Meinung

Knaulkorb für den Zentralrat

Ein Kommentar von Susanne Knaul in der »taz« sorgt für Wirbel Foto: IMAGO/epd

Gleich sechs Artikel widmete die »tageszeitung« (taz) am Mittwoch auf ihrer Homepage dem Thema Iran.

Das erste Stück, ein Portrait von Ahmad Vahidi, des neuen Chefs der mächtigen Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), trägt die passende Überschrift »Wahnhafter Israelhass«. Es bietet viel Hintergrund über einen langjährigen Fahrensmann des getöteten Ajatollahs Ali Chamenei. Unter anderem erfährt der »taz«-Leser, dass Vahidi als Drahtzieher der Bombenanschläge auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires 1994 gilt, bei dem 85 Menschen ermordet und 300 weitere zum Teil schwer verletzt wurden.

Auch in Deutschland stehen jüdische Einrichtungen bekanntlich im Visier des iranischen Regimes. Ob das auch Susanne Knaul, mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrte langjährige Nahostkorrespondentin der »taz«, auf dem Schirm gehabt hat, als sie Schuster in ihrem Kommentar anherrscht, beim Thema Iran »einfach mal die Klappe (zu) halten«?

Knaul wurmt es sehr, dass »ausgerechnet Josef Schuster« die israelisch-amerikanischen Luftschläge auf das iranische Regime für richtig befunden und er – oh weh, oh weh – das »öffentlich und in seiner Funktion als Präsident des Zentralrats der Juden« getan hat.

Ausgerechnet Josef Schuster? Weiß Knaul, dass sie mit dem Finger auf jenen Mann zeigt, der unter anderem wegen der Bedrohungen durch das Mullah-Regime rund um die Uhr Personenschutz braucht? Weiß sie, dass sie ausgerechnet der Vertretung jener Minderheit einen Maulkorb auferlegen möchte, auf deren Gotteshäuser vom Iran beauftragte Männer Brandanschläge verüben, wie 2022 im Fall der Bochumer Synagoge geschehen?

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Weiter schreibt Knaul: »Musste das sein, fragen sich nun vermutlich vor allem die, die selbst dem Judentum angehören.« Tun sie das wirklich? Vermutlich nicht. Aber dem Verfasser dieser Zeilen ist natürlich nicht bekannt, mit wie vielen der rund 90.000 Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland Knaul gesprochen hat. Doch vermutlich waren es nicht viele.

Klischee vom Zentralrat als Sprachrohr der israelischen Regierung

Immerhin gesteht die »taz«-Journalistin dem Zentralrat zu, dass auch er das Recht auf eine eigene Positionierung habe. Sie sagt auch, dass niemand das Regime im Iran gut finden könne. Denn »der Gedanke an eine Atombombe in den Händen von Islamisten« müsse jeden vernünftigen Menschen beunruhigen. Und auch ihr ist nicht entgangen, dass der Iran Israel »wiederholt mit kompletter Zerstörung« gedroht hat.

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War die reißerische Überschrift über dem Kommentar also nur übles Clickbaiting der taz-Redaktion? Nicht ganz. Denn ihren Relativierungen lässt Knaul prompt einen Satz folgen, der aufhorchen lässt. Schuster hätte sich, findet sie, »in seiner Funktion zurückhalten und Stellungnahmen dieser Art besser dem israelischen Botschafter überlassen müssen«.

Die subtile Botschaft, die Knaul hier transportiert: Der Zentralrat ist das Sprachrohr der israelischen Regierung. Und die logische Schlussfolgerung vieler »taz«-Leser dürfte sein: Wenn deutsche Juden Israels Handeln verteidigen, brauchen sie sich ja nicht zu wundern, wenn der Antisemitismus anwächst. Jürgen Möllemann lässt grüßen.

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Am Ende ihres taz-Kommentars gibt Susanne Knaul Josef Schuster einen Ratschlag, der mehr als Schlag ist als Rat: »Wie viel besser hätte er daran getan, zur israelischen Kriegsführung auf Abstand zu gehen und gleichzeitig den Dialog mit in Deutschland lebenden Palästinensern zu suchen.« Von einer Aufforderung Knauls an die Palästinenser, den Dialog mit den Juden in Deutschland zu suchen, ist nichts bekannt.

War die »taz« nicht mal die Gralshüterin der Meinungsfreiheit?

Spätestens hier wird klar, dass es der Journalistin nicht um die Funktion des Sprechers geht, sondern um den Inhalt seiner Meinungsäußerung. Mit anderen Worten: Ihr missfällt Schusters Auffassung zum Nahostkonflikt. Man darf annehmen, dass sie ihren Kommentar so nicht geschrieben hätte, wenn der Zentralratspräsident Kritik an Israels Vorgehen geäußert hätte.

Nun kann man zum militärischen Vorgehen gegen den Iran getrost anderer Auffassung sein als der Zentralrat (der übrigens diese Zeitung herausgibt). Ihm und seinem Präsidenten per Überschrift zuzurufen, er möge »einfach mal die Klappe halten«, ist umso unverschämter, wenn man sich, wie die »taz« das des Öfteren tut, als Verteidigerin der Meinungsfreiheit aufschwingt.

Übrigens: Vor zehn Jahren beschimpfte ein Rechtsextremist den Vorsitzenden einer jüdischen Gemeinde in Deutschland als »frechen Juden-Funktionär«. Er wurde 2020 rechtskräftig wegen Volksverhetzung und Beleidigung verurteilt. Das Adjektiv »frech« hat Susanne Knaul nicht verwendet. Aber sinngemäß hat sie dasselbe gesagt über den obersten Vertreter des Judentums in Deutschland.

Dabei hat der Zentralrat in seiner Stellungnahme zu Recht - und in sachlichem Ton - darauf hingewiesen, dass ein Regimewechsel im Iran auch »unmittelbare Auswirkungen für die Sicherheit in ganz Deutschland« hätte. Den Krieg »bejubelt« hat er nicht.

Der Autor ist EU-Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen in Brüssel.

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