Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Rafael Seligmann Foto: imago images/VISTAPRESS

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026 08:30 Uhr

Iran wird nicht mehr von der US-Luftwaffe und jener Israels bombardiert. Teheran wiederum nimmt gegenwärtig kaum noch israelische Ziele offen unter Beschuss. Es herrscht zunächst eine zweiwöchige Feuerpause zwischen Washington und Teheran.

US-Präsident Trump, der eben noch damit drohte, Iran in die Steinzeit zu bomben, wenn dessen Mullah-Regime nicht sofort die »verdammte Straße von Hormuz« für die internationale Schifffahrt öffnen würde, gibt sich zufrieden. Seine Kriegsziele habe Washington längst erreicht, so der erratische New Yorker. Die alte Führung in Teheran sei ausgeschaltet und der Schiffsverkehr müsse nun freigegeben werden.

Ins gleiche Horn stößt US-Kriegsminister Pete Hegseth. Er verkündet einen vollständigen Triumph der amerikanischen Streitkräfte.

Alles wieder paletti? Und was ist mit den Menschen in Iran und Israel?

Genugtuung anderer Art herrscht in Berlin. Kanzler Friedrich Merz hatte kürzlich betont, »Dies ist nicht unser Krieg.« Bundespräsident Steinmeier wiederum urteilte bereits zuvor, dass der Krieg der USA dem Völkerrecht widerspreche. Nun ist der Krieg endlich vorbei – und es besteht gute Aussicht, dass die Spritpreise wieder fallen könnten, so die Mineralölkonzerne sich dazu bereitfinden.

Alles wieder paletti? Und was ist mit den Menschen in Iran und Israel?

In der Knesset, dem Parlament des jüdischen Staates, hatte Merzens CDU-Vorgängerin im Amt Angela Merkel 2008 mit Hinweis auf die Vernichtungspläne Irans gegen Israel hervorgehoben, »Israels Sicherheit ist deutsches Staatsinteresse«. Ohne diese Aussage zu beachten war der damalige deutsche Außenminister Steinmeier 2015 eine treibende Kraft des Nuklearabkommens mit Iran (JCPOA), an dem Israel, der am unmittelbarsten gefährdete Staat, nicht teilnehmen durfte.

Nachdem die USA unter Präsident Trump das Abkommen 2018 gekündigt hatten, verlor Teheran die letzten Hemmungen und machte sich daran, Uran zur Kernwaffenfähigkeit anzureichern. Träger-Raketen entwickelte Iran ohnehin. Europas Meinung und Interessen interessierten Teheran nicht.

Lesen Sie auch

Da Iran nicht daran dachte und denkt, mit Israel zu verhandeln, blieb Jerusalem nichts anderes übrig als – gemeinsam mit den USA – der Mullah-Diktatur zuvorzukommen und deren Atomwaffenfabriken im vergangenen Sommer anzugreifen, um seinerseits Attacken auf Zion zu verhindern. Das widersprach gängigen Interpretationen des Völkerrechts – diese fordern den Beweis eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs. Den sah der Völkerbund bereits 1938 nicht als gegeben an.

Die Vernichtung des europäischen Judentums nahm die Staatengemeinschaft ab Sommer 1941 weitgehend unbewegt hin. US-Präsident Roosevelt war genau über den Völkermord unterrichtet, ebenso wie der Papst, Churchill und andere. Die Kriegsmächte weigerten sich gar, die Wege nach Auschwitz zu bombardieren. Das muss hier erwähnt werden, denn keine israelische Regierung darf bei dieser jüngsten jüdischen Geschichte riskieren, die Existenz Zions vom – fehlenden – guten Willen seiner Feinde abhängig zu machen. Oder sich auf seine untätigen Freunde verlassen.

Die wollen lieber Israel die »Drecksarbeit« machen lassen, wie Kanzler Merz zugab. Wohl wissend, dass zumindest Europa selbst durch das Schiitenregime gefährdet ist. Dennoch schließt sich die Bundesregierung gegenwärtig der Kritik am Präventivkrieg Israels und der USA an. Berlin will im Einklang mit den verärgerten Bürgern bleiben, statt diese über die Hintergründe des Geschehens zu informieren.

So belässt man es dabei, sich über die ungehobelte Sprache Trumps zu empören. Es ist unpopulär zuzugeben, dass Trump sich mit Israel gewaltsam solidarisierte, während Deutschland es unterließ. Taktgefühl und politische Klugheit sowie Anstand hätten geboten, zumindest zu schweigen, statt der öffentlichen Meinung hinterher zu hecheln.

Israels untätige Freunde wollen lieber Jerusalem die »Drecksarbeit« machen lassen, wie Kanzler Merz zugab.

Bei der Bevölkerung in Israel und Iran kam – im Gegensatz zu europäischen Politikern – trotz des vorläufigen Endes der Bombardierungen keine Freude auf. Aus gutem Grund. Trump und Netanjahu hatten den Menschen einen Regimewechsel in Iran, das Ende der atomaren Bedrohungskapazitäten und des Raketenpotentials im rabiaten Schiitenreich versprochen. Doch kein Ziel konnte vollständig verwirklicht werden.

