesetzt hat.

Je tiefer die Nacht, desto leiser werden die Stimmen und kürzer die Gespräche. Müdigkeit legt sich wie eine schwere Decke über den Raum. Und doch gibt es in diesen Nächten auch immer wieder Unterhaltungen zwischen Sorge, Erschöpfung, ungebrochenem Lebensmut und manchmal auch mit einer gehörigen Prise schwarzem Humor.

Die folgenden Gesprächsfetzen wurden in einem öffentlichen Bunker in Tel Aviv mitgehört.

1.20 Uhr – Der Alarm schrillt mit kurzem Abstand zweimal<br>hintereinander

»Oh, heute gibt es 2 für 1.«
»Iranisches Sonderangebot.«

»Wo ist dein Sohn?«
»Er ist hier im Video. Yotam kann nicht mit in den Bunker laufen, vor zwei Wochen hat er sich das Bein gebrochen. Deshalb bleibt er zu Hause. Aber wir haben keinen Mamad. Wenn ich losgehe, facetimen wir, bis ich wieder zurück bin. Anders halte ich das nicht aus. Ich habe riesengroße Angst um ihn.«

»Kann mir jemand den Unterschied zwischen den Raketen aus dem Iran und denen aus dem Libanon erklären? Ich habe erst vor einem Monat Alija gemacht.«
»Wo kommst du her?«
»Russland.«
»Stimmt, hier ist es besser.«
»Auf jeden Fall.«
»Also, bei denen aus dem Iran gibt es die Warnung auf die Handys, dann hast du ein paar Minuten. Bei denen aus dem Libanon geht die Sirene los, und dann rennst du am besten, so schnell du kannst. 90 Sekunden. Maximal.«

»Könntest du ein bisschen Platz machen? Meine Frau ist schwanger.«
»Entschuldigung, ich muss da hinten auf die Bank.«
»Es gibt hier doch keine Reservierungen.«
»Aber mein Hund hat Angst vor all den großen Hunden.«
»Es stinkt hier nach Hunden!«
»Ja, sollen wir die denn zu Hause lassen?«

»Aba, kann ich noch ein Bonbon haben?«
»Nein, du hattest schon drei. Dann kannst du gar nicht mehr schlafen.«
»Ich will in mein Bett.«

»Ich bin aus Brasilien gekommen, um in Israel die Liebe zu finden, aber ich bin mir nicht sicher, ob das im Bunker funktioniert.«
»Warum nicht? Schau dich doch mal um.«
»Aber ich kann doch nicht einfach jemanden ansprechen …«
»Wieso denn nicht? Kleiner Tipp: Bring Popcorn mit oder back einen Kuchen und biete es an. Dann klappt es bestimmt.«
»Hm, gute Idee.«

1.45 Uhr – Das Heimatfrontkommando schickt die Entwarnung auf die Handys

»Können wir?«
»Ja, Meldung ist da.«
»Ich hoffe, das war’s für heute.«

»Wenn nicht, kann ich wenigstens meine Steuererklärung fertig machen. Wenn schon kein Schlaf, dann wenigstens produktiv sein.«
»Das nenne ich Multitasking!«

3.05 Uhr – Neuer Alarm. Die Tür fällt ins Schloss.

»Wow, was war das? Iron Dome?«
»Nein, das war die Tür. Die muss richtig geschlossen sein. Wegen der Druckwelle bei einem Einschlag.«
»Ich fühle mich nicht gut.«
»Ganz ruhig atmen. Hier, halt meine Hand. Hat jemand Wasser? Sie hat Angst.«
»Vor der Sicherheitsluke stehen Flaschen und Becher.«
»Danke … mein Herz rast immer noch.«
»Wo kommst du her?«
»Aus New York. Die Nächte sind hart.«
»Ja, das sind sie. Aber das geht auch vorbei. Hier sind wir sicher.«

»Hey, du kannst nicht einfach gehen. Wenn du die Tür öffnest, gefährdet es uns alle.«

»Hey, du kannst nicht einfach gehen. Wenn du die Tür öffnest, gefährdet es uns alle.«
»Hey, dies ist ein öffentlicher Bunker, da kannst du nicht einfach gehen, wenn du magst. Wenn du die Tür öffnest, gefährdet es uns alle.«
»Aber zehn Minuten sind um.«
»Diese Regel gilt schon lange nicht mehr. Wir müssen warten, bis die Entwarnung kommt.«
»Ah. Ok. Wusste ich nicht.«

