Tel Aviv

Zwischen Alltag und Angriffen: So erleben Israelis den Krieg

Passanten am Montag auf dem Mahane-Yehuda-Markt in Jerusalem Foto: Copyright (c) Flash 90 2026

Im Nordwesten der israelischen Küstenmetropole Tel Aviv ist am Wochenende ein ungewöhnlich lauter Knall zu hören. Nach Ende eines iranischen Angriffs strömen in einem Viertel dort etliche Menschen aus Schutzräumen auf die Straße. Es hat sich herumgesprochen: In der Gegend ist ein Raketenteil eingeschlagen.

Seit anderthalb Wochen greifen Israel und die USA Ziele im Iran an. Das Land schlägt zurück - und feuert Raketen auf Israel und weitere Staaten in der Region. In Israel ist eine große Mehrheit trotz des mitunter tödlichen Raketenbeschusses Umfragen zufolge für den Krieg. Viele hoffen demnach auch auf einen Regierungssturz im Iran. Viele Israelis sehen ihre Heimat durch das iranische Raketen- und Atomprogramm existenziell bedroht.

Nach dem Einschlag am Sonntag drängen Polizisten Anwohner und Schaulustige zurück, während sie die Gegend großflächig absperren. Spezialkräfte untersuchen zunächst, ob Explosionsgefahr besteht. Ein Auto wurde getroffen, daneben hat das Raketenteil ein großes Loch geschlagen.

Die Besitzerin des Autos ist sichtlich schockiert. »Ich war nicht zu Hause«, berichtet sie der Deutschen Presse-Agentur. Auch ihre Wohnung habe etwas abbekommen - ihr Mann habe ihr berichtet, dass Fensterscheiben zerbrochen seien. Immerhin: er selbst habe den Angriff sicher im Luftschutzbunker überstanden. Mehr kann die Frau nicht erzählen - auf den Handys aller Umstehenden ist schon wieder der schrille Warnton des israelischen Zivilschutzes zu hören. Ein weiterer Angriff steht bevor. Eilig machen sich die Menschen erneut auf den Weg in Schutzräume.

Viele Menschen übernachten in Schutzräumen

Viele Menschen schlafen derzeit auch in den Schutzräumen, auch weil sie es sonst in der Nacht kaum rechtzeitig in die Bunker schaffen würden. Nach der Handywarnung bleiben nur wenige Minuten, um sich in Sicherheit zu bringen. Und nicht alle haben einen Bunker in unmittelbarer Nähe. In einem unterirdischen Parkhaus im Norden von Tel Aviv haben einige Anwohner sogar Zelte aufgebaut, in denen sie derzeit übernachten.

Oberirdisch bietet sich dieser Tage ein Bild, das fast nach Normalität aussieht. Die meisten Geschäfte haben geöffnet, am Strand von Tel Aviv treiben Menschen Sport und nicht wenige Israelis verbringen ihre Zeit auch wieder in Cafés, Bars oder Restaurants. Die Lokale sind allerdings längst nicht so gut besucht wie normalerweise.

Lesen Sie auch

»Wir sind an Ausnahmesituationen gewöhnt«, erklärt der Anwalt Itay, der mit einem Arbeitskollegen einen Espresso in einem Café trinkt. Raketenangriffe gehören für Israelis schon seit Jahrzehnten zum Alltag. Die iranischen Geschosse gelten allerdings als besonders gefährlich. »Wir passen uns immer an die aktuelle Lage an«, sagt der 60-Jährige weiter. Er erkundige sich derzeit etwa immer nach dem nächsten Schutzraum, wenn er irgendwo außer Haus Zeit verbringe.

Viele Israelis gehen arbeiten - Schulen geschlossen

Eine Kellnerin in dem Café ist in der aktuellen Lage weniger gelassen: »Ich habe Kinder und wäre in dieser Zeit wirklich gerne bei ihnen«, sagt die 38 Jahre alte Avital. Sie müsse aber arbeiten, weil die Familie auf das Geld angewiesen sei, erklärt die Israelin, während sie für einen Kunden einen Kaffee zubereitet. Ihre Kinder seien gerade bei ihrer anderen Mutter - und damit zumindest in besten Händen. Die Kindergärten und Schulen im Land sind derzeit noch geschlossen.

Mehrmals täglich gibt es derzeit Warnungen vor Angriffen. In den Cafés bleiben dann die Gläser und in den Supermärkten die Einkaufswagen stehen. Nach rund 20 Minuten gibt es meistens Entwarnung und die Menschen können die Schutzräume wieder verlassen. Dann versuchen die Menschen, ihren Alltag so gut es geht wieder aufzunehmen.

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026

Hintergrund

Terror über den Wolken

Wie Pilot und Passagiere im Flug von Dubai nach Tel Aviv eine Katastrophe verhinderten

von Sabine Brandes  08.10.2026

Diplomatische Beziehungen

Britisches Konsulat in Jerusalem bleibt als Mission bestehen

Israel reagiert auf britische Sanktionen gegen israelische Siedlungspolitik, mehrere Diplomaten verlassen das Land. Gänzlich geschlossen wird das britische Konsulat in Ost-Jerusalem aber doch nicht

 08.10.2026

Meinung

Wenn Journalisten Terroristen sind – 170 Namen und eine unbequeme Wahrheit

Unser Autor reflektiert über die grundsätzliche Frage, was »Journalismus« in einem Gebiet bedeutet, das seit Jahren von einer totalitären Terrororganisation beherrscht wird

von Daniel Neumann  08.10.2026

7. Oktober

»Erinnern heißt auch, nach der Wahrheit zu suchen«

Bei der großen Gedenkveranstaltung im Hayarkon-Park standen die Opfer im Mittelpunkt – und die Forderung nach einer unabhängigen Untersuchungskommission

von Sabine Brandes  08.10.2026

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026

Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Norden war von Terror und Krieg besonders geschunden. Aber auch Absagen aus dem Ausland beendeten Shachar Bers Karriere als Drummer. Mit einer eigenen Aufstrich-Marke wagt er den Neuanfang

von Sabine Brandes  07.10.2026

Nachrichten

Massage, Kibbuz, Opposition

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026