Jerusalem und Washington hatten bei ihren Attacken falsche Prioritäten gesetzt. Sie hätten ihre Schlagkraft wie zu Beginn des Waffengangs ausschließlich auf die verbrecherische Führung sowie deren Killereinheiten der Revolutionsgarden und den inneren Terrorverbänden der Basidschmilizen konzentrieren sollen. So wäre die oppositionelle Bevölkerung zum Umsturz ermutigt worden.

Lesen Sie auch

Stattdessen verzettelten die USA und Israel ihre Kräfte. Das Regime konnte sich trotz gravierender Verluste konsolidieren, die Bevölkerung niederhalten und die Nachbarn terrorisieren. Teheran wird in den anstehenden Verhandlungen von Washington erhebliche Zugeständnisse fordern – und bekommen. Denn Trump will um fast jeden Preis aus der Falle eines langanhaltenden Landkriegs in Asien entkommen. Doch der anstehende Geldsegen, für den auch die »zurückhaltenden« Europäer werden aufkommen müssen, wird keineswegs weitgehend zum Aufbau eines friedlichen Irans verwendet werden.

Vielmehr werden die Mullahs alles tun, um ihr Atom- und Raketenprogramm optimal auszubauen. Damit seine Existenz gewahrt bleibt, wird Jerusalem, wenn es in ein, spätestens in zwei Jahren wieder so weit ist, gezwungen sein, diese Bedrohungen auszuschalten – einerlei wer an der Regierung ist. Israel wird dabei voraussichtlich, wie so oft, alleine sein. Der nächste Krieg ist also absehbar. Teheran sitzt am Zeitschalter.

Die Mullahs werden alles tun, um ihr Atom- und Raketenprogramm optimal auszubauen.

Der Gewaltausbruch kann verhindert werden. Wenn die Europäer endlich begreifen, dass es sich bei dem Konflikt nicht um ein »Notopfer Israel« handelt, sondern dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Auch wenn es den Herren Macron, Sanches und Merz nicht gefällt: Ihre Länder sind gesellschaftlich, politisch und auch militärisch durch Teheran akut und potenziell bedroht.

Die Europäer sollten endlich ihre rosarote Beschwichtigungsbrille ablegen und der Gefahr ins Auge sehen. Wir sitzen alle im gleichen Boot. 1938 mit der Tschechoslowakei, heute mit Israel. Niemand verlangt von Deutschland und Europa, in den Krieg zu ziehen. Auch nicht Israel und dessen vermeintlich allmächtiger Premier.

Doch die Politiker und Bürger unseres freien alten Erdteils sollten sich ihrer wirtschaftlichen, politischen und nicht zuletzt moralischen Kraft besinnen und Solidarität mit der einzigen, bedrängten, keinesfalls fehlerlosen Demokratie in der Region üben – im eigenen Interesse.

Der Autor ist Historiker und lebt in Berlin. Jüngst erschien bei Herder sein Buch: »Keine Schonzeit für Juden. Die Antwort eines Betroffenen«.

Food-Trend

Der Mann fürs Eingemachte

Saure Gurken, Kraut und Rote Bete – für Eli Rosenblit ist Fermentieren mehr als Konservieren. Es ist Leidenschaft und israelische Lebensart. Ein Besuch in Herzliya

von Sabine Brandes  17.08.2026

Israel

Kushner wirbt bei Netanjahu für Gaza-Friedensplan

Trumps Schwiegersohn auf schwieriger Mission: Jared Kushner will einen Kompromiss ausloten, obwohl zwischen Israel und der Hamas bei den Verhandlungen über Gazas Zukunft noch eine tiefe Kluft liegt

 17.08.2026

Gesellschaft

Er starb – und rettete sechs Leben

Die Organspende des gefallenen israelischen Soldaten Shahar Gamla lässt auch ein siebenjähriges Mädchen gesund werden

von Sabine Brandes  17.08.2026

Machtkampf im Likud

Persönliche Wahlliste und »fake ballots«

Während die Parteimitglieder über Kandidaten abstimmen, sorgt Streit um reservierte Plätze und angeblich »gefälschte Stimmzettel« für Aufregung

von Sabine Brandes  17.08.2026

Nahost

Ben-Gvir will mehr Menschen im Gazastreifen töten lassen

Jede Nacht sollten »30 bis 40« Menschen »entfernt« werden, fordert der israelische Polizeiminister

 17.08.2026

Tel Aviv

Immer weniger Israelis kehren aus dem Ausland zurück

Der Knessetabgeordnete Gilad Kariv wirft der Regierung vor, die Rückkehr von Israelis aus dem Ausland nicht zu einer politischen Priorität gemacht zu haben

 17.08.2026

Straßenverkehr

KI-Ampeln sollen in Israel 771 Stunden pro Tag sparen

Das staatliche Straßeninfrastrukturunternehmen Netivei setzt auf Ampeln, die sich mithilfe künstlicher Intelligenz laufend an die aktuelle Verkehrslage anpassen

 17.08.2026

Tel Aviv

Yoseph Haddad gründet Partei

Der arabisch-israelische Aktivist startet im Vorfeld der für den 27. Oktober vorgesehenen Knesset-Wahlen eine Kampagne

 17.08.2026

Westjordanland

US-Delegation will attackiertes Dorf Qusra im Westjordanland besuchen

Nach einem Bericht des israelischen Senders Kanal 12 wollen sich die US-Vertreter vor Ort ein eigenes Bild von der Lage machen. Diese bleibt angespannt

 17.08.2026