»Ich bin als Soldat allein nach Israel gekommen. Meine ganze Familie ist in Spanien.«
»Hast du hier gar keine Verwandten?«
»Nein, niemanden. Aber Freunde.«
»Meine Eltern sind geschieden. Ich will, dass meine Mutter auch Alija macht. Aber sie spricht kein Hebräisch.«
»Und will sie denn einwandern?«
»Sie sorgt sich wegen der andauernden Kriege. Kannst du das verstehen?«
»Ahm, na ja, eigentlich schon. Vielleicht wartet sie lieber noch etwas.«

»Hatten sie nicht gesagt, dass es bald wieder Schule gibt?«
»Schön wär’s. Das gilt aber für einige Gegenden, zum Beispiel im Negev und am Toten Meer, nicht für uns.«
»Ich ziehe um … Mal Online-Unterricht, dann wieder nicht. Sie sitzen nur noch am Handy.«
»Meine auch. TikTok, Spiele, Videos.«
»Ich habe versucht, ihnen Bücher zu geben.«
»Und?«
»Sie haben mich angeschaut, als hätte ich sie gezwungen, Holz zu hacken.«
»Meine Tochter sagt, sie sei zu müde zum Lernen.«
»Ehrlich gesagt bin ich das auch.«
»Manchmal denke ich, diese Generation kennt die Bunker besser als ihre Klassenräume.«

3.15 Uhr – Wieder Alarm. Die Gespräche werden leiser

»Schläfst du eigentlich noch richtig?«
»Nicht wirklich.«
»Ich auch nicht. Man legt sich hin und wartet schon auf die nächste Sirene.«
»Selbst wenn keine kommt, wache ich ständig auf.«
»Ja. Man denkt, man hätte sie gehört.«
»Phantom-Sirenen, ich habe letztens ein Interview mit einem Psychologen gelesen. Das gibt es wirklich. Ist so was wie eine permanente Angst im Unterbewusstsein.«
»Genau. Mein Körper glaubt inzwischen, jede Nacht sei Alarm.«
»Bei mir ist das ganz extrem beim Duschen. Da bekomme ich fast eine Panikattacke.«

»Weiß jemand, wie lange das noch gehen soll?«
»Eine Woche? Einen Monat?«
»Oder Monate.«
»Vielleicht noch länger.«
»Das ist das Schlimmste. Diese Ungewissheit.«
»Ja. Es fühlt sich an, als würde das Land langsam in eine einzige endlose schlaflose Nacht rutschen.«

3.30 Uhr – Die Entwarnungsmeldung pingt

»Uff, ich will nur noch in mein Bett.«
»Ja, fragt sich bloß, wie lange wir da bleiben.«
»Ach komm, das muss es doch für heute gewesen sein.«
»Laila tow – gute Nacht!«
»Hoffentlich. Laila tow!«
»Ich fühle mich nicht gut.« – »Ganz ruhig atmen. Hat jemand Wasser?«

4.15 Uhr – Der Alarm schrillt

»Schon wieder?«
»Ich kann es nicht glauben.«
»Wahrscheinlich haben die Iraner jetzt gecheckt, dass sie uns auf diese Weise treffen können, wo sie uns schon nicht wirklich treffen. Sie bringen uns nicht um, sie machen uns zu Zombies.«
»Der Psychoterror wirkt. Ich bin so platt.«
»Ist das der zweite oder dritte Alarm?«
»Ich habe aufgehört zu zählen und meine Klamotten einfach angelassen. Sogar die Jacke.«

»Wozu hast du zwei Kissen mit?«
»Ich kann nicht mehr sitzen. Diese Bänke sind so hart.«
»Schau mal, die haben hier geschlafen.«
»Ja, aber die Matratzen sehen nicht sehr bequem aus.«
»Vielleicht bekommen sie so ein Auge zu. Gar nicht dumm.«

»Mama, warum knallt die Tür immer so laut?«
»Sie ist aus dickem Metall. Damit uns nichts trifft, wenn draußen etwas explodiert.«

»Mein Sohn fragte, warum die Raketen immer nachts kommen.«
»Was hast du gesagt?«
»Dass die Iraner tagsüber auch arbeiten müssen.«

4.40 Uhr – Die Entwarnungsmeldung pingt

»Ich bleibe einfach hier sitzen. Es lohnt sich nicht hochzugehen.«

»Liebe Iraner, eure Botschaft ist angekommen. Bitte nicht noch mal. Nicht heute.«

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»Wie spät ist es?«
»Kurz nach halb fünf.«
»Dann können wir eigentlich gleich wach bleiben.«
»Fehlt nur noch Kaffee.«
»Ich mache welchen. Kommst du mit?«
»Gern. Aber nur, wenn du Becher zum Mitnehmen hast. Falls es noch mal schrillt.«
»Hab ich. Komm, bevor es wieder losgeht.«
»Na dann – boker tow – guten Morgen!«

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