Hamas-Massaker

Ex-Geisel Rom Braslavski: »Schämt Euch«!

Rom Braslavski fordert am Montag gemeinsam mit anderen ehemaligen Geiseln in der Knesset Knesset eine unabhängige Untersuchung. Foto: Flash 90

Als Benjamin Netanjahu in einem Interview mit dem US-Sender CBS erstmals einräumte, dass auch er Verantwortung für die Versäumnisse vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 trage, klang das zunächst wie ein spätes Eingeständnis. »Jeder trägt einen Teil der Verantwortung. Ja, vom Premierminister abwärts«, sagte er in einem nicht ausgestrahlten Teil des Gesprächs mit der Sendung »60 Minutes«, wie israelische Medien berichteten. Doch nur wenige Sätze später relativierte der Regierungschef seine Worte bereits wieder.

Die »eigentliche Frage« sei nicht, was vor dem 7. Oktober geschehen sei, sondern was danach und wie seine Regierung Israel aus der »Schlinge des Todes« befreit habe, die der Iran und seine Verbündeten dem Land angelegt hätten.

Während Netanjahu den Fokus auf den Krieg nach dem Massaker lenken will, wächst in Israel der Druck auf die politische Führung, endlich Verantwortung für das schwerste Staatsversagen in der Geschichte des Landes zu übernehmen. Besonders eindringlich formulierte das nun die ehemalige Geisel Rom Braslavski.

Bei einer Pressekonferenz in der Knesset zusammen mit anderen Ex-Geiseln und Angehörigen wandte sich Braslavski mit scharfen Worten an die Abgeordneten – »von der extremen Linken bis zur extremen Rechten«. Alle Mitglieder des Parlaments sollten zurücktreten, forderte er. Zugleich verlangte er die Einsetzung einer staatlichen Untersuchungskommission zu den Fehlern rund um den Hamas-Angriff und das Massaker vom 7. Oktober.

Auch Braslavski fordert unabhängige Untersuchung

»Übernehmt Verantwortung und verschwindet aus unserem Leben«, sagte Braslavski. »Das Blut aller am 7. Oktober Ermordeten klebt an euren Händen.« Bevor die Politiker gingen, sollten sie wenigstens dafür sorgen, dass eine unabhängige Untersuchungskommission endlich kläre, »was hier genau passiert ist, damit so etwas nie wieder geschieht«.

Braslavski war beim Nova-Musikfestival, als Hamas-Terroristen den Süden Israels überfielen. Er schilderte, wie er zwischen Leichen eingeschlossen gewesen sei, bevor er nach Gaza verschleppt wurde. Dort sei er gefoltert und ausgehungert worden. Während der Pressekonferenz hielt er Fotos seines abgemagerten Körpers aus der Zeit der Gefangenschaft hoch.

Besonders bitter sei für ihn die Rückkehr nach Israel gewesen. Braslavski gehörte zu den letzten rund 20 Geiseln, die im Oktober 2025 freikamen. »Nicht einer von euch armseligen Leuten kam, um mich willkommen zu heißen oder sich zu entschuldigen«, erklärte er. Niemand habe gesagt: »Es tut mir leid, dass das passiert ist. Es tut mir leid, dass wir zwei Jahre gebraucht haben, um dich zurückzubringen.«

Braslavski berichtete zudem, dass er bis heute um die Anerkennung seiner Verletzungen kämpfen müsse. Obwohl er Soldat war (am Wochenende des Angriffs allerdings nicht im Dienst) streite der Staat darüber, ob er zu 50 oder zu 100 Prozent als invalider Veteran gelte. »Schämt euch«, rief er den Politikern zu. »Das Volk Israel hat schon vor langer Zeit aufgehört wirklich zu leben, weil ihr es zerstört habt.«

Rom Braslavski: »Niemand hat gesagt: ‚Es tut mir leid, dass das passiert ist. Es tut mir leid, dass wir zwei Jahre gebraucht haben, um dich zurückzubringen‘.«

Seine Worte treffen einen Nerv in der israelischen Gesellschaft. Seit dem 7. Oktober haben nahezu alle zentralen Sicherheitsverantwortlichen entweder ihren Rücktritt angekündigt oder ihr Amt verloren. Der damalige Generalstabschef Herzi Halevi erklärte Anfang des Jahres seinen Rücktritt und sprach ausdrücklich von persönlicher Verantwortung für das militärische Versagen. Auch der Chef des Militärgeheimdienstes, Aharon Haliva, trat zurück. Mehrere ranghohe Offiziere und Sicherheitsfunktionäre räumten Fehler ein oder wurden abgelöst.

Der Inlandsgeheimdienst Schin Bet veröffentlichte zudem interne Untersuchungen, in denen schwere Fehleinschätzungen eingeräumt wurden. Selbst ehemalige Ministerpräsidenten und frühere Sicherheitschefs forderten eine umfassende staatliche Kommission, um die Versäumnisse aufzuklären. Es ist die höchste Form einer unabhängigen Untersuchung in Israel.

Eine solche Kommission besitzt weitreichende Befugnisse. Sie wird in der Regel vom Präsidenten des Obersten Gerichts eingesetzt und kann Zeugen vorladen, Dokumente anfordern und persönliche Verantwortlichkeiten benennen. Nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 führte eine staatliche Untersuchungskommission zum Rücktritt zahlreicher Spitzenvertreter und prägte das politische Selbstverständnis Israels nachhaltig.

Doch ausgerechnet die aktuelle Regierung verweigert bis heute die Einsetzung eines solchen Gremiums. Netanjahu schlägt stattdessen eine politisch besetzte Untersuchungskommission vor – ein Modell, das Kritiker als Versuch werten, eine unabhängige Aufarbeitung zu verhindern. Umfragen zeigen seit Monaten, dass eine klare Mehrheit der Israelis eine staatliche Untersuchungskommission unterstützt.

Erbitterte Auseinandersetzungen hätten Gesellschaft polarisiert

Der Vorwurf an Netanjahu lautet dabei nicht nur, die Warnzeichen vor dem Angriff ignoriert zu haben. Kritiker werfen seiner Regierung vor, das Land durch jahrelange politische Spaltung geschwächt zu haben. Die erbitterten Auseinandersetzungen um die Justizreform hätten Armee und Gesellschaft polarisiert. Gleichzeitig konzentrierte sich die Regierung stark auf das Westjordanland, während die Bedrohung aus Gaza unterschätzt worden sei.

Hinzu kommt die langjährige Strategie gegenüber der Hamas. Netanjahu hatte über Jahre versucht, die islamistische Organisation indirekt zu stabilisieren, um eine stärkere palästinensische Einheit unter der Palästinensischen Autonomiebehörde zu verhindern. Katar durfte Millionenhilfen nach Gaza überweisen, während Israel glaubte, Hamas sei an Ruhe interessiert. Der 7. Oktober zerstörte diese Annahme brutal.

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Netanjahu hingegen betont vor allem die militärischen Erfolge seit dem Angriff. Im CBS-Interview verwies er darauf, dass Israel »systematisch« gegen die verschiedenen Fronten des iranischen Einflussnetzes vorgegangen sei. Die Frage der Verantwortung für die Vorgeschichte versucht er damit in den Hintergrund zu rücken.

Genau das empfinden viele Israelis inzwischen als unerträglich. Angehörige der Opfer, ehemalige Geiseln und Reservisten werfen der politischen Führung vor, sich der moralischen Verantwortung zu entziehen. Während Generäle, Geheimdienstler und Offiziere Fehler eingestanden hätten, halte sich die Regierung an der Macht fest.

Mehr als zweieinhalb Jahre nach dem schlimmsten Massaker an Juden seit der Schoa bleibt damit ein bemerkenswerter Befund: Fast alle staatlichen Institutionen haben Fehler eingeräumt oder personelle Konsequenzen gezogen – nur die politische Führung Israels hat bis heute keine echte Verantwortung übernommen.

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